Interview
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Was treibt die Gewalt von Jugendlichen an?
Manuel Eisner ist Kriminologe an der Universität Cambridge. Er kennt die Lust von Jugendlichen an der Randale. Von der Polizei erwartet er jetzt Besonnenheit.
02.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Auch in Marseille sind die Proteste in den vergangenen Wochen eskaliert. Darüber kann selbst ein Einhornkostüm nicht hinwegtäuschen.
Naël Chahine / Imago
Frage: Was geht im Kopf eines jungen Menschen vor, wenn er einen Stein auf einen Polizisten wirft?
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Antwort: Nervenkitzel und Euphorie. Wenn man Menschen nach Randalen befragt, sagen viele von ihnen: Das waren die besten Tage ihres Lebens. Sie hatten Spass dabei.
Frage: Randalieren ist ein reines Vergnügen?
Antwort: Nicht allein. Es braucht auch einen Feind. Das kann die Polizei sein, der Staat oder die Fans des gegnerischen Fussballvereins. Während eines Krawalls kehrt sich Macht um. Die jungen Menschen erleben plötzlich ein Gefühl der Kontrolle. Sie können in einer Gruppe von Gleichgesinnten Scheiben einschlagen und plündern. Es ist ein Hochgefühl des Rausches, geboren aus der Intensität des Moments und dem Überschreiten rechtlicher und sozialer Grenzen.
Frage: Mit Politik hat das wenig zu tun.
Antwort: Doch, es hat auch mit Politik zu tun. Die Proteste wurzeln in einer tiefen Unzufriedenheit der jungen Menschen mit dem Bildungswesen, dem Wohnungsmarkt und der Polizei. Bei den Ausschreitungen geht es aber nicht um ein genaues politisches Programm. Die Angriffe auf Polizei und staatliche Symbole spiegeln ein vages politisches Feindbild wider, die Plünderungen von Geschäften sind klassische Fälle von Gelegenheitskriminalität.
Zur Person
PD
Manuel Eisner
Manuel Eisner, Jahrgang 1959, ist Professor für Kriminologie an der Universität Cambridge. Er war von 2022 bis 2026 Direktor des kriminologischen Instituts, wo er 2014 das dort ansässige Violence Research Centre gründete. Eisner untersucht, warum Menschen gewalttätig werden und wie sich Gewalt verhindern lässt. Er ist Initiator der Zürcher Langzeitstudie «z-proso», die junge Menschen seit 2004 von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter begleitet. Die Studie ist an der Universität Zürich angesiedelt. Eisner studierte Geschichte in Zürich und promovierte in Soziologie.
Frage: Was treibt die Gewalt an?
Antwort: Lange Zeit dachte die Wissenschaft, Aufstände seien bloss irrationale Massenphänomene. Heute wissen wir: Unzufriedenheit ist der Zunder, der die Gewalt entflammt. Ob die Situation dann eskaliert, entscheidet die Dynamik vor Ort.
Frage: Wie entscheidet sich das?
Antwort: Normalerweise versteht sich der Mensch als Individuum. In Protestbewegungen tritt die Gruppe plötzlich an erste Stelle. Man hinterfragt die eigenen Werte weniger und tut, was der Moment von einem verlangt. So kann sich die Gewaltbereitschaft einiger weniger vervielfältigen. Aber nach wie vor protestiert der Grossteil der Demonstrierenden friedlich.
Frage: Warum randalieren vor allem junge Männer?
Antwort: Das war historisch schon immer so. Daten aus mehreren Jahrhunderten zeigen, dass Gewalt vor allem von Männern verübt wird. Und die Kriminalstatistiken der vergangenen zweihundert Jahre zeigen: Ab etwa 12 Jahren steigt die Kriminalität stark an, mit 18 bis 21 erreicht sie ihren Höhepunkt, danach sinkt sie. Unsere Daten legen nahe, dass dieser Trend auch für politisch motivierte Gewalt gilt.
Frage: Was sind das für Daten?
Antwort: Zusammen mit Denis Ribeaud und Lilly Shanahan von der Universität Zürich leite ich eine Studie mit über tausend jungen Menschen aus der Stadt Zürich. Seit dem siebten Altersjahr befragen wir sie in regelmässigen Abständen. Unsere Ergebnisse decken sich mit Jugendbefragungen aus anderen Ländern, ich halte sie daher für übertragbar.
Frage: Was haben Sie herausgefunden?
Antwort: Wer im Jugendalter allgemein durch Aggression und Straftaten auffällt, neigt als junger Erwachsener eher zu extremistischen Einstellungen und politisch motivierter Gewalt. Ich beziehe mich auf unsere Befragungen, als die jungen Leute 15, 17 und 24 Jahre alt waren.
Frage: In Frankreich sind die Proteste von Linksradikalen geprägt. Warum?
Antwort: In unserer Studie zeigten sich vor allem Jugendliche an den politischen Rändern offen dafür, an politischen Ausschreitungen teilzunehmen. Wenn wir aber darauf schauen, wer bei Protesten tatsächlich gewalttätig wurde, zeigt sich diese politische Verortung nicht mehr so deutlich. Das lässt vermuten, dass Gewalt im Umfeld von Protesten eher von der Lust auf Randale als von politischer Ideologie getrieben ist.
Frage: Was kann man dagegen tun?
Antwort: Wer bei Protesten randaliert, neigt oft auch sonst eher zu Gewalt und Straftaten. Die Risikofaktoren sind für politische und gewöhnliche Gewalt dieselben: die Haltung, dass Regeln für einen selbst nicht gelten, die Lust am Risiko, die Gewohnheit, Konflikte mit der Faust zu lösen, und ein Männlichkeitsideal, das Härte verherrlicht. Ob Prävention im Jugendalter auch politische Gewalt verringert, ist kaum direkt untersucht. Aber es spricht vieles dafür, bei genau diesen Faktoren anzusetzen.
Frage: In Frankreich randalieren und plündern vor allem junge Männer mit Migrationshintergrund. Warum?
Antwort: Ich finde keine Daten, die diesen Verdacht bestätigen. Ich würde den Migrationshintergrund zudem nicht dafür verantwortlich machen. Was wir aus früheren Unruhen wissen: Die jungen Männer stammen meist aus den Banlieues. Die Schulen dort sind schlecht, die jungen Menschen haben wenig Chancen auf eine gute Arbeitsstelle. Sie haben schlechte Zukunftsaussichten.
Frage: Und das führt zu einer gesteigerten Gewaltbereitschaft?
Antwort: Es führt zu Verbitterung. Der Generationenvertrag ist in Frankreich gebrochen. Immer mehr ältere Menschen kommen auf weniger junge Menschen. Die Stimme der jungen Leute verliert in der Demokratie an Gewicht. Zudem ist die wirtschaftliche Lage herausfordernd. Die Jungen fürchten, dass es ihnen in Zukunft schlechter geht als heute. Die Proteste sind von Frankreich auf Italien und Belgien übergesprungen. In allen drei Ländern ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch.
Frage: Warum sind die Proteste gerade jetzt ausgebrochen?
Antwort: Frankreich muss wegen der hohen Staatsschulden sparen. Historisch gesehen haben Budgetkürzungen immer wieder zu Unruhen geführt. Und diese Unruhen waren durchaus erfolgreich, der Staat hat gewisse Kürzungen zurückgenommen. Damit Proteste erfolgreich sind, brauchen sie eine gute Organisation. In Frankreich werden die Protestierenden von der Gelbwesten-Bewegung unterstützt. Hinzu kommen die sozialen Netzwerke. Heute ist es enorm einfach, sich zu vernetzen.
Frage: Heisst das, die gewaltsamen Proteste können sich in Europa ausweiten?
Antwort: Ja, das ist möglich. Doch wie es in den kommenden Wochen weitergeht, kann niemand verlässlich vorhersagen.
Frage: In Deutschland wurden jetzt Proteste weit im Voraus angekündigt.
Antwort: Das ist eine Chance. Die Polizei kann sich vorbereiten, frühzeitig das Gespräch mit den Organisatoren suchen und auf Deeskalation setzen.
Frage: Und wenn die Lage trotzdem eskaliert?
Antwort: Wenn die Polizei nichts falsch macht, hören die Randalen meist irgendwann von selbst auf. Randalieren ist aufregend, aber auch anstrengend. Zudem steigt mit der Zeit das Risiko einer Festnahme.
Frage: Die Polizei ist schuld, wenn es eskaliert?
Antwort: Nein, verantwortlich sind die Gewalttäter. Aber die Polizei kann beeinflussen, ob eine Lage eskaliert. Die französische Polizei hat seit vielen Jahren ein Problem mit ihrer Legitimität. Dietrich Oberwittler und Sebastian Roché haben Begegnungen zwischen Jugendlichen und Polizei in zwei deutschen und zwei französischen Städten verglichen. In Frankreich kontrollierte die Polizei Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich häufiger als in Deutschland. Die Begegnungen waren konfrontativer und wurden häufiger als feindselig erlebt.
Frage: Warum?
Antwort: Die deutsche Polizei ist mehr um Bürgernähe bemüht, die französische Polizei setzt mehr auf Konfrontation. Bei Protesten versucht sie oft, Ausschreitungen durch Blockbildung oder Einkesselung aufzulösen. Das Problem ist, dass sie damit die Gewalt verstärkt. Das kenne ich aus eigener Erfahrung.
Frage: Sie gehen selbst auf die Strasse?
Antwort: Ich bin in Zürich aufgewachsen und war bei den Demonstrationen der Jugendbewegung der 1980er Jahre mit dabei. Ich war Anfang zwanzig. Sobald wir das Gefühl hatten, die Zürcher Polizei greift wahllos Leute an, haben wir uns solidarisiert. Das hat bei vielen die Gewaltbereitschaft verstärkt. Diesen Effekt muss die Polizei vermeiden. Heute gibt es bewährte Techniken der Deeskalation: Man sollte kollektive Verhaftungen vermeiden, Menschenmengen nicht ohne Grund einkesseln, mit den Demonstrierenden das Gespräch suchen.
Frage: Mit freundlichen Worten kann man doch einen randalierenden Mob nicht besänftigen. In Frankreich gab es jetzt erste Schnellverfahren.
Antwort: Das eine schliesst das andere nicht aus. Schnellverfahren mögen abschreckend wirken. Sie zeigen, dass Gewalt Konsequenzen hat und der Staat für Ordnung sorgt. Im Extremfall können auch örtlich begrenzte Ausgangssperren helfen, kurzfristig die Kontrolle zurückzugewinnen. Die Massnahmen müssen jedoch verhältnismässig sein. Der Staat muss vermeiden, Menschen durch zu harte Massnahmen zu radikalisieren.
Frage: Was würden Sie der französischen Polizei konkret empfehlen?
Antwort: Wenn sich Demonstranten und Polizisten als Feinde gegenüberstehen, führt es meist zu einer Eskalation. Jugendliche aus den Banlieues misstrauen der Polizei, weil sie seit Jahren schlechte Erfahrungen mit ihr machen. Sie fühlen sich herabgesetzt. Die Polizei muss Vertrauen aufbauen. Doch das wird so schnell nicht gelingen.
Frage: Wieso?
Antwort: Es muss in der Gesellschaft einen Konsens geben, dass Gewalt kein legitimes Mittel ist. Der ist im Moment in Frankreich brüchig. Jean-Luc Mélenchon hat die Gewalt zwar punktuell verurteilt. Er hat aber die Verantwortung auf die Regierung und die Polizei verlagert und die sozialen Ursachen der Proteste in den Vordergrund gestellt. Diese Ursachen zu diskutieren, ist legitim. Aber man muss zugleich sagen, dass Plünderungen und gewaltsame Zerstörung nicht zu rechtfertigen sind.
Frage: Wie lassen sich Randalen in Zukunft verhindern?
Antwort: Krawalle lassen sich in einer offenen Gesellschaft nicht ganz verhindern. Aber wir können das Risiko für Ausschreitungen senken: mit guten Zukunftsaussichten für junge Menschen und einer Polizei, die deeskaliert. Die Forschung hat dazu wichtige Erkenntnisse geliefert. Doch erstaunlich viele Fragen sind noch offen, etwa was Schnellverfahren oder Ausgangssperren tatsächlich bewirken.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Leon Igel
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