Interview

Die SVP-Bundesratskandidatin äussert sich zupackend in der Sache – und entspannt angesichts des Widerstands gegen sie. Sollte sie nicht nominiert werden, esse sie mit ihren Kindern Pizza, und ihr Leben gehe weiter.

05.11.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


Als junge Frau hätte man sie in Genf einst eher bei der FDP vermutet, sagt Céline Amaudruz. Laut Beobachtern hat sie die SVP in Genf salonfähig gemacht.

Als junge Frau hätte man sie in Genf einst eher bei der FDP vermutet, sagt Céline Amaudruz. Laut Beobachtern hat sie die SVP in Genf salonfähig gemacht.

Fabian Hugo für NZZ

Frage: Frau Amaudruz, am Freitag wurden Sie von der Findungskommission der SVP angehört. Wie lief es?

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Antwort: Ich denke gut. Die Kommission will von den Kandidaten wissen, wie sie zu den Kernthemen der Partei stehen. Und sie will sicherstellen, dass die Kandidaten nichts Belastendes mit sich tragen, das mit dem Amt eines Bundesrates unvereinbar wäre. In meinem Fall stand ja bereits alles in den Zeitungen: etwa, dass ich vor elf Jahren betrunken in eine Polizeikontrolle geraten bin.

Frage: Damals riefen Sie Bundesrat Guy Parmelin an. Hofften Sie, dass er zu Ihren Gunsten interveniert?

Antwort: Ich hatte den Abend mit ihm verbracht, deshalb rief ich ihn an. Mit welchem Ziel, könnte ich nicht sagen. Ich hatte 1,92 Promille und habe keine durchdachten Entscheidungen getroffen. Diesen Vorfall bereue ich jeden Tag und schäme mich bis heute dafür. Immerhin hat der Haartest der Polizei bestätigt, dass ich absolut keine Alkoholikerin bin, sondern dass es ein einmaliger Ausrutscher war.

Frage: Es gab auch ein Problem mit dem Erbe Ihres Vaters.

Antwort: Ja, nach dem Tod meines Vaters gingen seine Anteile an einer Aktiengesellschaft auf mich über, was ich leider zu spät gemeldet habe. Dafür musste ich per Verfügung tausend Franken Busse zahlen. Manche Journalisten interessieren sich auch dafür, dass der Nachlass meines Vaters in Monaco eröffnet wurde. Dort hat mein Vater halt seinen Wohnsitz genommen, darauf hatte ich keinen Einfluss.

Frage: Lange waren Sie die einzige Kandidatin für die Nachfolge von Guy Parmelin. Kurz vor Schluss lancierten doch noch zahlreiche Männer , vor allem Deutschschweizer, ihre Kandidatur. Will man Sie verhindern?

Antwort: (Schweigt lange.) Das müssen Sie die betreffenden Leute fragen. Ich kandidiere und kümmere mich nicht um den Rest.

Frage: Was unterscheidet die welsche SVP von der Deutschschweizer SVP?

Antwort: In den Kernthemen wie dem Verhältnis zur EU, der Armee, der Energie- oder Agrarpolitik, der Einwanderungs- und Asylpolitik rein gar nichts. Unterschiede gibt es aber beim Thema Kaufkraft. Bürgerliche Deutschschweizer sprechen stattdessen lieber vom Wohlstand insgesamt.

Frage: Die Genfer SVP-Sektion votierte im Gegensatz zu den Deutschschweizer Sektionen für die 13. AHV-Rente.

Antwort: Genau. Weil es uns um die Kaufkraft geht. Im Gegensatz zu vielen Linken bin ich deshalb auch gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung der 13. AHV-Rente.

Frage: Mit dem Bernjurassier Pierre Alain Schnegg kandidiert ein zweiter Romand. Warum sind Sie besser als er?

Antwort: Wir haben unterschiedliche Profile. Zum Beispiel ist er Unternehmer, ich bin Juristin. Allerdings kandidiere ich nicht gegen jemanden, sondern aus der inneren Überzeugung heraus, dass ich mich für die Schweiz und ihre Bevölkerung einsetzen will.

Frage: In der Presse spielen Parteikollegen, oft anonym, Ihren politischen Einfluss herunter, obwohl Sie Vizepräsidentin der SVP sind. Was macht das mit Ihnen?

Antwort: Ich glaube, die beste Reaktion ist gar keine. Ich sage nur so viel: Wäre ich tatsächlich ein «Leichtgewicht», müsste man nicht so oft über mich sprechen.

Frage: Die Zuger SVP hat mit Thomas Aeschi den Vater eines kleinen Kindes nominiert. Trotzdem werden nur Sie gefragt, wie Sie mit zwei Kleinkindern den Job als Bundesrätin schaffen wollen. Warum?

Antwort: Die Antwort liegt auf der Hand: Es werden nicht alle Kandidaten und auch nicht beide Geschlechter gleich behandelt.

Frage: Sie leiteten 2015 den Bundesratswahlkampf von Guy Parmelin. Kann man Sie – obwohl Sie keine Landwirtin sind – als seine Ziehtochter bezeichnen?

Antwort: Tatsächlich stammt mein Vater aus einer Bauernfamilie. Ob ich die Ziehtochter des Bundespräsidenten bin, weiss ich nicht. Es wäre mir aber eine Ehre.

Frage: Wann genau haben Sie von Parmelins Rücktritt erfahren?

Antwort: Viel zu spät. Bloss ein paar Stunden vor der Öffentlichkeit.

Frage: Wirklich?

Antwort: Ich habe am 1. Oktober eine neue Stelle bei einem Vermögensverwalter angetreten. Einen Tag vorher lud Guy Parmelin mich auf einen Kaffee ein, um das zu feiern. Am 2. Oktober hat er mir dann gesagt, dass er zurücktrete. Ich bin fast vom Stuhl gefallen.

Frage: Bis Ende September haben Sie als Kadermitglied für die Privatbank Reyl gearbeitet. Dabei berichteten Medien schon 2025, dass die Bank Gelder von Mafiosi und russischen Oligarchen angenommen habe und dafür von der Finanzmarktaufsicht gerügt worden sei.

Antwort: Mit meinen Klienten gab es keinerlei Probleme. Zudem: Nennen Sie mir eine Bank, die heute nicht im Fokus der Finanzmarktaufsicht ist. Und müssen Angestellte ihre Firma verlassen, wenn diese in die Kritik gerät?

Frage: Warum haben Sie die Bank dann kurz vor Ihrer Kandidatur verlassen?

Antwort: Die italienische Grossbank Intesa hat das Geschäft übernommen. Die neue Strategie entsprach nicht meiner Linie.

Frage: In der Romandie werden Sie weit positiver gesehen als in der Deutschschweiz. Laut dem Genfer Journalisten Marc Guéniat haben Sie die SVP im Kanton salonfähig gemacht. Wie genau?

Antwort: Als junge Frau hätten mich viele Leute wohl eher in der FDP vermutet. Inhaltlich habe ich mich als eine der Ersten in der SVP mit dem Thema Kaufkraft beschäftigt. Möglicherweise hat das dazu geführt, dass die Leute ein anderes Bild von unserer Partei erhielten. Ausserdem setzte ich auf die Schwerpunkte Sicherheit und grenzüberschreitende Kriminalität, die in Genf ja ein grosses Problem sind.

Frage: Was ist Ihr bisher grösster politischer Erfolg?

Antwort: Ganz klar mein Vorstoss für elektronische Fussfesseln mit aktiver Überwachung im Kampf gegen häusliche Gewalt und Stalking. Die zuständigen Kommissionen beider Räte unterstützen meinen Vorstoss einstimmig. Im kommenden Jahr wird ein konkreter Gesetzesentwurf ausgearbeitet.

Frage: Sie sagten im Jahr 2017, dass Sie mit gewissen Parlamentariern nicht in einen Lift steigen würden, weil sie sich unangemessen verhalten würden. Parteikollegen werfen Ihnen bis heute vor, Sie hätten die Männer unter Generalverdacht gestellt.

Antwort: Das Parlament ist auch nur ein Spiegel der Gesellschaft. Ich habe damals übrigens lediglich auf die Frage eines Journalisten geantwortet. Dabei musste ich lernen: Wenn man Opfer von sexueller Belästigung wurde und darüber sprach, wurde man kritisiert. Schwieg man, wurde das auch kritisiert.

Frage: Wurden Sie seitdem erneut belästigt?

Antwort: Ich persönlich nicht. Das Problem besteht aber natürlich weiterhin in unserer Gesellschaft. Zugleich hat die Sensibilität vieler Männer für dieses Thema zugenommen. Es heisst heute viel seltener: «So ist das eben.»

Auf dem Weg in den Bundesrat? Céline Amaudruz am Dienstag im Bundeshaus.

Auf dem Weg in den Bundesrat? Céline Amaudruz am Dienstag im Bundeshaus.

Fabian Hugo für NZZ

Frage: Genf ist zusammen mit der Waadt neu der stärkste Wirtschaftsraum der Schweiz, vor Zürich. Ein Argument mehr für Ihre Kandidatur?

Antwort: Genf hatte seit dem Abgang von Micheline Calmy-Rey 2011 keine Bundesrätin mehr. Mit Guy Parmelin tritt der einzige Vertreter des Arc lémanique ab. Es gibt im Bundesrat auch keinen Städter. Genf ist der grösste Geberkanton im Finanzausgleich. Natürlich müssen all diese Dinge berücksichtigt werden, von der SVP wie von der Bundesversammlung.

Frage: Der Genfer SVP-Präsident Lionel Dugerdil hat damit gedroht, dass die Westschweizer SVP «ziemlich scharf» reagieren werde, wenn es kein Romand auf das Ticket schaffen sollte. Was meint er damit?

Antwort: Das weiss ich nicht.

Frage: Sie selbst hatten zunächst eine «wilde» Kandidatur nicht klar ausgeschlossen.

Antwort: Ich werde nicht «wild» kandidieren. Wie wollen Sie ohne die Unterstützung Ihrer Partei eine gute Bundesrätin sein? Wenn die SVP-Fraktion mich am 20. November nicht nominiert, ist das eben so. Dann gehe ich mit meinen Töchtern Pizza essen, und mein Leben geht weiter.

Frage: Die SVP sucht explizit Kandidaten für die angeblichen «Problemdepartemente» Verteidigung oder Justiz. Welche Probleme wollen Sie dort rasch lösen?

Antwort: Man ist Kandidat für den Bundesrat, nicht für ein Departement. Aber wir wissen alle, wie es danach läuft. Was die Armee angeht, hat es zu viele Pannen gegeben, etwa bei der Beschaffung. Die Armee ist leider nicht mehr glaubwürdig.

Frage: Wie wollen Sie die Glaubwürdigkeit wiederherstellen?

Antwort: Wir müssen beim Kauf der F-35-Kampfjets, bei den Patriot-Raketen und weiteren Beschaffungen verstehen, warum es diese Missstände gibt. Und dafür sorgen, dass sich solche Fehler nicht wiederholen. Wir brauchen mehr Transparenz, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Armee wiederherzustellen. Wir müssen auch die tatsächliche Verteidigungsfähigkeit unserer Armee stärken.

Frage: Was würden Sie im Justiz- und Polizeidepartement zuerst anpacken?

Antwort: Mon Dieu . . . Die Grenzen, den Asylbereich, die Einwanderung. Die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 mit ihren Kontingenten wurde nie umgesetzt. Es liegt auf der Hand, dass ich das als Departementschefin endlich tun würde.

Frage: Was wollen Sie in Sachen Grenzen und Asyl tun?

Antwort: Ich will die Grenzen wieder schützen. Natürlich gibt es die Schengen- und die Dublin-Abkommen, aber andere Länder haben auch wieder systematische Grenzkontrollen eingeführt. Beim Asyl muss die Schweiz zwar auch weiterhin echte Asylsuchende aufnehmen, um die Guten Dienste weiterzuführen.

Frage: Sie meinen wohl die humanitäre Tradition.

Antwort: Genau. Aber Asylanträge sollten in der Regel ausserhalb der Schweiz gestellt werden. Wir müssen Transitzonen an den Grenzen schaffen. Wenn abgelehnte Asylbewerber einmal im Land sind, ist es schwierig, sie auszuschaffen. Deshalb müssen wir auch Rückübernahmeabkommen mit den Herkunftsländern abschliessen, etwa mit Algerien, und sie dann konsequent umsetzen.

Frage: Wir haben dieses Interview bisher auf Französisch geführt. Eine Frage auf Deutsch: Im Fall Ihrer Wahl wären Sie die erste SVP-Frau im Bundesrat. Was bedeutet Ihnen das?

Antwort: (Antwortet auf Französisch.) Wenn ich gewählt werde, werde ich selbstverständlich Bundesrätin für die ganze Schweiz sein. Heute setze ich mich aber auch für die Vertretung der Romandie im Bundesrat ein. Deshalb möchte ich dieses Interview in der Sprache beenden, in der wir es begonnen haben.

Frage: Fühlen Sie sich auf Deutsch nicht wohl?

Antwort: Doch, selbstverständlich. Deutsch ist nicht meine Muttersprache, aber ich spreche und verstehe Deutsch. Aber das Wichtige ist für mich, dass wir über meine politischen Ziele sprechen.

Frage: Warum betonen Sie, als Romande zu kandidieren, aber nicht als Frau?

Antwort: Das ist unterschiedlich gelagert. In der Bundesverfassung ist vorgesehen, dass im Bundesrat alle Landesgegenden und Sprachregionen vertreten sind. Dass ich eine Frau bin, sieht man. Das muss man nicht ständig sagen.

Frage: Die Bundesverfassung verweist bei der Wahl des Bundesrats auch explizit auf «alle Schweizerbürgerinnen und Schweizerbürger».

Antwort: Das stimmt. Aber meines Erachtens liegt es in der Verantwortung der grössten Partei der Schweiz, eine Person aus der Romandie aufs Ticket zu setzen. Danach entscheidet die Bundesversammlung. Natürlich wäre ich stolz, die erste SVP-Frau im Bundesrat zu sein.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Sander, Matthias Venetz

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