Interview

Frankreich brennt: «Respekt gegenüber Autoritätspersonen ist nicht mehr vorhanden»

Junge Menschen im Westen seien narzisstisch, sagt der Politologe Jérôme Fourquet. Dadurch stelle sich die Frage nach dem Fortbestand der Gesellschaft – nicht nur in Frankreich. Der Regierung Macron wirft Fourquet vor, das eigene Land nicht zu kennen.

26.10.2026, 05.30 Uhr

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«Die Jungen habe das Gefühl, dass die Staatsführung sie nicht versteht»: Ein Demonstrant im Hasenkostüm bei den gewalttätigen Kundgebungen vom 17. Oktober in Paris.

«Die Jungen habe das Gefühl, dass die Staatsführung sie nicht versteht»: Ein Demonstrant im Hasenkostüm bei den gewalttätigen Kundgebungen vom 17. Oktober in Paris.

Alain Abaca / Imago·····

Frage: Herr Fourquet, in Ihrem Buch «L’Archipel français» haben Sie 2019 eine gesellschaftliche Fragmentierung Frankreichs und eine Schwächung der kollektiven Identität beschrieben. Die Ausschreitungen der vergangenen Tage wirken wie eine Bestätigung dafür.

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Antwort: Das Bild des Archipels lässt sich anhand von Bildern veranschaulichen, die im Abstand von wenigen Wochen entstanden sind: Ende September hiessen wir den Papst willkommen. Es gab eine grosse Messe auf der Place de la Concorde, die Menschen waren begeistert. Wenige Wochen später haben wir in derselben Stadt Unruhen und Plünderungen. Da sieht man deutlich die verschiedenen Frankreich.

Frage: Ist Frankreich an einem Punkt angelangt, an dem diese Zersplitterung für den Staat unkontrollierbar geworden ist?

Antwort: Es ist viel schwieriger geworden, ein solches Land zu regieren. Die Regierung und die Polizei wurden von der Zahl der Randalierer überrascht. Es gab offensichtlich einen Mangel an Informationen und Vorausschau. Auch das hängt mit dem «Archipel» zusammen: Der Staat weiss nicht mehr, was in bestimmten Stadtvierteln und in bestimmten Bevölkerungsgruppen vor sich geht.

Frage: Der Staat hat den Überblick verloren?

Antwort: Genau. Beim Regieren geht es nicht nur darum, Gesetze zu verabschieden, sondern auch darum, eine soziale Bewegung wie diese vorauszusehen. Wenn eine Regierung ihr Land kennt, passiert so etwas nicht.

Frage: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass sich in kürzester Zeit eine derart immense Wut entwickeln konnte?

Antwort: Man muss unterscheiden zwischen den friedlichen Demonstranten und den Randalierern. Die spektakulären Zerstörungen waren kein Ausdruck von Wut – das waren Opportunisten, Leute, die gekommen sind, um sich zu bedienen, die Kontrolle über die Städte zu übernehmen und alles zu zerstören. Die Wut war aber bei den friedlichen Demonstranten zu spüren, die nicht mehr über die Runden kommen, obwohl sie arbeiten. Sie haben das Gefühl, dass die Regierung und der Präsident die Menschen nicht verstünden und sie allein liessen.

Frage: Derzeit wird auch in Belgien, Italien, Spanien oder Griechenland demonstriert. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der Situation in Frankreich?

Antwort: Es gibt Gemeinsamkeiten, etwa die hohen Lebenshaltungskosten. Und: In all diesen Ländern sind es junge Menschen, die mobilisieren. Wir leben auf einem alternden Kontinent. Und da in einer Demokratie die Politik der Mehrheit betrieben wird, legt man mehr Wert auf die Zufriedenheit der Älteren. Die Jungen fühlen sich benachteiligt. Historisch gesehen waren in Frankreich die Ältesten die Ärmsten. Heute ist die Armutsquote bei den Jüngeren viel höher.

Zur Person

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Meinungsforscher und Essayist

Der Politologe Jérôme Fourquet leitet die Abteilung für Meinungsforschung beim französischen Institut für öffentliche Meinung Ifop. In seinen Büchern befasst er sich mit Fragen von Identität, Religion und Zuwanderung. Im Herbst 2026 hat er mit dem Psychologen Ruben Rabinovitch das Buch «Homo occidentalis» veröffentlicht.

Frage: Inwiefern unterscheidet sich die Lebenswelt der Generation Z von jener früherer Generationen?

Antwort: Es handelt sich um eine Generation, deren Angehörige häufiger studieren als jene früherer Generationen, sie haben auf dem Papier auch die besseren Abschlüsse. Aber es ist schwieriger geworden, sich in der alternden Gesellschaft einen Platz zu verschaffen. Diese Leute haben Wünsche, Sorgen, wollen Verantwortung übernehmen, aber ihre Möglichkeiten sind eingeschränkt.

Frage: In Ihrem neuen Buch «Homo occidentalis» beschreiben Sie eine Krise der westlichen Gesellschaften. In diesen habe sich ein Hyperindividualismus breitgemacht, Autoritäten würden infrage gestellt. Was bedeutet das für eine Gesellschaft?

Antwort: Es stellt sich die Frage nach ihrem Fortbestand: Wie schafft man es, in einer solch fragmentierten Gesellschaft noch das Gemeinsame zu gestalten? Der Individualismus hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen allein leben und sich zurückziehen. Man zögert, eine Partnerschaft einzugehen, zusammenzuziehen oder zu heiraten. Deshalb sinkt auch die Zahl der Geburten stark.

Frage: Führt dieser Individualismus dazu, dass die Bürger sich weniger mit dem Staat identifizieren? Die Angriffe auf Rathäuser legen den Schluss nahe, dass die demokratische Ordnung selbst das Ziel der Krawallanten war.

Antwort: Es geht nicht primär um die Identifikation. Der westlich geprägte Mensch ist sehr narzisstisch. Selbst bei den Ausschreitungen am 17. Oktober machten die Leute Selfies in der Menge. Gleichzeitig ist man viel weniger fähig als früher, Autorität zu akzeptieren. Zwar gab es schon während der 68er Bewegung Zusammenstösse mit der Polizei. Aber damals kam es niemandem in den Sinn, Lehrer oder Schulleiter physisch anzugreifen. Das macht deutlich, dass bei manchen der minimale Respekt gegenüber Autoritätspersonen nicht mehr vorhanden ist.

Auch am 24. Oktober ist es in Paris wieder zu Ausschreitungen gekommen, allerdings in kleinerem Ausmass als eine Woche zuvor.

Auch am 24. Oktober ist es in Paris wieder zu Ausschreitungen gekommen, allerdings in kleinerem Ausmass als eine Woche zuvor.

Guillaume Pinon / EPA

Frage: Wie kann man in einer individualisierten Gesellschaft wieder für Zusammenhalt sorgen?

Antwort: Man muss versuchen, das Zugehörigkeitsgefühl zu pflegen. Das funktioniert auf lokaler Ebene, auf nationaler Ebene ist es aber schwieriger. Oft entsteht Gemeinschaftsgefühl angesichts gemeinsamer Herausforderungen, Probleme oder Bedrohungen. Heute könnte das die Klimakrise sein, die uns alle betrifft. Doch ein weiteres Merkmal des Homo occidentalis ist, dass er die Gegenwart stets vor die Zukunft stellt.

Frage: Wie meinen Sie das?

Antwort: Es ist doch beeindruckend: In sechs Monaten finden in Frankreich die Präsidentschaftswahlen statt. Früher hiess es jeweils: «Wir werden die Probleme bei den Wahlen lösen.» Nun sind offensichtlich viele Franzosen der Meinung, dass sie nicht sechs Monate warten können, um ihre Meinung kundzutun.

Frage: Welche politischen Folgen werden diese Demonstrationen haben?

Antwort: Wenn es zu solchen gewalttätigen Szenen kommt, bilden sich jeweils zwei Lager heraus: jenes der Strasse und jenes der Ordnung. Derzeit versucht La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon als Partei der Strasse die Stimmen dieser Menschen zu gewinnen. Wenn er vom «neuen Frankreich» spricht, wendet er sich genau an diese Jugend. Die Partei ist bei den Demonstrationen dabei und unterstützt sie, manchmal rechtfertigt sie sogar die Gewalt.

Frage: Und wer repräsentiert das Lager der Ordnung?

Antwort: Das ist normalerweise die Partei, die an der Macht ist. Aber diese gibt es nicht mehr wirklich. Der Präsident ist allein, er ist geschwächt. In den Augen der Franzosen verkörpert nicht er das Lager der Ordnung, sondern das Rassemblement national von Marine Le Pen. Zum einen, weil die Partei in Sicherheits- und Einwanderungsfragen stets eine harte Linie vertritt. Zum anderen ist das RN im Vorteil, weil es auf nationaler Ebene noch nie an der Macht beteiligt war. Die Kräfte von links- und von rechtsaussen haben sich als Lieblingsfeinde identifiziert und liefern sich wie in einem Western ein Duell auf der Hauptstrasse. Das Lager in der Mitte verschwindet zusehends.

Frage: Macron kann derzeit kaum auf die Probleme des Landes reagieren. Die Politik ist blockiert, die Verschuldung ist massiv. Mit diesen Problemen wird auch sein Nachfolger zu kämpfen haben.

Antwort: In unserer politischen Geschichte gibt es einen fast magischen Glauben an die Präsidentschaftswahlen. Als könnte man wie in der Schule die Wandtafel abwischen und von vorne beginnen. Möglicherweise sind die Menschen nun zu dem Schluss gekommen, dass die Probleme dieselben bleiben werden, egal, wer gewinnt.

KEYPIX - A woman walks her dog past a looted store the day after a demonstration against rising living costs, joining students' grievances, in Paris, Sunday, Oct. 18, 2026. (KEYSTONE/AP Photo/Emma Da Silva)

KEYPIX - A woman walks her dog past a looted store the day after a demonstration against rising living costs, joining students' grievances, in Paris, Sunday, Oct. 18, 2026. (KEYSTONE/AP Photo/Emma Da Silva)

Emma Da Silva / AP

Frage: Also löst sich die Beziehung zwischen dem Volk und dem Präsidenten auf?

Antwort: Frankreichs politisches System wird wegen der starken Rolle des Präsidenten oft als republikanische Monarchie bezeichnet. Wir befinden uns zweifellos am Ende dieses Zyklus, in dem der Präsident als «Mann der Vorsehung» gilt. Wir hatten rechte Präsidenten, linke, wir hatten Macron, aber die Lage hat sich nicht gebessert.

Frage: Heisst das, dass die Lage chaotisch bleiben wird, bevor sie sich bessert?

Antwort: Es gibt Anzeichen dafür, dass die Dinge aus den Fugen geraten sind. In Frankreich finden die Parlamentswahlen jeweils kurz nach den Präsidentschaftswahlen statt. Normalerweise erreicht der Präsident dabei eine Mehrheit in der Nationalversammlung und kann seine Politik durchsetzen. Ich halte es für möglich, dass das nach diesen Wahlen nicht der Fall sein wird. Damit würde die gesamte Architektur der Fünften Republik destabilisiert. Mélenchon will ja bereits die Sechste.

Frage: Muss Frankreich sein politisches System anpassen?

Antwort: Die politischen Entscheidungsträger und die Wähler müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, Koalitionen zwischen verschiedenen Parteien zu akzeptieren, wie es in vielen europäischen Ländern üblich ist.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jonas Roth

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