Interview

Die Zürcher SVP verzichtet auf eine Kandidatur für die Landesregierung. Ihr Präsident sagt: «Bundesräte fallen nicht vom Himmel»

Für die grösste SVP-Sektion ist klar, dass der Zürich in die Regierung gehört. Mit der Kandidatenkür hat sie sich aber schwergetan.

23.10.2026, 12.37 Uhr

6 Leseminuten


«Bundesrat muss man wirklich wollen»: Domenik Ledergerber, der Präsident der Zürcher SVP.

«Bundesrat muss man wirklich wollen»: Domenik Ledergerber, der Präsident der Zürcher SVP.

Karin Hofer / NZZ

Der Kanton Zürich bleibt bis auf weiteres ohne Bundesrat. Die Zürcher SVP nominiert niemanden aus ihren Reihen für die Nachfolge Guy Parmelins. Nach der Regierungsrätin Natalie Rickli hat nun auch der Nationalrat und Unternehmer Thomas Matter abgesagt.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Dieser Entscheid kommt überraschend. Die grösste SVP-Sektion des Landes hatte schon kurz nach der Rücktrittsankündigung Parmelins den Anspruch des Kantons betont. Zürich sei der bevölkerungsreichste Kanton und das wirtschaftliche Zentrum der Schweiz. Deshalb müssten seine Anliegen auch in der Landesregierung vertreten sein. Der letzte Zürcher SVP-Bundesrat war Ueli Maurer. Er trat Ende 2022 aus der Landesregierung zurück.

Der Parteipräsident Domenik Ledergerber nimmt Stellung zum Entscheid.

Frage: Herr Ledergerber, die Zürcher SVP hat sich weit aus dem Fenster gelehnt. Sie hat immer wieder betont, dass Zürich als grösster Kanton unbedingt im Bundesrat vertreten sein müsse. Doch jetzt wird ein Sitz frei und Sie bringen keinen Kandidaten. Was ist schiefgelaufen?

Antwort: An unserem Anspruch hat sich nichts geändert, und wir hatten mit Natalie Rickli und Thomas Matter zwei sehr geeignete Persönlichkeiten. Aber zu einem Bundesratsjob sagt man nicht einfach aus dem Bauch heraus Ja. Das Amt ist hart, man arbeitet sechs, sieben Tage in der Woche jeweils zwölf, vierzehn Stunden und steht unter ständiger Beobachtung der Medien und der Öffentlichkeit. Das muss man wirklich wollen, und es ist sogar für eine Zürcher Regierungsrätin nochmals eine andere Schuhnummer.

Frage: Natalie Rickli begründete den Verzicht mit den anstehenden kantonalen Wahlen. Warum hat Thomas Matter abgesagt?

Antwort: Bei ihm waren es die Familie und das Unternehmen. Er hatte seiner Frau versprochen, nie Bundesrat zu werden, das hat er immer wieder betont. Weiter hätte er innert kürzester Zeit sein Geschäft und alle seine unternehmerischen Funktionen abgeben müssen. Diese Nachfolge hätte zuerst gefunden werden müssen, und zwar innert weniger Wochen. Das war nicht realistisch und das sorgte auch für Unruhe und Unsicherheit in seinem Unternehmen. Ein Bundesrat fällt nicht vom Himmel. Es muss so viel passen.

Frage: Wie viele Kandidaturen für den Bundesrat haben Sie geprüft?

Antwort: Am Schluss waren es Natalie Rickli und Thomas Matter, aber wir hatten viele weitere Gespräche geführt. Einige sagten von Anfang an ab, andere überlegten es sich ernsthaft. Wir sollten aber daran denken, dass es nicht nur um Zürcher Kandidaturen geht. Die SVP kann national auf ein breites Feld an erfahrenen Leuten zurückgreifen. Für uns in Zürich bedeutete das, dass wir nicht auf Biegen und Brechen jemanden aufstellen mussten, sonst hätten wir wohl auch unsere Gespräche anders geführt, vor allem mit Natalie Rickli.

Frage: Wie muss man sich die Diskussionen mit Rickli und Matter vorstellen? Stand der Entscheid tatsächlich auf der Kippe oder war schnell klar, dass sie nicht wollten?

Antwort: Natalie Rickli hat sich eine Kandidatur sehr gründlich überlegt. Es war ein Ringen. Soll ich? Soll ich nicht? Was bedeutet das für mich? Bei Thomas Matter standen die Chancen eher bei 70 zu 30 gegen eine Kandidatur, gerade wegen seines Unternehmens. Wir standen mit beiden in einem sehr engen Austausch und sie beide dachten nicht nur an sich, sondern auch an die Folgen für die Partei, den Kanton Zürich und die Bevölkerung.

Frage: Im April sind kantonale Wahlen in Zürich. Sie müssen im Regierungsrat nicht nur den Sitz von Natalie Rickli verteidigen, sondern auch eine Nachfolge für Ernst Stocker stellen. Kam die Nachfolge im Bundesrat für Sie einfach zu einem ungünstigen Zeitpunkt?

Antwort: Ja, für uns als Partei wie für Natalie Rickli. Wir haben aber immer gesagt, dass wir einen Plan B hätten, falls sie Bundesrätin werden sollte, was auch zutrifft.

Frage: Wäre Rickli angetreten, hätte die SVP mehr oder weniger sofort eine weitere Regierungsratskandidatur aus dem Hut zaubern müssen.

Antwort: Und dafür hatten wir fixe Zusagen. Ich erinnere daran, dass wir kurz prüften, sogar mit drei Personen bei den Regierungsratswahlen anzutreten.

Frage: Für das Selbstverständnis eines Kantons mag ein Sitz im Bundesrat wichtig sein, aber ist es auch in der politischen Realität so? Bundesräte sind keine Ständeräte, sie müssen sich so oder so für das ganze Land einsetzen, nicht nur für ihre engere Heimat.

Antwort: Zürich hatte in der Vergangenheit durchsetzungsstarke Bundesräte, die ihren Einfluss für den Kanton geltend machten, das war ein grosser Vorteil. Ein eigener Bundesrat ist auch grossartig für eine Kantonalpartei, vor allem, wenn es sich um eine charismatische Person handelt, welche die Leute begeistern kann. Das sorgt für viel Aufmerksamkeit. Aber es stimmt natürlich, im politischen Alltag übt vor allem eine starke Delegation in den Parlamenten viel Einfluss zugunsten des Kantons aus. Hier sind wir aus bürgerlicher Zürcher Sicht im Nationalrat sehr gut aufgestellt, im Ständerat leider weniger.

Frage: Natalie Rickli wird erst 50 Jahre alt. Könnte Sie dereinst als Nachfolgerin für den Deutschschweizer Sitz von Albert Rösti kandidieren?

Antwort: Ich denke, bei ihr wird die Option Bundesrat immer ein Thema sein, so lange sie politisch aktiv ist. Ihr Rucksack passt perfekt. Sie selbst lässt es ja auch offen. Und vielleicht stellt sich die Frage schon früher als gedacht.

Frage: Das Risiko für die Zürcher SVP und für Natalie Rickli ist, dass zuerst ein Bundesrat einer anderen Partei aufhört. Sollte der Kanton Zürich dann wieder in die Landesregierung einziehen, wäre der Zürcher SVP dieser Weg vielleicht auf Jahre hinaus versperrt.

Antwort: Dieses Risiko gibt es immer. Bundesratskarrieren kann man nicht planen, und das ist auch das Spannende daran. Im Übrigen wäre es auch kein Unglück, wenn Zürich wieder zwei Bundesräte hätte. Das gab es mit Christoph Blocher und Moritz Leuenberger ja auch schon.

Frage: Ein Zürcher Bundesrat hätte auch bedeutet, dass die Deutschschweiz der Westschweiz einen Sitz in der Landesregierung abnimmt. Welche Rolle hat diese Überlegung gespielt?

Antwort: Für uns als Kantonalpartei gar keine. Am Ende muss die am besten geeignete Person gewählt werden, egal aus welchem Landesteil.

Frage: Natalie Rickli hat sich im Gespräch mit der NZZ für ihren Aargauer Amtskollegen Jean-Pierre Gallati starkgemacht. Was halten Sie von ihm? Oder von Céline Amaudruz?

Antwort: Aus dieser Beurteilung halten wir uns als Zürcher SVP raus. Für uns entscheidend ist, dass eine Person gewählt wird, welche die drängendsten Probleme unseres Landes an die Hand nehmen kann: Die zu hohe Zuwanderung, den Asylmissbrauch, die Sicherheit, die Armee. Gerade beim Thema Asyl merkt man, dass Beat Jans von der SP offensichtlich die Lust fehlt, etwas zu verbessern. Hier wäre eine Rochade angezeigt. Aber das sind Punkte für die nationale Findungskommission und für unsere Fraktion im Bundeshaus. Und am Ende wird so oder so die vereinigte Bundesversammlung entscheiden.

Frage: Was sagt eigentlich Christoph Blocher zum Entscheid seiner Zürcher SVP, auf eine Bundesratskandidatur zu verzichten?

Antwort: Er ist natürlich enttäuscht, dass wir ihn nicht angefragt haben! (lacht). Nein, im Ernst, er hält sich im Hintergrund. Er hat vor allem darauf hingewiesen, dass eine Kandidatur Ricklis für unsere Kantonalsektion ein Risiko gewesen wäre, und das denke ich auch.

Frage: Weil sich bei einer Nicht-Wahl Ricklis in den Bundesrat ihre Wahlchancen in die Kantonsregierung verschlechtert hätten?

Antwort: Nein. Ich selbst glaube sogar, dass ihr das geholfen hätte. Die Bekanntheit einer Person steigt mit einer Bundesratskandidatur ja noch einmal massiv an. Aber wir hätten uns bis fast Mitte Dezember in einem Vakuum befunden, weil wir nicht gewusst hätten, ob sie nun in den Bundesrat gewählt wird oder nicht. Sie hätte ihren Wahlkampf für den Regierungsrat unterbrechen müssen, dabei sind wir jetzt schon jeden Abend unterwegs. Auch für uns als Partei wäre die Unsicherheit gross gewesen. Ich schlafe besser, seit ich weiss, dass sie uns erhalten bleibt. Sie ist für uns, für die Bürgerlichen und für den Kanton Zürich sehr wichtig.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Zeno Geisseler

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira