Interview

«Die meisten öffentlich-privaten Partnerschaften sind parasitär»: Die Ökonomin Mariana Mazzucato fordert einen neuen Kapitalismus

Der Staat soll die Wirtschaft stärker lenken: Mit dieser Botschaft wurde die Londoner Professorin zum Star der globalen Linken. Im Gespräch wehrt sie sich gegen liberale Einwände und kritisiert die Macht von Big Tech.

23.10.2026, 05.30 Uhr

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«Hört auf, einfach Geld zu verschenken!»: Mariana Mazzucato möchte einen Staat, der privaten Unternehmen mehr Vorgaben macht.

«Hört auf, einfach Geld zu verschenken!»: Mariana Mazzucato möchte einen Staat, der privaten Unternehmen mehr Vorgaben macht.

David Levenson / Getty

Was haben der verstorbene Papst Franziskus, die US-Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und Aussenminister Marco Rubio gemeinsam? Sie alle haben sich mit den Ideen von Mariana Mazzucato beschäftigt. Die 58-jährige Londoner Wirtschaftsprofessorin rüttelt mit ihrer Forderung nach einem interventionistischeren Staat an den Grundsätzen der liberalen Wirtschaftsordnung. Ihre Thesen finden aber auch jenseits der politischen Linken Gehör. Am Mittwoch trat sie am Sustainable Switzerland Forum in Dübendorf auf.

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Frage: Frau Mazzucato, weltweit greifen immer mehr Regierungen mit Zöllen, Subventionen und Beteiligungen in die Wirtschaft ein. Ist das der Staat, den Sie sich wünschen?

Antwort: Es kommt darauf an, wie der Staat eingreift. Ich bin weder für einen grossen noch für einen kleinen Staat. Ich bin für einen intelligenten Staat. Einen Staat, der nicht bloss Marktversagen korrigiert, sondern selbst wirtschaftliche Entwicklungen anstösst. Der Ziele setzt und Kredite, Steueranreize, Subventionen und öffentliche Aufträge nutzt, um Innovationen anzustossen. Entscheidend ist, dass Staat und Unternehmen gemeinsam wirtschaftliche Werte schaffen und auch die Erträge teilen.

Frage: Der Staat als Innovationstreiber – wo hat das funktioniert?

Antwort: Im Vorfeld der ersten bemannten Mondlandung im Jahr 1969 musste die amerikanische Raumfahrtbehörde Nasa unzählige konkrete Probleme lösen: Was tragen die Astronauten? Wie gehen sie auf die Toilette? Was essen sie? Damit diese Innovationen in Bereichen von Halbleitern bis Wasseraufbereitung entstehen konnten, brauchte es den Staat, der den Unternehmen die richtigen Ziele vorgab. Heute verteilen Staaten häufig einfach Geld an Unternehmen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

Frage: Die Mondlandung liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Haben Sie ein aktuelleres Beispiel?

Antwort: Während der Corona-Pandemie erhielt Easy Jet in Grossbritannien einen staatlich garantierten Kredit über rund 600 Millionen Pfund, ohne nennenswerte Bedingungen. Warum eigentlich? Frankreich machte es besser: Die Unterstützung für Air France war an die Verpflichtung geknüpft, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Wie das Unternehmen dieses Ziel erreichen sollte, blieb ihm überlassen.

Frage: Hat Air France ihre CO2-Emissionen denn tatsächlich gesenkt?

Antwort: Was die Air France betrifft, habe ich die Entwicklung nicht im Detail weiterverfolgt. Wichtig war, dass die Verträge griffige Bestimmungen enthielten. Meine Aufgabe als Ökonomin sehe ich darin, den Regierungen zu sagen: Hört auf, einfach Geld zu verschenken! Setzt Ziele und gestaltet die Zusammenarbeit zwischen Staat und Privatwirtschaft so, dass beide profitieren. Die meisten öffentlich-privaten Partnerschaften sind parasitär statt symbiotisch. Es fehlt an Gegenseitigkeit. Das ist ein Schlüsselthema in meinem neuen Buch.

Frage: Bei den Notkrediten während der Pandemie ging es darum, Fluggesellschaften vor dem Konkurs zu retten, nicht das Klima zu schützen. Warum sollte man diese beiden Ziele vermischen?

Antwort: Denken Sie an die Bankenrettungen während der Finanzkrise 2008. Auch damals wurden enorme Summen an Steuergeldern eingesetzt. Warum hätte man das nicht zum Anlass nehmen sollen, die betreffenden Branchen zu verändern? Unter Obama wurde Chrysler gerettet. Als Fiat bei dem amerikanischen Autobauer einstieg, verlangte die US-Regierung Investitionen in neue Technologien, etwa in Hybridantriebe. Schliesslich hatte Fiat in Italien viel zu wenig investiert. Warum sollte der Staat eine Industrie retten, ohne zugleich Bedingungen für ihre Zukunft zu stellen?

Frage: Das klingt nach klassischer Industriepolitik.

Antwort: Nein. Sie stellen die Dinge so dar, als wäre alles schwarz oder weiss. Industriepolitik kann auf idiotische Weise betrieben werden. Die traditionelle Industriepolitik wählt Gewinner aus. Sie entscheidet, welche Branchen Subventionen erhalten. Eine Regierung sagt beispielsweise: Wir wollen bei Autos, Medikamenten und in der Luft- und Raumfahrt weltweit führend sein. Also unterstützen wir diese Branchen mit Subventionen und Garantien. Die wichtigere Frage lautet jedoch: Welche Art von Wachstum wollen wir?

Frage: Wie sähe denn eine Industriepolitik aus, die aus Ihrer Sicht tatsächlich dem Gemeinwohl dient?

Antwort: Wenn es nachhaltig sein und allen zugutekommen soll, müssen die Unternehmen ihre Innovationen an diesen Zielen ausrichten. Etwa indem sie nachhaltige Mobilität entwickeln oder Medikamente, die für alle zugänglich sind und deren Preise den öffentlichen Beitrag berücksichtigen. Wenn sich die Politik auf einzelne Branchen konzentriert, steigt die Gefahr, dass sie von deren Interessen vereinnahmt wird. Unternehmen erklären dann, wie wichtig sie seien, und verlangen Unterstützung. Deshalb sollte der Staat nicht die Gewinner auswählen, sondern jene Unternehmen, die bereit sind, an seinen Zielen mitzuwirken. Sonst suchen sich die Verlierer den Staat als Geldgeber aus!

Frage: Wie lässt sich das praktisch umsetzen?

Antwort: Nehmen Sie das Beispiel Schulessen. Jedes Kind soll ein kostenloses Mittagessen bekommen, das gesund, schmackhaft und nachhaltig ist. Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Staat mit der Privatwirtschaft zusammenarbeiten, Lieferketten entwickeln, lokale Produzenten einbeziehen. So verbindet man den Sozialstaat mit dem Innovationsstaat. Innovation muss nicht immer Quantencomputer, Nanotechnologie oder künstliche Intelligenz bedeuten. Sie kann auch dazu dienen, die Gesundheitsversorgung, den Wohnungsbau oder eben das Schulessen zu verbessern.

Frage: Nun entdeckt sogar Donald Trump den Sozialstaat: Mit Zolldrohungen zwingt er Pharmakonzerne zu tieferen Preisen und höheren Investitionen in den USA.

Antwort: Ich halte es für richtig, dass die US-Regierung gegen die hohen Medikamentenpreise vorgeht. In den USA können Pharmakonzerne heute exorbitante Preise verlangen. Der Staat zahlt dabei mehrfach: zuerst für die Forschung, anschliessend über das Gesundheitssystem und schliesslich nochmals, wenn Menschen sich Medikamente nicht leisten können und krank werden. Das ist eine unglaubliche Geldverschwendung. Es ist richtig, dass die USA nicht mehr für Medikamente bezahlen wollen als andere Industrieländer. Diese Idee stammt allerdings nicht von Trump, sondern von der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren. Er hat sie bloss übernommen.

Frage: Bei Intel geht Trump noch weiter: Der amerikanische Staat ist direkt beim Chiphersteller eingestiegen. Wie fanden Sie das?

Antwort: Nachdem Trump die Intel-Beteiligung angekündigt hatte, kamen Leute zu mir und sagten: Er muss Ihr Buch «The Entrepreneurial State» gelesen haben! Das ist natürlich Unsinn.

Frage: Warum?

Antwort: Trump beteiligt sich hier und da an einzelnen Unternehmen. Gleichzeitig zerstört er mit seinen Angriffen auf die wissenschaftliche Unabhängigkeit die Grundlagen des unternehmerischen Staates, der durch öffentliche Forschung und gezielte Investitionen die Grundlagen für neue Technologien und Märkte schafft. China dürfte über diese Selbstdemontage sehr glücklich sein.

Frage: Trotzdem sind auch Sie einverstanden damit, dass sich der Staat in manchen Fällen an den Gewinnen privater Unternehmen beteiligt.

Antwort: Ich habe immer argumentiert, dass der Staat einen Teil der Gewinne erhalten sollte, wenn er grosse finanzielle Risiken übernimmt. Nehmen Sie den Fall Tesla. Das Unternehmen erhielt in seiner frühen Phase einen Kredit des US-Energieministeriums von 465 Millionen Dollar. Eine ähnliche Unterstützung erhielt Solyndra, ein Solarunternehmen, das später in Konkurs ging. Bei Solyndra trugen die Steuerzahler den Verlust. Bei Tesla entstand ein enormer Wertzuwachs. Aber die US-Regierung beging den klassischen Fehler: Die Risiken wurden sozialisiert, die Gewinne privatisiert.

Frage: Sie hätten also verlangt, dass der Staat Tesla-Aktien erhält?

Antwort: Ja. Bei Tesla war vorgesehen, dass der Staat drei Millionen Aktien erhält, falls das Unternehmen den Kredit nicht zurückzahlen kann. Was zum Teufel soll das? Warum will man Aktien eines Unternehmens, das seinen Kredit nicht zurückzahlen kann? Wahrscheinlich ist das Unternehmen dann gar nicht besonders gut. Man hätte genau das Gegenteil vereinbaren sollen: Wenn Tesla erfolgreich ist und den Kredit zurückzahlt, bekommt der Staat drei Millionen Aktien. Der entsprechende Gewinn hätte den Verlust von Solyndra mehr als ausgeglichen. Warum nicht? Erklären Sie mir, warum nicht.

Frage: Weil es ordnungspolitisch falsch ist, wenn der Staat mit Steuergeldern in private Unternehmen investiert.

Antwort: Ich sage nicht, dass er in private Unternehmen investieren soll. Ich sage: Wenn er es tut, sollte auch etwas an die Steuerzahler zurückfliessen. Ich bin gar keine besonders grosse Anhängerin direkter staatlicher Unternehmensbeteiligungen. Es kommt immer auf die Umstände an.

Frage: Am besten wäre es doch, der Staat hielte sich ganz aus der Unternehmensfinanzierung heraus.

Antwort: Dann hätten wir heute kein Silicon Valley. Der Staat hat einzelnen Unternehmen im Silicon Valley enorme Summen zur Verfügung gestellt, ohne die sie nicht gewachsen wären. Doch auch damals geschahen Fehler: Google erhielt in seiner Frühphase öffentliche Forschungsförderung. Das Internet entstand auf der Grundlage staatlich finanzierter Technologien. Und dank der gezielten Vergabe öffentlicher Aufträge konnten Unternehmen wie Intel zu grossen Konzernen heranwachsen. Leider haben wir diese Technologien damals nicht richtig gesteuert. Und heute beklagen wir die Macht der Technologiekonzerne.

Frage: Wenn sich der Staat in unternehmerische Entscheidungen einmischt, verzerrt er doch die Preissignale. Dabei liefern Preise wichtige Informationen über Knappheiten und Präferenzen.

Antwort: Das ist das klassische Argument von Friedrich August von Hayek. Natürlich können Preise Informationen vermitteln. Aber woher kommen diese Preise überhaupt? Sie fallen doch nicht vom Himmel. Nehmen Sie die Medikamentenpreise. Sind diese das unverfälschte Marktsignal? Oder spiegeln sie die Fähigkeit der Pharmaindustrie, ihre Preise durchzusetzen? Bevor wir darüber sprechen, ob Preissignale verzerrt werden, müssen wir verstehen, wie sie entstehen.

Frage: Die Investitionen in künstliche Intelligenz brechen derzeit alle Rekorde. Was sagen Sie: Dient dieser Boom dem Gemeinwohl?

Antwort: Zunächst einmal begann auch dieser Boom mit enormen öffentlichen Investitionen. Das unterscheidet ihn nicht von früheren technologischen Umbrüchen. Wir stehen aber an einem problematischen Punkt: Diese Unternehmen können inzwischen den besten Forschern an Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen Gehälter bezahlen, mit denen niemand sonst mithalten kann. Warum? Weil diese Unternehmen enorme finanzielle Mittel angehäuft haben. Sie profitieren von öffentlich finanzierter Grundlagenforschung, von massiver Steuervermeidung und teilweise von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte. Es gibt gute Untersuchungen darüber, wie Menschen in Afrika unter teilweise sklavenähnlichen Bedingungen Daten für KI-Systeme aufbereiten. Zudem bildet sich an der Börse eine gewaltige Spekulationsblase um diese Firmen – wie schon bei früheren technologischen Revolutionen. All das hat es diesen Unternehmen ermöglicht, enorme ökonomische Renten abzuschöpfen.

Frage: Das klingt alles sehr pessimistisch. Wie müsste die Entwicklung der KI stattdessen aussehen?

Antwort: Stellen Sie sich vor, wir hätten für künstliche Intelligenz etwas Ähnliches wie das Cern, das europäische Forschungszentrum für Teilchenphysik, in dem Staaten gemeinsam Grundlagenforschung betreiben. Ein öffentlich getragenes Forschungslabor, in dem die besten Köpfe der Welt zusammenarbeiten. Einen Ort, an dem es als Ehre gilt, für das Gemeinwohl zu forschen, statt bloss beim Wettlauf zwischen Open AI und Anthropic mitzumachen. Wir können die Uhr nicht zurückdrehen. Aber das Cern könnte ein interessantes Vorbild sein.

Frage: Können Sie der KI als Technologie auch etwas Positives abgewinnen?

Antwort: Auf jeden Fall. KI könnte enorme Fortschritte in der Medizin, beim Klimaschutz und in vielen anderen Bereichen ermöglichen. Gerade für Entwicklungsländer könnte der Nutzen riesig sein. Aber es gibt eben auch erhebliche Nachteile. Und in manchen Bereichen überwiegen diese derzeit möglicherweise sogar. Deshalb müssen wir die Innovation stärker an konkreten Problemen ausrichten. Wie können wir KI nutzen, um die grössten Probleme der Welt zu lösen? Ein internationales Forschungslabor könnte dabei helfen. Denn alles, was völlig unreguliert bleibt, wird irgendwann zu einem Spielkasino.

Die Starökonomin der Linken

Mariana Mazzucato wurde in Rom als Tochter eines Kernphysikers geboren und wuchs in den USA auf. Heute lehrt die 58-jährige italienisch-amerikanische Ökonomin am University College London. Bekannt wurde sie 2013 mit ihrem Buch «The Entrepreneurial State», in dem sie die Rolle des Staates bei grossen Innovationen hervorhebt. Mazzucato berät Regierungen und internationale Organisationen, darunter die EU und die WHO. Papst Franziskus berief sie 2022 in die Päpstliche Akademie für das Leben. Ihr jüngstes Buch heisst «Ein Kapitalismus, der allen nützt – die neue Gemeinwohl-Ökonomie».

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Lorenz Honegger

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