Internationaler Hochhauspreis «Hochhäuser bedeuten nicht unbedingt Verdichtung»

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Am Dienstag wurde in Frankfurt der Internationale Hochhauspreis verliehen – der weltweit wichtigste Architekturpreis für Hochhäuser. Gewonnen hat ihn das umgebaute World Trade Center in Brüssel.

Das «Zin» in Brüssel gewinnt den Internationalen Hochhauspreis. Das 129 Meter hohe Gebäude überzeugte die Jury als Beispiel für einen Paradigmenwechsel: Statt Abriss und Neubau stehen Transformation, Ressourcenschonung und Nutzungsmischung im Zentrum.

Die beiden ursprünglichen Türme wurden bis auf den Kern zurückgebaut und durch einen Neubau mit doppelter Geschosshöhe verbunden. Heute beherbergt das «Zin» unter anderem Büros, Appartements, ein Hotel, eine Sporthalle, einen Dachgarten und ein Gewächshaus. Teile sind öffentlich zugänglich.

Die Jury würdigte das Projekt der Büros 51N4E und Jaspers-Eyers Architects aus Brüssel sowie l’AUC aus Paris als Hochhaus, das seiner Umgebung etwas zurückgibt. Es solle nicht bloss ein Symbol der Macht sein, sondern das Quartier beleben und auch in 15 Jahren noch relevant sein.

Der alle zwei Jahre verliehene Preis ist mit 50'000 Euro dotiert.

In Zeiten von Wohnungsnot ist verdichtetes Bauen gefragt. Hochhäuser gelten dabei oft als Lösung. Aber wie steht es hierzulande um den Hochhaus-Wohnungsbau? Hubertus Adam, Chefredaktor der Schweizer Architekturzeitschrift «Archithese», über die Bauten, die hoch hinaus wollen und bei manchen auf Ablehnung stossen.

Hubertus Adam

Hubertus Adam ist Kunst- und Architekturhistoriker sowie Architekturkritiker und Kurator. Von 2013 bis Ende 2015 leitete er das Schweizerische Architekturmuseum (S AM) als Direktor. Aktuell ist er Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Archithese».

SRF: Ab wann gilt heute ein Haus eigentlich als Hochhaus?

Hubertus Adam: Das ist klar definiert: Ab 25 Metern gilt ein Haus als Hochhaus.

Welche Rolle spielen Hochhäuser zum Wohnen heute im Städtebau der Schweiz?

Seit den 1990er-Jahren, als Hochhäuser in den Städten wieder aktuell wurden, ist das Thema wichtiger geworden. Hochhäuser zu bauen, ist relativ teuer. In den 1990er- und 2000er-Jahren waren sie deshalb im Luxussegment angesiedelt. Heute lautet die Frage eher: Können auch bezahlbare Wohnungen in Hochhäusern entstehen?

In der Schweiz ist der Boden knapp, Wohnungsnot ein Thema. Ist das Hochhaus die richtige Antwort auf die Forderung nach Verdichtung?

Hochhäuser bedeuten nicht unbedingt Verdichtung. Wir können in der Schweiz nicht Dichten erzielen wie in Hongkong oder New York. Wir sind an die Ausnützungsziffern der jeweiligen Bauzonen gebunden.

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  • Bild 1 von 12. Der Internationale Hochhaus-Preis wird alle zwei Jahre vergeben. Dieses Jahr hat ihn das gemischt genutzte Hochhaus ZIN in Brüssel gewonnen. Ein Überblick über die nominierten Gebäude 2026/27. Bildquelle: Jaspers-Eyers Architects/Philippe Van Gelooven.

  • Bild 2 von 12. Voraussetzung für die Nominierung: Das Hochhaus muss 100 Meter hoch und in den vergangenen zwei Jahren fertiggestellt worden sein. Hier das Greenland Hangzhou Century Center (Hangzhou, China). Bildquelle: Hangzhou Greenland.

  • Bild 3 von 12. Mit dem Hochhaus-Preis werden Hochhäuser ausgezeichnet, die Nachhaltigkeit, äussere Gestaltung und innere Raumqualitäten vorbildlich verbinden. Sany IROOTECH Headquarters (Guangzhou, China). Bildquelle: Dave Burk / SOM.

  • Bild 4 von 12. Weitere Kriterien sind soziale und städtebauliche Aspekte, innovative Bautechnik und Wirtschaftlichkeit. JOMOO Headquarters (Xiamen, China). Bildquelle: Chen Hao / OMA.

  • Bild 5 von 12. Aus über 1000 neuen Hochhäusern weltweit wurden für 2026/27 30 Projekte aus zwölf Ländern auf fünf Kontinenten nominiert. AGE 360 (Curitiba, Brasilien). Bildquelle: Manuel Sá.

  • Bild 6 von 12. Der Hochhaus-Preis ist mit 50'000 Euro dotiert. Der Betrag wird in der Regel für wohltätige Zwecke gespendet, so die Veranstalter. vivo Smartphone Headquarters (Shenzhen, China). Bildquelle: Kris Provoost.

  • Bild 7 von 12. Der Award basiert auf einem Nominierungsverfahren – Planende können sich also nicht direkt selbst bewerben. 130 Little Collins Street (Melbourne, Australien). Bildquelle: Peter Clarke.

  • Bild 8 von 12. Der Gewinner des Hochhaus-Preises wird am 3. November in der Paulskirche in Frankfurt am Main gekürt. Shenzhen Transsion Holdings Headquarters (Shenzhen, China). Bildquelle: Markus Oleniuk.

  • Bild 9 von 12. Ab 5. November zeigt dann die Ausstellung «Best High-Rises – Internationaler Hochhaus Preis 2026/27» am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main die nominierten und prämierten Bauwerke. Merdeka 118 (Kuala Lumpur, Malaysia). Bildquelle: Wordsearch.

  • Bild 10 von 12. Nach wie vor werden in China, gefolgt von den USA und Australien, die meisten Hochhäuser gebaut, heisst es vom Deutschen Architekturmuseum. 88 Walker (Sydney, Australien). Bildquelle: Tyrone Branigan.

  • Bild 11 von 12. Daneben sind auch Argentinien und Brasilien, sowie Singapur spannende Hotspots für Hochhausarchitektur. Irwell Hill Residences (Singapur). Bildquelle: Finbarr Fallon / MVRDV.

  • Bild 12 von 12. Einstige Besonderheiten wie grossflächige Begrünungen gehören beim Hochhausbau mittlerweile zum Standard. One Pearl Bank (Singapur). Bildquelle: Finbarr Fallon.

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Das Potenzial von Hochhäusern liegt darin, dass Flächen frei werden, die beispielsweise für Parks genutzt werden können. Wenn wir Städte poröser gestalten wollen, ist das gerade mit Blick auf die Klimaerwärmung eine Option.

Die ersten Schweizer Wohnhochhäuser wurden vor fast 100 Jahren mehrheitlich positiv bewertet. Warum?

Das hatte mit der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Hochhäuser waren der Inbegriff einer Modernisierung der Schweiz. Die ersten Hochhäuser in Basel oder Zürich atmeten diesen Geist.

Hochhäuser sind immer kontrovers. Manche Menschen lieben sie, andere verachten sie.

In den 1960er- und 1970er-Jahren kam Kritik auf, das Hochhaus geriet in Verruf. Was ist passiert?

Nach 1968 wurde die Idee der permanenten Progression unglaubwürdig. Es gibt einen treffenden Buchtitel des damaligen Architekten Rolf Keller: «Bauen als Umweltzerstörung». Das machte dem Hochhaus in dieser Zeit den Garaus. Erst in den 1990er-Jahren wurde es wieder zum Thema.

Was sind die aktuellen Trends im Hochhaus-Wohnungsbau?

Zum einen geht es um Pflanzen und begrünte Fassaden, wobei man aufpassen muss, dass daraus kein Greenwashing wird. Ein weiteres Thema sind nachhaltigere Baumaterialien wie Holz. Und schliesslich stellt sich die Frage, was mit Hochhäusern aus den Boomjahren geschieht, die nicht mehr zweckmässig sind: wie sie umgenutzt werden können.

Was macht ein gutes Hochhausprojekt aus?

Die gute Positionierung in der Stadt. Es geht darum, gute Standorte zu finden und eine gute Strategie zu entwickeln. Hochhäuser sind immer kontrovers. Manche Menschen lieben sie, andere verachten sie.

Wie stehen Sie selbst zu Hochhäusern?

Ich könnte mir vorstellen, in einem Hochhaus zu leben. Trotzdem bleibt eine gewisse Ambivalenz. Der Schriftsteller Novalis hat einmal gesagt: «Alles ist gut, nur nicht überall. Nur nicht immer, nur nicht für alle.» Das gilt auch für Hochhäuser.

Das Gespräch führte Sabine Bitter.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 3.11.2026, 17:10 Uhr. ;  bits/gubs

Source: SRF · 04.11.2026, 08:08

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