Influencer lieben den Marathon – und nehmen es mit der Wahrheit nicht immer genau
Eine Läuferin legt die letzten Kilometer auf dem Gepäckträger eines Fahrrads zurück. Andere frisieren ihre Bestzeiten auf Strava. Nun entlarvt eine «Marathon-Polizei» die Schummler.
30.10.2026, 12.00 Uhr
4 Leseminuten
Dieses Wochenende findet der New York City Marathon statt.
John Angelillo / Imago
Am Sonntag findet der New York City Marathon statt. 60 000 Menschen starten beim grössten Marathon der Welt. Darunter sind Influencer und solche, die es werden wollen. Sie filmen sich auf der Strecke und zeigen live, wie sie leiden, kämpfen und triumphieren. Manche nehmen es dabei mit der Wahrheit nicht genau.
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Zum Beispiel die chinesische Influencerin Yuanyuan Sun. Am 27. September kam sie beim Berlin Marathon nach 4:53:46 Stunden ins Ziel. Auf der Plattform Rednote, wo ihr über 500 000 Personen folgen, verkündete sie das Ergebnis als persönliche Bestzeit.
Doch einige Tage später tauchten im Internet Fotos auf, die Yuanyuan Sun auf dem Gepäckträger eines Velos zeigten. Offenbar wählte sie auf den letzten Kilometern des Marathons eine bequeme Abkürzung.
Frisierte Strava-Zeiten
Die Schummelei sorgte Anfang Oktober Schlagzeilen. Yuanyuan Sun wurde nachträglich vom Rennen disqualifiziert. Sie entschuldigte sich und erklärte, sie habe ihre «Abkürzung» während des Rennens «bewusst verschwiegen». Ihr Sponsor, der Laufschuhersteller Brooks China, beendete die Zusammenarbeit mit ihr.
Der australische Instagram-Account «Official Marathon Time Integrity Unit», kurz OMTIU, hatte den Betrug publik gemacht. Der Account hat sich zum Ziel gesetzt, die «Integrität des Marathons» zu bewahren. Glaubt man dem Titel eines Artikels in «The Athletic», dem Sportteil der «New York Times», ist diese gefährdet. Dort heisst es: «Einblick in die Welt der ‹Marathon-Betrüger›».
Ganz so dramatisch ist es nicht. Fälle wie jener der chinesischen Influencerin, die zur Disqualifikation führen, sind selten. Häufiger wird subtiler getrickst, etwa mit geschönten Zeiten in den sozialen Netzwerken. Kaum im Ziel, wird die Sportuhr angehalten, die Aktivität auf Strava hochgeladen, dann auf Instagram geteilt. 42,195 Kilometer! 2:59:30! Persönliche Bestzeit!
Das Problem ist nur: Die Zeiten und Distanzen auf der Fitness-Tracking-App beruhen auf GPS-Daten; oft weichen sie vom Wettkampfergebnis ab. Manche Läuferinnen und Läufer manipulieren sie sogar bewusst, um bessere Resultate vorzutäuschen.
Die Leistung im Internet verfälscht darzustellen, ist zwar nicht verboten, aber unsportlich. Die Betreiber von OMTIU stellen Läuferinnen und Läufer an den Internet-Pranger, die schnellere Zeiten posten, als sie tatsächlich gelaufen sind. Zum Beispiel, weil sie in Pausen die Sportuhr stoppten. Oder weil sie die Aktivität 500 Meter vor dem Ziel beendeten.
Die inoffizielle Marathon-Polizei
Gegründet wurde die OMTIU vor einem Jahr als Satire-Projekt. Sie zielte auf Fitness-Influencer aus Sydneys hippen Stadtteil Bondi, die ihre Zeiten in den sozialen Netzwerken beschönigten. Inzwischen gilt die Seite als inoffizielle «Marathon-Polizei» und hat 60 000 Follower.
Gegenüber «The Athletic» sagten die australischen Betreiber, die anonym bleiben wollen: «Im Laufe der Zeit verschwamm die Grenze zwischen Realität und Darstellung. Wir haben OMTIU ins Leben gerufen, um wieder mehr Transparenz in den Sport zu bringen.»
Seit der Pandemie boomt der Laufsport. Die Szene verändert sich, und damit auch ungeschriebene Regeln, die sich über die Jahre etabliert haben. Das virtuelle Diplom der Fitness-Tracking-App Strava ist heute zum Statussymbol geworden – für einige ist es wichtiger als die offizielle Teilnehmer-Urkunde.
Längst analysiert OMTIU nicht mehr nur Laufveranstaltungen in Australien, sondern Marathons auf der ganzen Welt. Nach grossen Wettkämpfen gleichen die Betreiber die offiziellen Resultate mit den Ergebnissen in den sozialen Netzwerken ab. Immer wieder stossen sie auf bemerkenswerte Diskrepanzen.
Regelmässig veröffentlichen sie eine Rangliste mit den übelsten «Marathon-Betrügern». Eine Britin verkündete auf Instagram vor knapp 4000 Followern, sie habe in Manchester ihren ersten Marathon geschafft. Auf ihrem Finisher-Foto steht die Strava-Zeit 3:35:30. Das ist 15 Minuten schneller als ihr tatsächliches Ergebnis. Die Kommentare lauteten: «What a time!», «Speedy!».
Mit der U-Bahn ins Ziel
Gegenüber «The Athletic» sagte die junge Frau, sie habe lediglich mitteilen wollen, dass sie ihren allerersten Marathon absolviert hatte. Sie finde es unproblematisch, wenn Leute ihre Strava-Zeiten auf ihren privaten Kanälen posten.
Ein australischer Fitnesstrainer wiederum postete auf Instagram eine Zeit, die elf Minuten und 21 Sekunden schneller war als sein Ergebnis beim Melbourne-Marathon im vergangenen Oktober. Er habe die Uhr dreimal angehalten, wegen «wirklich schlimmen Durchfalls», zitiert ihn «The Athletic». Doch bei einem Rennen zählen eben nicht nur die Beine, sondern die gesamte körperliche Verfassung.
Beide waren nach dem Internet-Pranger massiven Beschimpfungen ausgesetzt. Der Fitnesstrainer sagte: «Mir war vorher nie bewusst, dass die Leute bei Laufzeiten so penibel genau hinschauen.»
Betrug und Schummelei sind bei Marathons indes nicht neu. Die Kubanerin Rosie Ruiz nahm 1979 am New York City Marathon und 1980 am Boston Marathon teil. Bei beiden Wettkämpfen betrog sie. In New York legte sie Teile der Strecke mit der U-Bahn zurück. In Boston stieg sie erst kurz vor dem Ziel ins Rennen ein – und kam als erste Frau ins Ziel.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Ines Häfliger
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