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In Perpignan hielt sich die Gewalt in den Tagen des Protests in Grenzen. Hat das mit dem rechten Bürgermeister zu tun?

Die südfranzösische Stadt Perpignan wird vom Rassemblement national geführt. Sie hat die kommunale Polizei aufgestockt und war auf die Gewaltausbrüche vorbereitet. Machtlos zeigt sie sich aber bei den Ursachen des Protests.

Clara Hellner01.11.2026, 05.30 Uhr

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Junge Protestierende stehen in Perpignan einer massiven Polizeipräsenz gegenüber.

Junge Protestierende stehen in Perpignan einer massiven Polizeipräsenz gegenüber.

Louise Canguilhem / Hans Lucas / AFP

Die Vitrine des Lacoste-Geschäfts in der Altstadt in Perpignan ist schon wieder repariert, die Schaufensterpuppen hergerichtet. Aber die Besitzerin, die ungenannt bleiben möchte, sagt: «Der 17. Oktober hat mich traumatisiert!» Stadtrat Pierre Parrat schaut sich ihre Handyfotos an: die Scheiben des Geschäfts zersplittert, leere Auslagen, Schaufensterpuppen zwischen Polohemden auf dem Boden – und überall Polizei im Laden. Parrat ist für die Sicherheit der Stadt zuständig, die von einem Bürgermeister des Rassemblement national (RN) geführt wird: Louis Aliot.

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Am 17. Oktober gingen in Frankreich 550 000 bis 800 000 Menschen auf die Strasse, mehr als tausend Geschäfte wurden beschädigt oder geplündert und viele Innenstädte zerstört. Wenige Tage später versprach der RN-Parteipräsident Jordan Bardella, die Sicherheit «mit allen legalen Mitteln» wiederherzustellen, wenn seine Partei bei den Wahlen im Frühjahr 2027 gewinnen sollte. Mit dem RN an der Macht, liess er durchklingen, wäre der 17. Oktober anders gelaufen. Aber stimmt das? Zumindest im Kleinen lässt sich anschauen, wie das RN als Regierungspartei mit den Protesten umgeht: In der südfranzösischen 120 000-Einwohner-Stadt Perpignan regiert seit mehr als sechs Jahren Louis Aliot, Vizepräsident der Partei und ehemaliger Lebensgefährte der Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen.

Perpignan setzt auf ausgemusterte Soldaten

Pierre Parrat, Aliots Mann für die Sicherheit, hat sich für das Gespräch im Rathaus die Zahlen aufgeschrieben: 1800 Menschen protestierten in Perpignan – Medien und Gewerkschaften zählten bis zu 4000. Sechs Geschäfte wurden attackiert und geplündert, etwa das Parfumgeschäft Sephora und das Luxuskaufhaus Galeries Lafayette. «Sechs zu viel, aber nehmen Sie Limoges», sagt Parrat. Eine Stadt, die etwa gleich viele Einwohner hat. «Haben Sie das gesehen? Das brennende Rathaus?» Auch in Perpignan hätten sie versucht, ins Rathaus zu gelangen, «mit 300 Menschen und Eisenstangen. Aber vergeblich, unsere Männer waren da.»

Pierre Parrat.

Pierre Parrat.

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Es seien in Perpignan nicht genug Kräfte von der Nationalpolizei im Einsatz gewesen und es habe keine Vorwarnung vom Geheimdienst gegeben, beklagt Parrat: «Wie überall.» Umso wichtiger sei deshalb die Kommunalpolizei gewesen. In den vergangenen Jahren hat Perpignan viele neue Polizisten rekrutiert, viele von ihnen sind ausgemusterte Soldaten und Nationalpolizisten aus Sondereinheiten. Etwa zweihundert dieser Polizisten arbeiten inzwischen in Perpignan. Mit Ausnahme von Cannes – wo die Polizei ein internationales Filmfestival sichern muss – beschäftigt keine andere französische Stadt mehr Polizisten pro Einwohner. Besonders stolz ist Parrat aber auf die Videoüberwachung. Am 17. Oktober habe er den gesamten Tag in der Zentrale verbracht, in der die knapp vierhundert Überwachungskameras zusammenliefen, erzählt er: «Wir haben an dem Tag jede Gruppe in der Stadt genau verfolgt!»

Doch als Parrat dann im Lacoste-Geschäft mit der Besitzerin ins Gespräch kommt, nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt, hat diese für die Polizei am 17. Oktober kaum Lob. «Wir wussten zwar, dass wir wachsam sein müssen», sagt sie. Lacoste ist bei vielen jungen Männern eine beliebte Marke. «Aber eigentlich verlaufen Demonstrationen in Perpignan ziemlich ordentlich. Nur diesmal ist es wirklich aus dem Ruder gelaufen!» Seit der Plünderung des Geschäfts nach Ladenschluss sei alles anders. Parrat versucht es noch einmal: «Auf der Videokamera vor dem Laden haben wir die Randalierer sofort gesehen und die Mountainbike-Staffel geschickt!», sagt er. Die Ladenbesitzerin lenkt ein: «Sie waren schon sehr schnell da.»

Der Protest wird von der Altstadt ferngehalten

Bei der Demonstration am 24. Oktober reagierte die Stadt restriktiver. Die 1500 bis 3000 Teilnehmer mussten in die umliegenden Viertel ausweichen. Die Polizei hielt Protestierende erfolgreich davon ab, ins Zentrum einzudringen. Und sie richtete eine Whatsapp-Gruppe ein, in der sie Ladenbesitzer minütlich informierte. Trotzdem, sagt die Lacoste-Ladeninhaberin, hätten sie nicht aufgemacht und die Ware lieber aus dem Laden gebracht: «Die Kunden haben Angst und kommen nicht, also lohnt es eh kaum, zu öffnen.»

Aber müssen sich nicht auch Kommunalpolitiker wie Aliot fragen, warum es überhaupt zu solchen Ausschreitungen kommt? Pierre Parrat winkt ab. Diese jungen Leute seien alle instrumentalisiert, sagt er, «wenn man sie fragt, warum sie demonstrieren, wissen sie es nicht». Und überhaupt: Forderungen etwa nach besseren Gymnasien und niedrigeren Lebenshaltungskosten richteten sich nicht gegen die Politik der Kommunen, sie seien in allen Städten dieselben. «Wir von der Stadt sind völlig machtlos, weil wir darauf keinen Einfluss haben», sagt Parrat.

Eine unsichtbare Grenze in der Stadt

Der Soziologe Gautier Sabrià aus Perpignan sieht das anders. Die Ausschreitungen versteht er als Ausdruck des Frusts, keine Perspektive zu haben, nicht Teil der Gesellschaft zu sein. «Und dabei spielt natürlich eine Rolle, welchen Platz Menschen in ihrer Stadt haben», sagt er. Sabrià erinnert daran, dass Perpignan eine der ärmsten Städte Frankreichs ist. Auf Videos vom 17. Oktober rufen die Demonstranten: «Die Jugend legt sich mit dem Front national an» oder «Louis, gib das Geld zurück». Eine Anspielung darauf, dass Bürgermeister Aliot wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder des Europäischen Parlaments zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Während die Ausgaben für Polizei und Videoüberwachung immer weiter gewachsen sind, hat die Stadt Gelder für Vereine und gemeinnützige Organisationen gestrichen. Dabei ist belegt, dass auch solche Gemeindearbeit die Kriminalitätsraten langfristig senkt. Betroffen sind etwa ein Bündnis gegen Rassismus und ein Verein, der psychologische und medizinische Hilfe im Quartier Saint-Jacques organisiert. «Der gesellschaftliche Zusammenhalt und das soziale Netz werden dort zerstört, wo keiner hinsieht», sagt Sabrià.

Gautier Sabrià.

Gautier 
Sabrià.

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Das Quartier Saint-Jacques geht direkt in die Altstadt über, doch die meisten Bewohner von Perpignan überwinden diese unsichtbare Grenze nicht. Der Grossteil der gut siebentausend Einwohner hat maghrebinische Wurzeln oder gehört zu den katalanischen Gitans. In den engen Gassen sitzen alte Männer und Frauen auf Stühlen vor den Häusern, Kinder spielen auf der Strasse. Im Café wird Minztee ausgeschenkt, ein Stuhl frei gemacht. «Sehen Sie, ist doch gar nicht so schlecht hier, oder?», sagt David, und Eddy neben ihm ergänzt: «Ich fühle mich nirgendwo in Sicherheit, ausser hier. Hier begrüsst man sich, hier wird man gesehen!»

Nur über den 17. Oktober möchte niemand reden, auch nicht über die Stadtregierung. Vielleicht, weil das Strassenfegen bei der Kommune einer der wenigen Jobs ist, die hier erreichbar scheinen. Schon in der Grundschule des Viertels ist weniger als die Hälfte der Kinder regelmässig anwesend. 90 Prozent der jungen Menschen in Saint-Jacques sind arbeitslos, viele verdienen mit dem Dealen ein wenig Geld. In Saint-Jacques ist der Verfall überall sichtbar: In vielen Strassen müssen die Häuser mit Stahlkonstruktionen gestützt werden. Der Staat scheint weitgehend abwesend, mit einer Ausnahme: Als die Mountainbike-Staffel aus der Altstadt die Grenze überquert, klingen Rufe durch das Viertel, mit denen Dealer einander warnen: «Arah, arah», etwa «Da kommt er», entliehen aus dem Algerischen.

Bei der Frage, ob sie demonstrieren gehen, lachen zwei Männer nur: «Nichts gibt man uns, und jetzt verlangt man, dass wir mit Pappschildern durch die Stadt ziehen?» Im Lacoste-Geschäft überlegt die Inhaberin indes noch, ob sie bei der nächsten Demonstration öffnet. Trotz der vielen Polizei bleibt ihr Gefühl von Unsicherheit.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Clara Hellner

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