In Lugano soll eine Strasse nach Giuliano Bignasca benannt werden – dagegen gibt es prominenten Widerstand

Lugano will den umstrittenen Lega-Gründer mit einer Strasse mitten im Zentrum ehren. Das sorgt für politischen Streit – und birgt einige Ironie.

Peter Jankovsky, Lugano29.10.2026, 05.30 Uhr

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Protestbewegung gegen Bern, die EU und das Establishment: die Lega-Gründer Giuliano Bignasca und Flavio Maspoli 1991.

Protestbewegung gegen Bern, die EU und das Establishment: die Lega-Gründer Giuliano Bignasca und Flavio Maspoli 1991.

Karl Mathis / Keystone

Das Klischee von der Sonnenstube mit Palmen, Seepromenaden und Rustici hält sich hartnäckig in den Köpfen der Deutschschweizer – zum Leidwesen vieler Tessiner. 2007 kam ein weniger mediterranes Bild hinzu: Giuliano Bignasca, Gründer der Lega dei Ticinesi, mit dem Sturmgewehr im Anschlag. Nach einem Wahlerfolg feuerte der wegen seiner kleinen Statur «Il Nano» (der Zwerg) genannte Politiker von seiner Büroterrasse in Lugano Salven in den Himmel. Mit Platzpatronen, wie er erklärte. Die Busse: 50 Franken. Das Bild ging durch die Medien und blieb im kollektiven Gedächtnis der Deutschschweizer haften.

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Doch das martialische Siegerbild verblasst allmählich. Ebenso die Erinnerung an den charismatischen Lega-Gründer, der 2013 starb. Da kommt es seiner politischen Bewegung gelegen, dass die Luganer Stadtregierung die Erinnerung an Bignasca auffrischen will. Kürzlich beschloss sie mit fünf gegen zwei Stimmen, einen Abschnitt der zentral gelegenen Via Pietro Capelli in «Via Giuliano Bignasca» umzubenennen – oder gar in «Via ‹Nano› Bignasca».

Damit folgt die Stadtregierung einem drei Jahre alten Vorstoss eines Lega-Gemeindeparlamentariers. Das langjährige Luganer Exekutivmitglied Bignasca verdiene eine Würdigung im Stadtbild, argumentierte dieser.

Anwalt der kleinen Leute

Giuliano Bignasca prägte die Tessiner Politik über Jahrzehnte. Er forderte Unterstützung für Rentner und sozial Schwächere, wetterte zugleich gegen staatliche Bevormundung und zu viele Vorschriften. Seine Anhänger sahen in ihm einen Anwalt der kleinen Leute, seine Gegner einen rücksichtslosen Demagogen. 1991 gründete er die Lega dei Ticinesi als Protestbewegung, nachdem er sich enttäuscht von der FDP abgewandt hatte.

Mit der Zeit verschoben sich die Schwerpunkte der Lega. Die Kritik an Bundesbern, die Ablehnung Europas und eine restriktive Ausländerpolitik gewannen an Bedeutung. Aus der Protestbewegung wurde eine rechtspopulistische Kraft, die sich der SVP annäherte, ohne ihre Tessiner Eigenart aufzugeben.

Bignascas Verdienste um Lugano sind unbestritten: Er setzte sich für die Universität der italienischen Schweiz und den Ausbau der Infrastruktur ein. Gleichzeitig überschritt er politisch immer wieder Grenzen und polemisierte heftig in seinem Sprachrohr, der Sonntagszeitung «Il Mattino».

Daran entzündet sich nun der Widerstand. Zu den prominentesten Gegnern gehört der frühere Tessiner Staatsanwalt Paolo Bernasconi, der 1977 den Milliardenskandal um die Schweizerische Kreditanstalt (SKA, später Credit Suisse) in Chiasso aufdeckte. Nun will Bernasconi gemeinsam mit einer Bürgergruppe bei der Tessiner Regierung Rekurs gegen die Ehrung Bignascas einlegen. Die Kritiker verweisen auf dessen aggressiven politischen Stil, seine Angriffe auf staatliche Institutionen und seine strafrechtlichen Verurteilungen.

Auch die städtische Kommission für Strassennamen hatte die Widmung abgelehnt. Man solle keine Person ehren, die zur gesellschaftlichen Spaltung beigetragen habe. Doch die bürgerliche Mehrheit der Stadtregierung setzte sich darüber hinweg. Für die Umbenennung stimmten unter anderem Luganos Lega-Stadtpräsident Michele Foletti, sein Parteikollege Lorenzo Quadri, der auch im Nationalrat sitzt, sowie der ehemalige Mitte-Ständerat Filippo Lombardi. Auch der freisinnige Vize-Stadtpräsident Roberto Badaracco, der das Vorhaben zunächst kritisch gesehen hatte, stimmte schliesslich zu. Dagegen votierten Karin Valenzano Rossi (FDP) und Raoul Ghisletta (SP).

Strasse ohne Bewohner

Ursprünglich wollte die Lega einen Abschnitt der Via Monte Boglia bei ihrem Hauptquartier umbenennen. Um den Anwohnern Adressänderungen zu ersparen, entschied sich die Stadtregierung jedoch für ein unbewohntes Teilstück der Via Pietro Capelli am Fluss Cassarate im Zentrum Luganos. Eine Strasse ohne Bewohner für einen Mann des Volkes – die Symbolik entbehrt nicht einer gewissen Komik. Hinzu kommt eine weitere Ironie: Langfristig könnte die Strasse zur Tempo-30-Zone werden. Ausgerechnet der «Nano», der staatliche Vorschriften leidenschaftlich bekämpfte, würde damit an einer verkehrsberuhigten Strasse verewigt.

Ob Bernasconi mit seinem Rekurs Erfolg hat, ist offen. Der Zeitpunkt des Streits ist jedoch politisch brisant: Im April 2027 stehen im Tessin kantonale Wahlen an, und die einst mächtige Lega schwächelt. Als etablierte Regierungspartei hat sie Mühe, mit ihrem alten Erfolgsrezept zu punkten: Wer selbst regiert, kann schlecht gegen das Establishment mobilisieren.

Hinzu kommt die Affäre um den Ende September zurückgetretenen Lega-Staatsrat Claudio Zali. Er geriet unter anderem wegen einer Tonaufnahme unter Druck, in der er zu Gewalt gegen eine Frau aufrief. Gegen ihn laufen zudem Strafverfahren. An seiner Stelle ist der frühere Nationalrat Piero Marchesi (SVP) in die fünfköpfige Tessiner Regierung nachgerückt. Damit hat die Lega ihre bisherige Doppelvertretung verloren.

Der Partei fehlen zudem prägende Figuren: Der Lega-Gründer Giuliano Bignasca, sein Bruder Attilio und der beliebte frühere Luganer Stadtpräsident Marco Borradori sind verstorben. Einzig Staatsrat Norman Gobbi verfügt noch über eine breite politische Präsenz. Da kommt den Rechtspopulisten der Streit um den Strassennamen gerade recht. Hauptsache, der charismatische «Nano» ist wieder in aller Munde.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter Jankovsky, Lugano

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