In einem Wald in Kenya hungerten mehr als 400 Menschen zu Tode. Ihr Pastor wollte es so. Nun ist er verurteilt worden
Paul Mackenzie war einst Taxifahrer in einem kenyanischen Touristenort. Dann gründete er eine Kirche, die 2023 für eines der schlimmsten Sektenmassaker verantwortlich war.
20.10.2026, 16.33 Uhr
5 Leseminuten
Immer neue Leichen tauchten 2023 im Wald von Shakahola auf.
AP
Es dauerte Monate, bis die Helfer im Frühjahr 2023 alle Leichen aus dem Wald getragen hatten, in blauen und weissen Säcken. Mehrfach mussten sie die Bergung der Opfer von Shakahola für ein paar Wochen unterbrechen, weil in der lokalen Leichenhalle an der kenyanischen Küste kein Platz mehr war.
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Am Ende hatten sie mehr als 400 Opfer aus flachen Massengräbern geholt. Fast die Hälfte von ihnen waren Kinder, manche erst wenige Wochen alt. Es war eines der grössten Sektenmassaker, die es je gegeben hat.
Verantwortlich war ein Pastor namens Paul Nthenge Mackenzie. Er führte eine Kirche, die er Good News International Church genannt hatte. Er hatte Hunderten seiner Gläubigen versprochen, wenn sie sich im Wald zu Tode fasteten, würden sie Jesus treffen.
Am Montag hat ihn ein Gericht in der kenyanischen Hafenstadt Mombasa wegen Mordes in 191 Fällen schuldig gesprochen. Die Urteilsverkündung dauerte acht Stunden. Mackenzie, ein kleiner Mann mit stechenden Augen, sass regungslos da. Mit ihm zusammen wurden 28 weitere Anführer seiner Kirche schuldig gesprochen.
Kranke heilen, Dämonen austreiben
Mackenzie wurde in den 1970er Jahren in einem Dorf an der kenyanischen Küste geboren. Die Familie war baptistisch. In den 1990er Jahren fuhr er Taxi in Malindi, einem Ferienort, dessen weisse Sandstrände vor allem bei italienischen Touristen beliebt waren. Er begann zu der Zeit auch zu predigen. 2003 gründete er seine eigene Kirche, die Good News International Church. Es war eine evangelikale Kirche, wie sie in Kenya und andernorts in Afrika in den vergangenen Jahrzehnten zu Tausenden entstanden sind.
Der Erfolg der evangelikalen Kirchen ist eng verbunden mit charismatischen Predigern, die Wunder und Wohlstand versprechen. Paul Nthenge Mackenzie behauptete, er könne direkt mit Gott sprechen und deshalb unter anderem Kranke heilen. Er führte Exorzismen durch an angeblich von Dämonen besessenen Anhängern, die sich vor ihm auf dem Boden wanden.
Um seine Anhängerschaft zu vergrössern, liess Mackenzie seine Predigten ab 2012 von einer eigenen Fernsehstation namens Times TV übertragen. Er fand so Tausende neue Anhänger. Seine Predigten wurden extremer. Er verteufelte Schulbildung und Impfungen und verlangte von Frauen, Kinder ohne ärztliche Hilfe zur Welt zu bringen. Er bezeichnete die Vereinten Nationen, die USA und die katholische Kirche als Werkzeuge Satans. Und er sprach immer wieder von der Apokalypse, die nahe sei.
2017 und 2019 wurde Mackenzie verhaftet: beim ersten Mal, weil auf dem Gelände seiner Kirche Dutzende von Kindern gefunden wurden, die nicht zur Schule gehen durften, danach, weil der Sender, über den Mackenzie seine radikalen Thesen verbreitete, keine Filmlizenz besass. Doch er kam wieder frei.
Der Pastor Paul Mackenzie während der Urteilsverkündung in Mombasa.
Lucas Mukasa / Anadolu via Getty
Hirten stossen auf abgemagerte Jungen
Kurz nach der zweiten Verhaftung schloss der Pastor dann seine Kirche in Malindi und zog mit mehreren hundert Anhängern in den 70 Kilometer entfernten Shakahola-Wald. Dort lebte die Gemeinde in Lehmhütten. Die verschiedenen Teile des Sektendorfes trugen biblische Namen: Jerusalem, Nazareth, Bethlehem. Manche der Anhänger hatten ihre Autos und ihre Häuser verkauft und den Erlös Mackenzies Kirche gespendet.
Während es in jenen Jahren um den kontroversen Pastor in der Öffentlichkeit ruhig wurde, vollzog dieser im abgelegenen Wald die endgültige Radikalisierung. Er legte den Tag des Jüngsten Gerichts auf den 15. April 2026 fest. Bis dahin müssten sich seine Anhänger zu Tode gefastet haben, zuerst die Kinder, dann die Frauen, zuletzt die Männer. Mackenzie selbst werde auf Erden die Tür zumachen, nachdem alle anderen bereits im Himmel angekommen seien.
Im Februar 2023 stiessen Viehhirten beim Wald auf fünf abgemagerte Jungen und retteten sie. Kurz darauf schlug ein Lehrer in Mombasa Alarm, weil seine Tochter und andere Familienmitglieder nicht aus Shakahola zurückgekehrt waren. Menschenrechtsaktivisten und schliesslich die Polizei stiessen im Wald auf Leichen und völlig ausgehungerte Menschen. Der Pastor Mackenzie wurde verhaftet – und auf Kaution wieder freigelassen. Mitte April 2023 nahm ihn die Polizei endgültig fest.
Manche der toten Kinder trugen neue Kleider
Während die Behörden Hunderte von Leichen aus dem Wald holten, wurden immer grausigere Details bekannt. Der Pastor hatte ein Team von Wächtern unterhalten, das mit Macheten, Hämmern und Messern bewaffnet war und Sektenmitglieder daran hinderte, die Gemeinde zu verlassen. Manche der Toten waren nicht verhungert, sondern erschlagen oder erwürgt worden. Überlebende Frauen berichteten, sie seien von Mackenzies Wächtern vergewaltigt worden. Manche der toten Kinder trugen neue Kleider. So sollten sie gut aussehen, wenn sie Jesus im Himmel begegneten.
Während sich seine Gemeinschaft zu Tode hungerte, schienen für den Pastor andere Regeln zu gelten. Die Bewohner eines benachbarten Dorfes berichteten, Mackenzie habe bei ihnen Mais, Bohnen und Mehl eingekauft und auch einmal eine Cola getrunken.
Nachdem das ganze Ausmass des Massakers bekanntgeworden war, fragten wütende Kenyanerinnen und Kenyaner, weshalb die Behörden den radikalen Pastor nicht früher gestoppt hätten. Kenyas Menschenrechtskommission, die einen umfassenden Bericht über den Horror von Shakahola verfasst hat, sagte, die Polizei hätte Mackenzie bereits 2017, anlässlich seiner ersten Verhaftung, aus dem Verkehr ziehen müssen.
Leichensäcke in Shakahola.
AP
«Jesus hat es getan»
Tatsächlich verweisen die Vorgänge im Wald von Shakahola auf den Einfluss und die Straflosigkeit, die manche Kirchenführer in Kenya geniessen. Kenya verfügt – wie andere afrikanische Länder auch – über eine Reihe von einflussreichen Priestern, welche Tausenden von Anhängern versprechen, kinderlose Frauen fruchtbar machen zu können, HIV zu heilen und notfalls auch Tote aufzuerwecken. Die Prediger lassen sich ihre angeblichen Wundertaten von den Gläubigen gut bezahlen. Sie sind unterwegs in teuren Autos, die Erfolgreichsten von ihnen im Privatjet.
Die Prediger finden in Kenya fruchtbaren Boden vor – die grosse Mehrheit der Bevölkerung ist religiös und gleichzeitig arm genug, um ihre Hoffnungen in Priester zu setzen, die ihnen versprechen, der richtige Glaube könne Probleme lösen, wofür ihnen das Geld fehle.
Die Kirchenführer werden auch von Politikern hofiert. Kenyas Präsident William Ruto zum Beispiel, selber ein Evangelikaler, lässt sich gerne beim Beten filmen. Er hat in den vergangenen Jahren Spenden in Millionenhöhe an Kirchen entrichtet – in der Hoffnung, dass diese mit Wählerstimmen vergolten werden.
Für den Pastor von Shakahola, Paul Nthenge Mackenzie, gilt die Straflosigkeit nicht länger. Das Strafmass gegen ihn wird im November verkündet. Schuldig fühlt er sich deswegen nicht. Dem Magazin «New Yorker» sagte er 2024: «Ich habe nichts getan. Niemand hat getötet. Jesus hat es getan.» Falls Leute gestorben seien, dann weil Jesus sie in den Himmel geholt habe.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Samuel Misteli
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