Im rot-grünen Zürich gehen Demonstranten für tiefe Steuern auf die Strasse – und klingen wie Greta Thunberg

Zum ersten Mal überhaupt protestieren am Samstag die Jungfreisinnigen vor dem Stadthaus. Es ist die ungewöhnlichste Kundgebung seit langem.

28.10.2026, 05.00 Uhr

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Mit Sprayereien machen die Jungfreisinnigen auf ihre Kundgebung aufmerksam.

Mit Sprayereien machen die Jungfreisinnigen auf ihre Kundgebung aufmerksam.

NZZ

Das Demonstrationswesen ist in der Stadt Zürich fest in rot-grüner Hand. Fast jeden Tag wird hier protestiert. Critical Mass, Anti-WEF, Klimademos, Wohnungsnot – das sind alles linke Anliegen, die viel Unterstützung finden.

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Da ist die Kundgebung, die am nächsten Samstag vor dem Stadthaus stattfindet, eine kleine Sensation. Denn diesmal sind es die Jungfreisinnigen der Stadt Zürich, die demonstrieren, zwei Stunden lang. Auch das Thema selbst ist ungewöhnlich für eine Demo: tiefe Steuern.

Platziert werden Forderungen aus der ganzen Bandbreite: keine Gewinnsteuern für Startups in den ersten fünf Gewinnjahren, keine Mehrwertsteuererhöhung – und eine Senkung des Steuerfusses um 5 Prozentpunkte auf 114 Prozent in der Stadt Zürich.

Fäuste auf pinkfarbenem Hintergrund

Bemerkenswert ist, wie die Jungfreisinnigen die Kundgebung aufziehen. Sie orientieren sich quasi an den linken Demoprofis. An mehreren Stellen in der Innenstadt wird mit Sprayereien auf die Aktion aufmerksam gemacht. Die Posts in den sozialen Netzwerken sind mit Fäusten versehen, die auf pinkfarbenem Hintergrund in die Luft gereckt sind, darüber schweben Herzchen. Und der Schlachtruf lautet: «Euri Politik choschtet eusi Zuekunft!» Das klingt nach Greta Thunberg und ihren Klimademonstranten.

Warum die theatralischen Töne? «Die Lage ist dramatisch», sagt Elias Pernet, Präsident der Stadtzürcher Jungfreisinnigen. Die Steuerbelastung von Privatpersonen und Unternehmen sei zu hoch, was der Standortattraktivität von Zürich schade. Er verweist auf die Traditionsbank Vontobel, die Ende August bekanntgegeben hatte, dass sie den Hauptsitz in den Kanton Zug verlegen werde. Wenige Wochen später verkündete die Bank Cembra, dass sie nach Baden ziehe.

«Der Wegzug der Banken Vontobel und Cembra müsste ein Weckruf sein.» Dass der Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) in einem Interview mit der NZZ sagte, ihm scheine die Aufregung über den Abgang von Vontobel «teilweise übertrieben», findet Pernet bedenklich.

Elias Pernet.

Elias Pernet.

PD

Doch ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um tiefere Steuern in der Stadt Zürich zu fordern – und dann gleich um fünf Prozentpunkte? Für nächstes Jahr rechnet der Finanzvorstand Leupi mit einem Minus von 407 Millionen Franken und warnt vor einer stark ansteigenden Verschuldung. Die Stadt hat deshalb ein Sparprogramm bei den Investitionen angekündigt. Die Ausgaben für den Wohnungskauf will sie auf strikt 150 Millionen Franken pro Jahr begrenzen. Im gegenwärtigen Budget sind es 250 Millionen Franken.

Die finanzielle Situation der Stadt sei tatsächlich besorgniserregend, sagt Pernet. Doch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler dürften nicht darunter leiden. Vielmehr müsse der Stadtrat ernsthaft sparen. Zürich habe ein Ausgaben-, nicht ein Einnahmenproblem. «Wenn unsere Standortattraktivität heute leidet, dann werden die daraus resultierenden Unternehmenswegzüge und Steuerausfälle das Budget von morgen ebenfalls belasten.»

Solche Parolen hat man an Demonstrationen in der Stadt Zürich wohl kaum je gehört.

Für die Jungfreisinnigen ist die Kundgebung am Samstag Neuland – und deren Organisation auch. «Wir sind aktivistisch aufgestellt», sagt Pernet. Er betont jedoch, dass die Kundgebung friedlich und sachlich verlaufen werde. Selbstverständlich habe man bei der Stadt eine Bewilligung für die Kundgebung eingeholt. Und die Sprayereien seien mit abwaschbarem Kreidespray aufgetragen worden – «nur am Boden, nicht an Fassaden». Wenn es am Mittwoch regnet, werden die Aufschriften verschwinden.

«Alles wird gut», tröstete die FDP im Jahr 2018

Die kantonale FDP ist auch schon auf die Strasse gegangen, letztmals zum Auftakt des Wahljahrs 2018.

Da marschierten freisinnige Behördenmitglieder und solche, die es werden wollten, über den Limmatquai bis zum Rathaus – insgesamt etwa 300 Personen. Sie hielten blaue Ballone sowie Schilder mit Aufschriften wie «Alles wird gut», «Mehr Erfolg» oder «Ärmel ue» in die Höhe. An der Spitze trugen Exponenten wie Thomas Heiniger, Carmen Walker Späh oder Doris Fiala ein Banner mit der Aufschrift «Mehr Optimismus!» Der Umzug war so ungewöhnlich, dass viele Schaulustige stehen blieben und das Handy zückten.

Auch die Jungfreisinnigen bleiben mit dem Stadthaus als Austragungsort auf vertrautem Terrain. In der Gegend sind vor allem Touristen unterwegs und Leute, die ihre Einkäufe erledigen. Auf dem Helvetiaplatz, wo die Linken ihre Demos am liebsten durchführen, würden die Jungpolitiker wohl kritisch beäugt.

Wie viele Leute an der Kundgebung teilnehmen würden, sei schwierig abzuschätzen, sagt Pernet. Die klassische Demo-Community mit ihrer treuen Anhängerschaft dürfte wohl fernbleiben. Die Teilnehmerzahl stehe aber ohnehin nicht im Vordergrund, sagt Pernet. «Es geht uns darum, ein Zeichen zu setzen.» So formulierte es schon die FDP anno 2018.

Ein kleines Zückerchen halten die Jungfreisinnigen parat für alle, die am Samstag dabei sein werden: Es gibt Bier.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Isabel Heusser

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