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Einst waren sie eine kleine Minderheit, heute ist jeder dritte Brasilianer evangelikal. Die Frommen führen einen Kulturkampf gegen Wokeness und Katholizismus – und hoffen auf einen Präsidenten aus ihren Reihen.
«Gott hat dir ein Versprechen gegeben, aber ich sage dir: Du wirst die Erfüllung nur erleben, wenn du dafür kämpfst!» Die Bischöfin Sônia Hernandes streckt den Zeigefinger zum Himmel und redet sich mit heiserer Stimme in Ekstase. Sie spricht von König David und den Mauern von Jericho und hat für die Gläubigen vor allem eine Botschaft: Ihr Aufstieg sei eine göttliche Verheissung. Doch ob sie es schafften, hänge von ihnen selbst ab. «Ihr müsst früh aufstehen, fleissig sein, dürft nicht ständig klagen.»
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Es ist der sonntägliche 10-Uhr-Gottesdienst im Hauptsitz der evangelikalen Kirche Renascer em Cristo («Wiedergeburt in Christus»). Das Gotteshaus, ein schmuckloser, kastenförmiger Bau mit 1500 Sitzplätzen, steht in einem heruntergekommenen ehemaligen Industriequartier in der Nähe des historischen Zentrums von São Paulo.
Renascer wurde vor vierzig Jahren von der früheren Ernährungsberaterin Sônia und ihrem Mann Estevam Hernandes gegründet. Der Marketingprofi verpasste sich selbst den Titel «Apostel». Heute hat die Kirche Hunderttausende von Anhängern und mehrere hundert Kirchen in ganz Brasilien.
Die Bischöfin Sônia Hernandes predigt am Hauptsitz ihrer Kirche Renascer em Cristo in São Paulo.
Es sind einige hundert Gläubige gekommen – doch viele sind auch an der Wahlkampfveranstaltung von Flávio Bolsonaro.
An diesem Tag ist die Kirche jedoch nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Ein Grund dafür ist in 2,5 Kilometer Entfernung zu finden, auf der Paulista. Die wichtigste Flaniermeile von São Paulo wird ab 10 Uhr geflutet von Zehntausenden Frauen und Männern, die meisten tragen die gelben Trikots der brasilianischen Nationalmannschaft. Diese sind zum Erkennungsmerkmal der Anhänger des Bolsonarismo geworden.
Aber auch jene, die im Gottesdienst sitzen, wissen genau, wen sie zu wählen haben. Denn Sônia und Estevam Hernandes haben bereits öffentlich ihre Unterstützung für Flávio Bolsonaro bekundet. Es sind die Evangelikalen, die den ultrarechten Kandidaten bei der Stichwahl am 25. Oktober ins Präsidentenamt bringen könnten.
Immer im Kampf mit Satan
Laut Umfragen wollen rund 62 Prozent der Evangelikalen Bolsonaro wählen, nur 29 Prozent sprechen sich für seinen linken Konkurrenten aus, den amtierenden Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva. Sollte Bolsonaro junior am 25. Oktober triumphieren, dann hat er dies also zu einem grossen Teil den Evangelikalen zu verdanken. Auf deren Support konnte sich bereits sein Vater Jair, Präsident von 2019 bis 2022, verlassen.
Flávio Bolsonaro ist selbst ein Evangelikaler; er besucht die Kirche Comunidade das Nações, die theologisch ähnlich ausgerichtet ist wie Renascer. Die Kirchen gehören zur neopfingstlerischen Strömung des Protestantismus. Diese ist geprägt durch den Glauben an Wunder und durch ein stark dualistisches Weltbild: Die Kräfte des Guten sind in einem steten Kampf mit den Kräften des Bösen, also mit Satan.
Neopfingstlerische Veranstaltungen sind deutlich emotionaler als die nüchternen evangelischen Gottesdienste der Landeskirchen in der Schweiz oder Deutschland. Renascer war in Brasilien eine Pionierin der frommen Pop-Musik. An diesem Sonntag spielt die Band vor dem Auftritt der Bischöfin bombastische Lieder mit Titeln wie «Oh, König Jesus».
Die Gläubigen hält es nicht auf ihren Sitzen, sie haben ihre Arme erhoben und bekunden, murmelnd oder laut, Zustimmung zu den Botschaften von Sônia Hernandes. Als sie das Kirchenvolk zum Spenden aufruft, kommen viele nach vorne und wedeln mit den Einzahlungsscheinen. Gewisse evangelikale Kirchen erwarten unter Berufung auf die Bibel von ihren Mitgliedern, dass sie den Zehnten abliefern, also zehn Prozent ihres Einkommens.
Gegen Abtreibung und Drogen
Der Evangelikale und Rechtsaussenpolitiker Flávio Bolsonaro will brasilianischer Präsident werden.
Getty
Der Renascer-«Apostel» Estevam Hernandes begründet auf Anfrage seine Unterstützung für Bolsonaro junior. Es gehe dabei um Werte, die er als essenziell für Brasilien betrachte: den Schutz des Lebens und der Familie, die Religionsfreiheit und die Ablehnung von Drogen. Ausserdem brauche das Land jetzt eine Regierung, die wirtschaftsfreundlich und frei sei von Korruption – offensichtlich traut Hernandes dabei Flávio mehr als Lula, obwohl sich auch die Bolsonaros mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert sehen.
Nach dem Gottesdienst schliesst sich das Prediger-Ehepaar Hernandes der Kundgebung auf der Paulista an. Nicht alle Teilnehmer sind evangelikal. Aber viele. Auf manchen Trikots ist die Aufschrift «Gott – Vaterland – Familie» zu lesen. Jemand verkauft Fahnen, auf denen steht: «Brasilien über alles, Gott über allen».
Der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva kandidiert für eine weitere Amtszeit.
Reuters
Die erfolgreiche Allianz zwischen Pfingstlern und Rechten wäre ohne eine religiöse Umwälzung von historischem Ausmass kaum denkbar. Noch 1980 waren nur 6,6 Prozent der Brasilianer evangelikal, während 89 Prozent dem Katholizismus anhingen. Heute machen die Evangelikalen gegen 30 Prozent der Bevölkerung aus, und ihr Anteil dürfte weiter wachsen.
Der Aufstieg der Pfingstbewegung in Brasilien setzte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, ab den fünfziger Jahren auch dank amerikanischen Missionaren. Im Kalten Krieg betrachteten konservative Kreise in den USA die katholische Befreiungstheologie, die sich für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzte, als Bedrohung – und evangelikale Kirchen galten als mögliches Gegenmittel.
In linken Kreisen Brasiliens hält sich deshalb der Verdacht, dass die CIA den Aufstieg der Evangelikalen gefördert habe. Beweise für eine systematische Steuerung und Finanzierung von Geistlichen gibt es jedoch nicht.
Halt für die Entwurzelten
Ohnehin könnte eine amerikanische Einmischung allein den Siegeszug der Evangelikalen nicht erklären. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts strömten Millionen auf der Suche nach Arbeit vom Land, wo der Katholizismus unhinterfragte Autorität war, in die Städte. Die Binnenzuwanderer litten unter der Entwurzelung und schwierigen ökonomischen Verhältnissen.
Es waren die flexibel agierenden evangelikalen Kirchen, die diesem neuen Proletariat Orientierung boten – und Sozialleistungen, für die der Staat die Mittel nicht hatte. Besonders anziehend für die Unter- und die Mittelschichten war und ist das Wohlstandsevangelium: Wer den wahren Glauben lebt, darf auf beruflichen Erfolg und Gesundheit bereits in diesem Leben hoffen, nicht erst im Jenseits. So lautet die Botschaft, die auch die Kirche Renascer verkündet.
Wer den wahren Glauben lebt, dem wird es schon auf dieser Welt gut gehen: So lautet das Versprechen des Wohlstandsevangeliums.
Gerade auf Männer hat das evangelikale Dogma eine disziplinierende Wirkung.
Dabei basiert dieses Versprechen nicht bloss auf Wunderglauben, wie der Theologe Friedrich Wilhelm Graf schreibt: «Indem pfingstlerische Gemeinden Askese und harten Fleiss religiös prämieren, stärken sie die Fähigkeit zum sozialen Aufstieg.» Drogen, Wetten, Seitensprünge, Bordellbesuche: All das ist tabu. So bleiben den Haushalten mehr Ressourcen, die sie etwa in die eigene Karriere oder die Bildung der Kinder investieren können.
Gleichzeitig hat das Heilsversprechen auch Schattenseiten: Wer trotz harter Arbeit arm bleibt, dem wird damit indirekt die Schuld am eigenen Scheitern zugeschoben.
Während die Anhängerschar wuchs, merkten die evangelikalen Kirchen ab den achtziger Jahren, dass sie ihre religiöse Autorität auch für die politische Mobilisierung nutzen konnten. Pastoren begannen, selbst für Parlamente zu kandidieren, oder empfahlen genehme Politiker zur Wahl. So entwickelte sich die «Bancada evangélica», die evangelikale Fraktion, von einer kleinen Minderheit zu einem der einflussreichsten Blöcke im nationalen Parlament. Mit eigenen TV- und Radiosendern sowie Social-Media-Kanälen erreichen die Botschaften der Kirchen zudem Millionen von Gläubigen.
Alles, was der evangelikale Konsument begehrt
Auch im Stadtbild ist die Präsenz der frommen Protestanten unübersehbar, wie sich in einem Quartier in der Nähe der Kathedrale von São Paulo zeigt. In der «Strasse der Evangelikalen» reiht sich ein Geschäft, in dem religiöses Material verkauft wird, ans nächste. Hier gibt es T-Shirts und Baseballmützen mit Aufschriften wie «Jesus hat mich gerettet» zu kaufen, ebenso mit Goldfarbe bepinselte Bundesladen aus Holz, Taufgewänder für Erwachsene oder Predigtkanzeln.
«Jesus hat mich gerettet»: Diesen und andere Slogans findet man auf den T-Shirts in einem Geschäft an der «Strasse der Evangelikalen».
Für viele brasilianische Evangelikale ist das Alte Testament besonders wichtig – und damit auch die Bundeslade, die es hier in kleinerer Version zu kaufen gibt.
Juliana de Souza Alves betreibt hier einen Laden mit Kinderartikeln. Sie hat Puppen von biblischen Figuren im Angebot, Kinderbibeln, religiöse Spiele oder einen Bilderrahmen, auf dem steht: «Mein Geschlecht hat mir Gott gegeben.» Sie sagt: «Es ist wichtig, dass unsere Kinder schon von klein auf mit unseren Werten aufwachsen, dass sie wissen, dass Jesus für uns am Kreuz gestorben ist.»
Sie will Flávio Bolsonaro wählen, aber nicht in erster Linie aus religiösen Gründen: Als Kleinunternehmerin erhofft sie sich vor allem weniger staatliche Bürokratie und tiefere Steuern. Andere Motive hat Nara Oliveira do Carmo, die im selben Gebäude in einer Buchhandlung arbeitet. «Flávio vertritt meine christlichen Werte: Er ist für die Familie und gegen Abtreibung und Homosexualität», sagt sie.
Juliana de Souza Alves verkauft religiöse Artikel für Kinder. Sie wählt Bolsonaro – aber nicht in erster Linie wegen seines Glaubens.
In den Buchhandlungen finden die Evangelikalen zahlreiche Ratgeber, so auch zur Abtreibung, die sie kategorisch ablehnen.
Offensichtlich ist der Machtanspruch der Evangelikalen im Viertel Brás. Die gut hundertjährige neoromanische katholische Kirche am zentralen Platz wird von den pfingstlerischen Protzbauten in der Nähe überragt. Vor allem vom Templo de Salomão: Mehr als fünfzig Meter ragt diese Nachbildung des im sechsten Jahrhundert v. Chr. zerstörten ersten Tempels von Jerusalem in die Höhe.
Fünfmal so gross wie das Original sei der Tempel, sagt der in biblische Gewänder gekleidete Tour-Guide stolz. Die Natursteine, mit denen die Fassade verkleidet ist, stammen aus dem Heiligen Land. Der Tempel bietet 10 000 Personen Platz. Die Wände sind geschmückt mit Menora, den siebenarmigen jüdischen Leuchtern. Über der Bühne breiten zwei Cherubim, engelähnliche Wesen, ihre Flügel aus.
Ein spiritueller Krieg
Der Tour-Guide führt auch durch den «biblischen Garten» gleich neben dem Tempel. Hier geht es um die zwölf Stämme Israels, um das Leiden in Ägypten und den Auszug ins gelobte Land unter Moses. Im Tabernakel, dem transportablen Heiligtum der Israeliten, ist eine Kopie der Bundeslade zu sehen, die die Steintafeln mit den Zehn Geboten enthält. Die Teilnehmer der Führung sind beeindruckt.
Jair Bolsonaro besuchte 2019 den Templo de Salomão und liess sich dort von Edir Macedo segnen, dem milliardenschweren Gründer der Kirche. Gott habe Bolsonaro auserwählt, Brasilien zu führen, predigte Macedo – obwohl Bolsonaro offiziell immer noch Katholik ist, anders als seine dritte Ehefrau Michelle und seine Söhne Flávio und Eduardo.
Der riesige Nachbau des Salomonstempels ist ein Zeichen der religiösen und ökonomischen Macht der Evangelikalen.
Der Führer im «biblischen Garten» zeigt, wie die Israeliten ein Lamm geopfert haben.
Viele Evangelikale wähnen sich in einem «spirituellen Krieg» gegen Lula, Sozialismus und Wokeismus. Dieses Narrativ bedient auch die Familie Bolsonaro gerne. So postete Eduardo kürzlich auf X ein KI-Video, in dem die eigenen Anhänger mithilfe von Engeln gegen teuflische Kreaturen kämpfen.
Lulas üppige Sozialprogramme sehen seine Gegner vor allem als Masche, um die Armen in der Abhängigkeit des Staates zu halten. Dadurch würden sie nie lernen, ihr Schicksal selbst in die Hände zu nehmen.
Hass auf die nationale Schutzpatronin
Der «spirituelle Krieg» richtet sich nicht nur gegen die Linken und Progressiven, sondern auch gegen die katholische Kirche. Speziell heftig tobt der Kulturkampf um die «Padroeira». Die katholische Gottesmutter Nossa Senhora Aparecida ist seit vielen Jahren die offizielle Schutzpatronin Brasiliens – zum Unmut zahlreicher Evangelikaler, die die Marienverehrung kategorisch ablehnen. Padroeira-Statuen fallen immer wieder Vandalenakten zum Opfer.
Objekt des Hasses für viele Evangelikale: Nossa Senhora Aparecida, die katholische Schutzpatronin des Landes.
Während Präsident Lula demonstrativ mit der Marienstatue auftritt, musste sich Flávio Bolsonaro im Wahlkampf gegen die Falschnachricht wehren, er werde als Präsident der Gottesmutter den Status als Schutzpatronin aberkennen (der Chef seiner Kirche hatte vehement einen solchen Schritt gefordert). Könnten nur die Katholiken wählen, die vorderhand in Brasilien noch in der Mehrheit sind, würde Lula die Wahl locker gewinnen.
Dennoch sind die politisch-religiösen Fronten nicht ganz so eindeutig. Zwischen der evangelikalen Fraktion im Parlament und Jair Bolsonaro gab es immer wieder Friktionen. Und ausgerechnet der Salomonstempel-Erbauer Macedo hat sich nun nicht dazu durchringen können, Bolsonaro junior zur Wahl zu empfehlen.
Lokale Medien vermuten einen Zusammenhang mit Ermittlungen gegen eine Bank, die Macedo gehört. Da will es sich Macedo möglicherweise nicht mit Lula verscherzen, falls dieser doch noch die Wiederwahl schaffen sollte – Business geht vor Ideologie.
Zugleich buhlt Lula um die Stimmen der Evangelikalen. Kurz vor der Stichwahl schrieb er ihnen einen Brief und betonte seinen Respekt vor dem christlichen Glauben. Er strich Errungenschaften seiner Regierung hervor: die erst kürzlich beschlossene Einführung der Fünftagewoche, die mehr Zeit lasse für die Familie und kirchliche Aktivitäten, oder seinen Kampf gegen Verbrechen, Gewalt und Online-Wetten.
Doch um den Rückstand auf seinen Konkurrenten wettzumachen, braucht Lula selbst etwas, wofür Evangelikale so gerne beten: ein kleines Wunder.
Sie wissen, wen sie zu wählen haben: Bischöfin Hernandes segnet ihre Anhänger.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Hehli, Fotografinnen und Fotografen
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