Ihre Anfragen im Faktencheck Tumulte um angebliches Foltergefängnis bei Kiew: Was ist bekannt?

Berichte in den sozialen Netzwerken über Männer, die gefoltert werden, lösen Proteste aus. Die wichtigsten Antworten.

07.11.2026, 09:57

Teilen

Worum geht es? Videos eines angeblichen Foltergefängnisses nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew verbreiten sich rasant in den sozialen Medien. Es ist von Misshandlungen, Folter und sogar von einem erst 14-jährigen Opfer die Rede. Die Vorwürfe erreichen schnell ein internationales Publikum. Auch AfD-Chefin Alice Weidel und die BSW-Vorsitzende Sahra Wagenknecht teilen entsprechende Beiträge. Ein User möchte wissen: Was geschah tatsächlich und welche Informationen gelten bislang als gesichert?

Was ist geschehen? Am Abend des 2. November kommt es im Dorf Petropawliwska Borschtschahiwka westlich von Kiew zu Zusammenstössen zwischen rund 200 Demonstrierenden, Polizeikräften und der Nationalgarde. Auf Videos ist zu sehen, wie Demonstrierende Steine, Eier und Leuchtpetarden auf Sicherheitskräfte werfen. Diese setzen Tränengas ein und geben Warnschüsse ab.

Was war der Auslöser? Die Proteste folgten auf Berichte über Misshandlungen von Soldaten in einem Privathaus. Die Nationalgarde bestätigt, dass in dem betreffenden Haus tatsächlich einberufene Männer untergebracht waren. Das Haus diente als vorläufige Unterbringung von Wehrpflichtigen, bevor diese ihre militärische Grundausbildung antreten. Es wurden auch medizinische Voruntersuchungen durchgeführt. Unter den Männern befanden sich auch vier, die wegen unerlaubten Entfernens von ihrer Einheit festgenommen wurden.

Woher stammen die Foltervorwürfe? Ausgangspunkt war eine Frau, die sich vor Ort als Nothelferin namens Valentyna Moloda vorstellt. In einem Video ist zu sehen, wie sie sich darüber beklagt, dass ihr der Zugang zum Haus und den angeblich verletzten Männern verwehrt wird. Nach Recherchen des ukrainischen Investigativmediums Slidstvo.Info handelt es sich jedoch um eine Kosmetikerin.

Was ist über den Jugendlichen bekannt? Besonders weitverbreitet ist die Behauptung, ein 14-jähriger Junge sei Opfer von Misshandlungen geworden. Auf den verfügbaren Videoaufnahmen ist zunächst zu sehen, wie ein Jugendlicher auf eine Mauer vor dem Gebäude klettert und Steine über die Mauer wirft. Später stürzt er von der Mauer in den Innenhof, wobei er sich wahrscheinlich verletzt. Derselbe Jugendliche, eingehüllt in eine Decke, wird danach weggebracht. Seine Schuhe und die unter der Decke kurz sichtbare grüne Trainingshose stimmen mit der Kleidung der Person überein, die zuvor von der Mauer gefallen ist.

Wird ermittelt? Die Nationalgarde kündigt Untersuchungen zu den Vorwürfen möglicher rechtswidriger Gewaltanwendungen gegen die dort untergebrachten Männer an. Kyrylo Budanow, Leiter des Präsidialamts der Ukraine, verurteilt die Angriffe auf Soldaten und Polizeikräfte und kündigt an, die Initianten und mögliche Hintermänner der Ausschreitungen zu identifizieren.

Was ist das Fazit? Obwohl einzelne Aspekte der Ereignisse weiterhin ungeklärt bleiben, fehlen bislang Belege für die in Sozialen Medien verbreiteten Behauptungen über ein Foltergefängnis oder systematische Misshandlungen. SRF-Korrespondentin Judith Huber hält eine russische Beteiligung an der Verbreitung der Geschichte für plausibel. Ziel sei es, die Ereignisse propagandistisch auszuschlachten, Misstrauen, Spaltung und Unruhe innerhalb der ukrainischen Gesellschaft zu fördern und die internationale Hilfe für die Ukraine zu schwächen.

Illustration eines Computerbildschirms mit einem grossen roten Vergrösserungsglas über dem Wort 'Fake'.
Legende: SRF

Sind Bilder wirklich im Zusammenhang mit einem News-Ereignis entstanden oder zweckentfremdet worden? Ist das süsse Tiervideo aus dem Gruppenchat echt? Und stammt dieses Zitat wirklich von einer Politikerin?

Fake-News und KI-Videos sind omnipräsent und nicht immer einfach durchschaubar. Das Netzwerk Faktencheck von SRF überprüft alle zwei Wochen Ihre Anfragen und unterzieht einige von ihnen einem Faktencheck. Senden Sie hier Ihren Input ein. Hier finden Sie alle Faktenchecks von SRF.

Echo der Zeit, 4.11.2026, 18 Uhr

Source: SRF · Matthias Heller, SRF Netzwerk Faktencheck

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira