«Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er nicht einmal fünf Millionen hat»: Ein ehemaliger Partner rechnet vor Gericht mit René Benko ab

Zwei Tiroler streiten sich vor Gericht: Jahrelang hat Österreichs prominentester Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner den Signa-Gründer René Benko verteidigt. Nun sagt er gegen seinen einstigen Partner aus.

Georg Renner, Wien05.11.2026, 05.30 Uhr

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Streit um 5 Millionen Euro: Signa-Gründer René Benko (Bild) verteidigte sich vor Gericht gegen Vorwürfe seines einstigen Partners Hans Peter Haselsteiner.

Streit um 5 Millionen Euro: Signa-Gründer René Benko (Bild) verteidigte sich vor Gericht gegen Vorwürfe seines einstigen Partners Hans Peter Haselsteiner.

Angelika Warmuth / Reuters

Es ist kurz vor Mittag, als Hans Peter Haselsteiner den Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Innsbruck betritt. Den ganzen Vormittag hat René Benko vor Gericht einmal mehr seine Unschuld beteuert. Dass er bei der Signa «keinen Einfluss» gehabt habe. Und dass eigentlich Haselsteiner der Signa Geld schulde, nicht umgekehrt. Wenn Haselsteiner behaupte, getäuscht worden zu sein, «dann lügt er», sagte der gefallene Immobilienunternehmer und ehemalige Milliardär.

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Jetzt sitzt Haselsteiner, 82, als Grossaktionär des europäischen Baukonzerns Strabag selbst einer der reichsten Männer Österreichs, nur wenige Meter von seinem früheren Geschäftspartner entfernt. Immer wieder klopft Haselsteiner auf den Tisch und sagt Sätze wie: «Stein und Bein hat mir Benko geschworen, dass ich das bekomm» – und solcher Versprechen wegen sitze er jetzt hier. Benko, 49, hört reglos zu, während Haselsteiner dem Gericht seine Vorwürfe auflistet. Bereits zum vierten Mal sitzt Benko auf der Anklagebank.

Benko kommt mit Fussfessel

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft wirft Benko diesmal schweren Betrug und betrügerische Krida vor, also die vorsätzliche Schädigung von Gläubigern, als der Bankrott seiner Signa schon absehbar war. Ihm drohen bis zu zehn Jahre Haft. Benko ist diesmal nicht aus dem Gefängnis in das Gericht überstellt worden, sondern kommt aus einer kargen 60-Quadratmeter-Mietwohnung in Innsbruck. Seit Mitte Oktober darf er seine Untersuchungshaft unter Hausarrest mit Fussfessel ableisten. Dies zum Missfallen der Staatsanwälte, die dagegen Einspruch eingelegt haben. Eine Strafe von 30 Monaten Haft wegen eines anderen Falles betrügerischer Krida, es ging um 300 000 Euro für seine Mutter und eine vorausbezahlte Villenmiete, ist seit September rechtskräftig.

Diesmal geht es um 5 Millionen Euro. Haselsteiner, einer der wichtigsten Investoren der Signa Holding, hatte 2022 bei einer Kapitalerhöhung der Tochter Signa Development Aktien im Wert von knapp 5 Millionen Euro gezeichnet. Er zahlte sie nicht in bar, sondern mit der Hälfte einer Dividende von rund 10 Millionen, die ihm zustand. Diese Dividende hat Haselsteiner gestundet, gekommen ist sie nie. Haselsteiner sagt vor Gericht: «René hat gesagt, jetzt zahlen wir nicht, jetzt haben wir kein Geld, so ist das immer gelaufen.»

Im Oktober 2023, wenige Wochen vor der Pleite der Signa-Gruppe, brauchte die Tochterfirma Sportscheck wiederum dringend 5 Millionen. Ein Käufer wäre sonst abgesprungen. Haselsteiner wollte als «gutes Beispiel» vorangehen, die übrigen Gesellschafter zogen nicht mit, also brachte seine Familienstiftung den ganzen Betrag auf, nachdem Benko am 6. November 2023 vor einem Notar garantiert hatte, das Geld werde bis Ende Juni 2024 zurückfliessen. Doch dazu kam es nie. Im März 2024 war Benko auch privat insolvent.

Hans Peter Haselsteiner.

Hans Peter Haselsteiner.

PD

Die Anklage nennt diese damalige Garantie «wahrheitswidrig»: Benko, der «faktische Machthaber» der Signa, habe gewusst, dass er sie nie werde erfüllen können. Laut dem Abschlussbericht der Ermittler bestritt er schon 2022 nur ein Viertel seiner Lebensführung aus eigenen Einkünften, der Rest kam von Stiftungen und der Mutter. Haselsteiner wusste davon nichts: «Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er nicht einmal 5 Millionen hat.» Benko habe damals noch sehr gut gelebt, schildert Haselsteiner vor Gericht. «Seine Flugstunden allein hätten mehr gekostet», und er habe den Eindruck erweckt, auch 50 Millionen zahlen zu können.

Treffen sich ein Milliardär und ein ehemaliger Milliardär vor Gericht . . .

Die Garantie sei in hektischem Hin und Her entstanden, sagt Haselsteiner: «Viele Köche – meine Stiftungsvorstände, Rechtsanwälte, Benko, der Notar, der das mit der Mama machen wollte», so seine Aussage vor Gericht. Zuerst habe Benkos Privatstiftung einspringen sollen, «die wollte und konnte nicht», dann Benkos Mutter, «und dann ist nur der René übrig geblieben, und ich hab gesagt: Na, du bist mir der am wenigsten Liebste». Er habe schon geahnt, was kommen könnte. Noch heute, sagt Haselsteiner, halte er Benko für einen vermögenden Mann – «indirekt».

Benkos Verteidiger Norbert Wess dreht den Spiess um: Der Kaufpreis für die Aktien sei im November 2023 längst überfällig gewesen, Haselsteiner habe mit den 5 Millionen bloss eine alte Schuld beglichen und die Notlage der Signa «ein bissl ausgenützt». Wess sagt, «das ist eine Täter-Opfer-Umkehrung», Benko sei «einfach ein dankbares Opfer für vieles».

Benko selbst schilderte sich als Getriebener: Haselsteiner habe sich «auf die Garantie kapriziert, um auf den Kaufpreis zu kommen», und sie ihm «in der Hitze des Gefechts aufs Auge gedrückt»; der Text sei «in Windeseile» und «aus der Sphäre Haselsteiners» entstanden, ohne Anwalt. «Sie können sich nicht vorstellen, welchen Druck er gemacht hat.»

Haselsteiner war seit 2013 an der Signa beteiligt

Benko und der Strabag-Patriarch – dieses Aufeinandertreffen ist auch deshalb bemerkenswert, weil Haselsteiner eine österreichische Institution ist. Haselsteiner, wie Benko ebenfalls Tiroler, stieg 1972 in die Baufirma seines Schwiegervaters ein und formte daraus die Strabag, den grössten Baukonzern Österreichs. 20 Milliarden Euro Bauleistung, 80 000 Beschäftigte. Das Vermögen der Familie wird auf 3,4 Milliarden Euro geschätzt.

Zugleich ist Haselsteiner der seltene Fall eines politisch aktiven Industriellen: In den neunziger Jahren sass er für das Liberale Forum im Nationalrat, später finanzierte er die Gründung der liberalen Neos und eine Kampagne gegen den FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer. Ausserdem war Haselsteiner einer von Benkos prominentesten Fürsprechern: Seit 2013 an der Signa beteiligt, zuletzt mit 15 Prozent an der Holding, kassierte seine Stiftung allein 2021 gut 25 Millionen Euro Dividende. Nach dem Kollaps fragte er im Fernsehen: «Wie konnte mir das passieren?» Noch im Sommer 2024 traf er Benko zweimal auf eine Weissweinschorle in Erl.

In Innsbruck verhandelt der Senat am Donnerstag weiter, unter anderem über ein Jagdgewehr mit Benkos goldverzierten Initialen im Wert von 80 000 Euro, das er vor den Gläubigern verborgen haben soll. Es sei «reiner Zufall», sagt Benko, dass gerade dieses Stück beim Verkauf der Firmenwaffen vergessen worden sei; es sei «nicht unter seinem Kopfpolster» gelegen, ergänzt sein Anwalt, «sondern im Waffenschrank wie die vierzehn anderen Waffen auch». Ein – wohl noch nicht rechtskräftiges – Urteil wird am Donnerstagnachmittag erwartet.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Renner, Wien

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