«Ich bin heute wieder als Versager aufgewacht, aber ich werde nie aufgeben»: Ein Akademiker auf Jobsuche geht viral

Zuerst war der «Finance Bro», jetzt kommt Oivi: Ein junger, arbeitsloser Akademiker erzählt von seinen Problemen im Arbeitsmarkt und geht in den sozialen Netzwerken viral. Warum?

28.10.2026, 16.44 Uhr

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Screenshot Youtube

In Europa fluten junge Menschen die Strassen der Städte. Paris, Mailand, Brüssel, Tirana. Sie sind wütend, frustriert, wegen fehlender Jobs auf dem Arbeitsmarkt und fehlender Perspektiven.

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In der Schweiz sagt ein junger Mann mit dem Pseudonym «Oiviredet» in einem Video auf Social Media: «Es ist nicht deine Schuld, du hast alles gemacht, was die Gesellschaft wollte, und jetzt stehst du ohne Job da.»

Das Video dauert 14 Minuten. Und geht viral. «Oivi» steht bei dichtem Nebel im Wald, er trägt Wollmütze und Wollpulli, blickt in die Kamera und erzählt von seiner erfolglosen Jobsuche, den Problemen auf dem Arbeitsmarkt, den Ängsten der Generation Z.

Der Mann hinter dem Kanal «Oiviredet» wohnt in Winterthur, sein richtiger Name und sein Alter sind nicht bekannt. Im Video sagt Oivi, er habe einen Masterabschluss der Universität Zürich, in Datenwissenschaften, Statistik und Politik. Dieses sei aber «völlig nutzlos». Seit vier Jahren finde er in seinem Fach keinen Job. Er habe als Velokurier gejobbt, Pizzen ausgeliefert, im Callcenter gesessen, Burger gebraten. Auch die regionale Arbeitsvermittlung habe ihm nicht helfen können.

In seinem Youtube Video redet der Master-Absolvent über sein «völlig nutzloses» Diplom.

Youtube: Oiviredet

Das Video ist vor einer Woche erschienen. Innert einem Tag wurde es 170 000 Mal angeschaut und 1600 Mal kommentiert. Oivi erhält für seine Offenheit viel Liebe und Lob, denn er benennt ein Gefühl, das auch junge Menschen in der Schweiz kennen: die Sorge um den «generationellen Abstieg».

Alte Gewissheiten gelten nicht mehr

Oivi beschreibt den Abstieg so: «Der Haushalt meiner Eltern war wohlhabender, als ich es bin.» Heute sei es schwieriger geworden, erfolgreich zu sein, sagt er. Dies gelte vor allem für jene, die nicht aus einer reichen Familie kämen. Die Fixkosten wie die Miete und Krankenkassenprämien seien gestiegen. Zudem gebe es auf dem Arbeitsmarkt einen Überschuss an Fachkräften. Kurz: Das Leben wird teurer, die guten Jobs für Akademiker rarer. Die regionale Arbeitsvermittlung habe ihm geraten, persönliche Kontakte nach einem Job zu fragen. «Vetternwirtschaft», sagt Oivi mit einem abschätzigen Unterton.

Das Thema sei noch immer mit viel Scham verbunden. Dann sagt Oivi: «Wenn du persönlich davon betroffen bist, ist es nicht dein persönliches Versagen.» Es handle sich um ein gesellschaftliches Problem. Was er damit konkret meint und wie er es lösen würde, lässt er im Video offen. Es sei aber wichtig, nicht aufzugeben, nicht zur Flasche zu greifen, weiterzumachen, Bewerbungen zu schreiben, und Jobs anzunehmen, von denen man nie gedacht habe, sie mal zu machen.

Die Anti-These zum «Finance Bro»

Oivi erzählt Social Media seit mehr als einem Jahr von sich. In seinen Videos geht es nicht nur um ihn persönlich, sondern auch um generelle gesellschaftliche und politische Themen, die ihn umtreiben. Auf Youtube äusserte er sich zu Armut, zum angeblich «stillen Kollaps der Schweiz», zu fehlender Chancengleichheit, ja gar zum Iran-Krieg. Ein Video trägt den Titel: «Ich bin heute wieder als Versager aufgewacht, aber ich werde nie aufgeben». Die meisten Videos erreichten ein paar Tausend Klicks, viral gingen sie bisher nie.

Doch in seinem neuesten Beitrag beschreibt er als junge Person mit guter Bildung und schlechten Jobaussichten das, was die jüngeren Generationen auch in der Schweiz gerade aufwühlt: Die Gewissheiten, mit denen die Babyboomer und auch viele Millenials grossgeworden sind, gelten nicht mehr. Sie lauteten: Ein Uni-Studium ist erstrebenswert, es garantiert einen guten Lohn und ein gutes Leben, mit Eigenheim, Kindern, einem Volvo und der Möglichkeit, die Welt zu bereisen. Die Eltern sagten den Kindern: Die Zukunft und die Welt gehören dir, sofern du fleissig für die nächsten Prüfungen büffelst.

Die Millenials wie auch die Generation Z sehen nun, dass ein Studium an einer Universität einen gutbezahlten Job nicht mehr garantiert. Eine der Ursachen dafür ist ausgerechnet, dass in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr Junge ein Studium absolviert haben statt eine Berufslehre. Zwischen 2000 und 2020 hat sich die Zahl der Studenten in der Schweiz verdoppelt. Immer mehr Akademiker sind arbeitslos, die Quote steigt vor allem unter jenen, die ihren Abschluss erst vor kurzem geschafft haben. Es gibt nicht genügend Jobs für Einsteiger, um sie alle zu beschäftigen.

Die Aussagen von Oivi stehen im kompletten Kontrast zum SRF-Beitrag, mit dem ein ETF-Verkäufer von der Zürcher Bahnhofstrasse im August viral ging. Der sogenannte «Finance-Bro» sagte darin stolz, er verdiene «multiple Hundert». Das Video löste in den sozialen Netzwerken vor allem zu Beginn für viel Häme und Empörung. Der «Finance-Bro» war für viele ein Sinnbild für eine realitätsfremde Finanzbranche und alles, was im Kapitalismus falsch laufen soll. Oivi hingegen repräsentiert die Opfer dieses Systems, die meinen, alles richtig zu machen, und am Ende leer ausgehen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Corina Gall

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