Hilary Swank ist mit 52 Jahren wieder schwanger und entfacht die Debatte um späte Mutterschaft neu

Die Vorstellung, Frauen wollten vor allem ihrer Karriere zuliebe das Kinderkriegen aufschieben, greift zu kurz.

Elena Panagiotidis28.10.2026, 14.19 Uhr

4 Leseminuten


Hilary Swank wird mit 52 zum zweiten Mal Mutter. Im Alter von 48 Jahren war sie erstmals schwanger – mit Zwillingen.

Hilary Swank wird mit 52 zum zweiten Mal Mutter. Im Alter von 48 Jahren war sie erstmals schwanger – mit Zwillingen.

Imago

Leuchtende Strichmännchen tanzen durch die Dunkelheit. Zwei grosse, zwei kleine. Es sind Hilary Swank und ihre Familie, die sich Glowsticks angeheftet haben. Und dann wird noch ein Baby-Strichmännchen sichtbar auf Hilary Swanks Bauch.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

So hat die amerikanische Schauspielerin Mitte Oktober auf Instagram ihre neuste Schwangerschaft angekündigt. Nach der Geburt der Zwillinge vor drei Jahren soll das Kind Nummer drei im Dezember zur Welt kommen.

Die Zahl, die jedoch rund um die Schwangerschaft thematisiert wird, ist 52. So alt ist Hilary Swank. Und wie so oft bei späten Schwangerschaften stellt die Öffentlichkeit sofort die Frage nach Verantwortung.

Fehlender Partner, medizinische Komplikationen

Denn oft kommt nach dem Glückwunsch gleich explizit oder implizit der Vorwurf: Das ist doch zu alt. Wird Swank für das Kind denn noch lang genug da sein können? Die Fragen sind als Sorge um das Kind formuliert, implizieren aber zugleich, die Frau sei verantwortungslos. Das spürt Swank selbst.

Im Gespräch mit ihrer Schauspielkollegin Drew Barrymore brachte Swank den doppelten Standard auf den Punkt: «Frauen werden heftig dafür kritisiert, wenn sie in höherem Alter Kinder bekommen, Männer dagegen nicht.» Zwar kann eine Schwangerschaft mit 52 medizinische Fragen mit sich bringen, die sich einem gleichaltrigen Vater nicht stellen. Doch die Frage, wie lange ein Elternteil sein Kind begleiten kann, betrifft beide. Warum wird sie so viel nachdrücklicher an Mütter gerichtet?

Die Debatte darüber, ob eine Frau «zu spät» Mutter wird, geht meist davon aus, dass sie den Zeitpunkt frei gewählt hat. Oft schwingt der Vorwurf mit, die Frauen hätten ihre Karriere an erste Stelle gesetzt.

Hilary Swank dagegen beschrieb es letztes Jahr im Magazin «Women’s Health» anders. Sie habe nicht bewusst bis 47 gewartet, um zum ersten Mal schwanger zu werden. Mit 37 Jahren hatte sie sich Eizellen entnehmen lassen und sich damit die Möglichkeit einer späteren Schwangerschaft offengehalten. Sie war damals ungebunden, es war Jahre vor der Begegnung mit ihrem heutigen Ehemann. Dass ihre Karriere bereits gefestigt war, sei heute zwar ein Vorteil, aber nicht der Auslöser für den Aufschub gewesen.

Wie wenig der Zeitpunkt einer Mutterschaft allein vom Willen einer Frau abhängt, zeigt die Forschung der Yale-Medizinanthropologin Marcia Inhorn. Für ihr Buch «Motherhood on Ice» interviewte sie 150 Frauen in den USA, die ihre Eizellen hatten einfrieren lassen. Bei denjenigen, die dies ohne medizinischen Anlass taten, stand häufig die fehlende passende Partnerschaft im Vordergrund. Die Vorstellung, Frauen wollten vor allem ihrer Karriere zuliebe das Kinderkriegen aufschieben, greift laut Inhorns Erkenntnissen zu kurz.

Sie spricht von einem «mating gap». Gerade gut ausgebildete Frauen suchten einen verfügbaren, ähnlich gebildeten Partner, mit dem sie eine gleichberechtigte Beziehung und ihren Kinderwunsch verwirklichen könnten. Das Einfrieren von Eizellen war für viele der Versuch, die Zeit bis dahin zu überbrücken. Sie nahmen dadurch erhebliche finanzielle, körperliche und emotionale Belastungen in Kauf und einen ungewissen Ausgang.

Die britische Aufsichtsbehörde für Reproduktionsmedizin HFEA beschreibt nüchtern, was das Einfrieren von Eizellen ermöglichen kann. Es bewahrt die Chance auf ein Kind zu einem späteren Zeitpunkt, garantiert aber keines.

Tiefgefrorene Eizellen altern in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad praktisch nicht. Ob fünf oder zwanzig Jahre vergehen, ist für das Erbgut unerheblich. Sogar wenn eine Frau schon in den Wechseljahren ist, lässt sich die Gebärmutterschleimhaut durch Hormone künstlich für eine Einnistung aufbauen. Der Uterus setzt der späten Mutterschaft nicht die Grenze, sondern das Gefässsystem.

Auch bei der Verwendung früher eingefrorener Eizellen bleiben altersabhängige Schwangerschaftsrisiken bestehen. Die amerikanischen Fachgesellschaften betonen in einer gemeinsamen Leitlinie, dass diese Risiken mit dem Alter fortschreitend zunehmen. Dazu gehören Präeklampsie, früher oft als Schwangerschaftsvergiftung bezeichnet, und Schwangerschaftsdiabetes.

Reproduktionsmedizin mit Milliardenumsatz

Doch die medizinische Frage ist nur ein Aspekt. Eizellen einfrieren zu lassen, kostet Geld, Zeit und erfordert die Möglichkeit, die Behandlung in den Alltag zu integrieren. In der Schweiz schlägt ein einzelner Entnahmezyklus samt Hormonpräparaten mit 6000 bis 9000 Franken zu Buche, in den USA werden dafür schnell bis zu 20 000 Dollar fällig. Dazu kommen Lagergebühren und Folgebehandlungen. Die Reproduktionsmedizin ist längst eine weltweite Wachstumsbranche mit einem geschätzten Marktvolumen von über 40 Milliarden Dollar.

Eine prominente Mutter wie Hilary Swank kann hier (trügerische) Hoffnungen wecken. Doch wie gut sich ihre Erfahrung auf das Leben einer Durchschnittsfrau übertragen lässt, verrät die Nachricht über ihre neuste Schwangerschaft nicht.

Zugleich kann die neue technologische Machbarkeit auch neue Zwänge bedeuten. Früher wurde kinderlosen Frauen oft vorgeworfen, den richtigen Zeitpunkt verpasst zu haben. Nun könnte es bald lauten: Du hättest doch die Eizellen einfrieren können. Aus der scheinbaren Wahlfreiheit wird so eine neue Bringschuld. Wer es sich leisten kann, kann sich zeitlichen Aufschub kaufen. Wer das nicht kann oder will, könnte bald dastehen, als hätte sie ihr Schicksal selbst verbockt.

Doch auch die beste Vorsorge kann weder den passenden, kinderwilligen Partner herbeizaubern noch ein Kind garantieren.

So bleibt Swanks Schwangerschaft einfach eine gute Nachricht für sie und ihre Familie und alle, die sich mit ihr freuen. Ein Versprechen für alle ist sie nicht.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Elena Panagiotidis

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira