Hans Jucker war der «gmögige» Sportkommentator des Schweizer Fernsehens. Doch der Kultsprecher war auch ein verurteilter Sexualstraftäter
Recherchen zeigen, dass Hans Jucker bereits 1971 wegen sexueller Handlungen mit Jugendlichen zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Trotzdem machte er beim SRF Karriere. Der Sender will den Fall nun untersuchen lassen.
02.11.2026, 16.00 Uhr
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Hans Jucker kommentierte zwischen 1965 und 2011 für das Schweizer Fernsehen.
Oscar Alessio / Schweizer Fernsehen
Es gibt Stimmen, die dem Publikum des Schweizer Fernsehens völlig vertraut sind. Hans Jucker war eine davon. 46 Jahre lang kommentierte er für das Schweizer Fernsehen Sportwettkämpfe aller Art. Oft waren es Disziplinen, die kaum jemand kannte oder besonders mochte: Reiten, Rudern, Boxen. Später wechselte er zum Velofahren und in den alpinen Skisport. Er kommentierte die Tour de France und die Olympischen Spiele.
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Das Prestige eines Beni Thurnheer oder eines Sascha Ruefer erreichte Jucker zwar nie. Dafür blieb er mit seinen Versprechern und unverblümten Reaktionen in Erinnerung. Jucker war der «gmögige» Mann hinter dem Mikrofon. Einer aus dem Volk, einer für das Volk.
Unvergessen ist, wie er vor laufender Kamera den Skifahrer Peter Müller mit Pirmin Zurbriggen verwechselte und sich für den Lapsus selbst als «huere Löli» titulierte. Oder wie er sich bei den Olympischen Spielen 1988 über den siebten Fehlstart im Kanufinal aufregte: «Diä dumme huere Ruederer!» Als 1992 in Albertville ein libanesischer Riesenslalomfahrer seinen marokkanischen Konkurrenten überholte, brach Jucker in schallendes Gelächter aus. «Do chömmet zwee! Nei, jetzt chömmet zwee! Hooo hooo!», grölte er ins Mikrofon.
Zum Kultsprecher wurde Jucker spätestens durch eine Sammlung seiner Pannen und Sprüche, die SRF 2005 zu seinem 40-Jahre-Dienstjubiläum zeigte, manche davon wurden auf Youtube hunderttausendfach angeklickt. «Seine Stimme kennt jeder», sagte der SRF-Sportmoderator Jann Billeter am 30. Januar 2011 im «Sportpanorama», als Hans Jucker nach seinem letzten Einsatz als Moderator verabschiedet wurde, unter grossem Applaus des Publikums, «Hans, du bist beliebt.»
Als Hans Jucker am 19. Februar 2011, nur wenige Wochen später, stirbt, fällt die Anteilnahme entsprechend gross aus. «Er war einer der prägenden Sportkommentatoren des Schweizer Fernsehens», hiess es in der «Tagesschau». Auch die NZZ dankte Jucker in einem Gastbeitrag für «gute, unvergessliche Stunden».
Nun erhält das Bild des beliebten Sportreporters tiefe Risse. Jucker war in Wirklichkeit ein verurteilter Sexualstraftäter. Das geht aus einem Bericht des «Tages-Anzeigers» hervor.
Er fuhr mit den Jugendlichen in abgelegene Waldstücke
Die Zeitung beruft sich auf das rechtskräftige Urteil, welches im Staatsarchiv Zürich liegt. Im Mai 1971 verurteilte das Bezirksgericht Affoltern Jucker wegen sexueller Handlungen mit Jugendlichen zu acht Monaten Gefängnis bedingt. Es sprach ihn der damaligen Straftatbestände «Unzucht mit einem Kinde» und wiederholte «widernatürliche Unzucht» schuldig. Laut dem Bericht betraf das Urteil vier Knaben unter dem damaligen Mündigkeitsalter von zwanzig Jahren und einen Jungen unter dem damaligen Schutzalter von sechzehn Jahren. Es ging um rund zwanzig einzelne Vorfälle zwischen 1969 und 1971.
Jucker nahm die Jugendlichen in seinem Auto mit und fuhr mit ihnen in abgelegene Waldstücke. Andere lud er in seine Wohnung ein. Dort mussten sie ihn mit der Hand befriedigen, in mehreren Fällen auch oral. Jucker gestand die Taten, zeigte sich vor Gericht jedoch uneinsichtig. Er sprach von «keinem grossen Schaden, der entstanden war». Und bezeichnete die Jugendlichen als «Burschen, die ohnehin schon moralisch angeschlagen und verdorben waren», wie der «Tages-Anzeiger» aus dem damaligen Urteil zitiert.
Willi Fegble war einer jener Jugendlichen, die Jucker missbraucht haben soll. Seine Vorwürfe sind nicht Teil des Urteils, doch in seiner im Februar erschienenen Biografie «Ich bin ein Unfall» schildert Fegble seine Jugend im Heim. Ein Kapitel widmet er seinen Erlebnissen mit Jucker, der damals Mitte zwanzig war. Als Sohn des Heimkochs kam dieser regelmässig zu Besuch.
Fegble beschreibt eine Szene, die sich ereignet haben soll, als er fünfzehn Jahre alt war. Nach dem Sport habe Jucker ihn unter der Dusche sexuell bedrängt. Fegble sprach mit niemandem darüber. Als Heimkind habe er ohnehin damit rechnen müssen, dass ihm niemand glaube. Zudem sei er mit seinen Erlebnissen nicht allein gewesen: Jucker habe es auch bei anderen Knaben versucht. Von der Verurteilung im Jahr 1971 erfuhr Fegble erst, als er für sein Buch recherchierte.
Die Stelle auf der Gemeinde verlor er, die bei SRF nicht
Nach seiner Verurteilung verlor Jucker sein Amt als Gemeindeschreiber von Aeugst am Albis. Beim Schweizer Fernsehen konnte er seine Karriere hingegen fortsetzen. Wie weit der Sender über Juckers Verfehlungen informiert war, bleibt offen. Am Montag erklärte SRF, erst vor «wenigen Wochen» von der Verurteilung erfahren zu haben. Wegen des grossen zeitlichen Abstands lasse sich heute nicht mehr vollständig nachvollziehen, welche Hinweise damals vorgelegen hätten und wie der Sender damit umgegangen sei. Die SRG nehme ihre Verantwortung wahr, schrieb die Generaldirektorin Susanne Wille am Montag auf Linkedin, «auch wenn dieser Fall fast ein halbes Jahrhundert zurückliegt».
Als erste Konsequenz hat SRF sämtliche Highlight-Clips mit Hans Jucker von den eigenen Plattformen und von Drittplattformen entfernt. Eine externe Untersuchung soll nun klären, was der Sender und die Verantwortlichen damals über Juckers Verurteilung wussten. Und weshalb diese für seine weitere Karriere offenbar keine Folgen hatte. Wer die Untersuchung durchführt und bis wann Ergebnisse vorliegen, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Sicher ist, dass Juckers problematischer Umgang mit jungen Männern in Journalistenkreisen, aber auch an seinem Wohnort Affoltern am Albis ein offenes Geheimnis war. «Die Geschichten haben alle gekannt», sagt Thomas Renggli, Präsident der Zürcher Sektion des Schweizer Sportjournalistenverbandes. «Man wusste zwar nicht von den unappetitlichen Details, aber dass es strafrechtlich relevant war.»
Rengglis 2015 verstorbener Vater Sepp war ebenfalls ein bekannter Sportjournalist der SRG und leitete von 1961 bis 1986 das Sportressort beim Schweizer Radio. «Er hat davon gewusst», sagt Thomas Renggli, «und ich kann mir schwer vorstellen, dass die SRG nichts davon wusste.» Entsprechend komme ihm die heutige Empörung scheinheilig vor. So wie Thomas Renggli äussern sich auch andere Zeitzeugen. So sei bekannt gewesen, dass sich Jucker auch nach seiner Verurteilung an Jugendliche herangemacht habe.
Ein jovialer Onkel, der sich mit Humor aus jedem Fettnäpfchen befreite
Hans Juckers ehemaliger Chef bei der SRG war Martin Furgler, der Bruder des damaligen Bundesrates Kurt Furgler und langjähriger Leiter des Sportressorts des Schweizer Fernsehens. Er ist 1991 verstorben und galt laut einem Nachruf der NZZ als der Mann, der den Sport am Fernsehen «aus der Bedeutungslosigkeit eines ungeliebten notwendigen Übels» befreit hat.
Mit seiner Popularität hat Hans Jucker zu dieser Entwicklung beigetragen. Juckers Beliebtheit könnte laut Thomas Renggli aber auch der Grund gewesen sein, dass so viele Leute weggeschaut haben und Jucker gewähren liessen. «Er war ein Sympathieträger, hat für Kollegen die Steuererklärung gemacht, in der Bar gerne einige Runden spendiert, um am nächsten Tag wieder aus Oberstaufen von einem Riesenslalom zu berichten.»
Ein jovialer Onkel, der sich mit Humor aus jedem Fettnäpfchen befreite – und dessen dunkle Seite nicht ins Bild passte. Auch dann nicht, als der Sportreporter längst zum «Youtube-Star» avanciert war, wie es der SRF-Moderator Jann Billeter 2011 anlässlich von Juckers Pensionierung ausdrückte. Es sei eine «verruckte Geschichte», dass er am Ende seiner Karriere «so populär» sei, sagte Jucker kurz vor seinem Tod.
Für seine Opfer war diese Popularität eine zusätzliche Belastung. Willi Fegble sagte dem «Tages-Anzeiger», Jucker habe sein Selbstwertgefühl zerstört, auch weil er so berühmt habe werden können und ihm so bewusst gemacht habe, dass seine Stimme nichts zähle. «Jucker konnte Karriere bei SRF machen und wird in bester Erinnerung behalten – und wir leiden ein Leben lang wegen seiner Taten.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Kevin Weber, Lucien Scherrer
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