Hammer und Sichel an der Wand, Gramsci in der Lobby: Der Sitz der italienischen Kommunisten in Rom ist jetzt ein Fünfsternehotel

Die Luxushotellerie hält Einzug in der Ewigen Stadt und arrangiert sich mit der Geschichte.

07.11.2026, 06.00 Uhr

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Eine seltsame Laune der Geschichte: politische Insignien aus früherer Zeit als Designelemente in der Hotellobby.

Eine seltsame Laune der Geschichte: politische Insignien aus früherer Zeit als Designelemente in der Hotellobby.

Eller Studio

Da steht er, der «Bottegone», der Riesenladen: 1938 vom faschistischen Regime als Teil eines städtischen Sanierungsprojektes geplant, vollendet erst 1946 nach den Kriegswirren; ein grosses, schweres Gebäude, heller Travertin-Sockel im Erdgeschoss, ziegelrote Fassade darüber. Nach 1946 diente es der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) während fast eines halben Jahrhunderts als nationale Zentrale.

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Seit kurzem ist es ein Luxushotel. «Thompson Roma» heisst es über dem Haupteingang an der Via delle Botteghe Oscure, der Strasse der dunklen Läden. Hier befanden sich früher halb unterirdisch gelegene, gewölbte Räume aus der Antike, wo sich im Mittelalter Handwerker und Händler niederliessen.

Statt Mitgliedsausweis Kreditkarte

Die Römer mögen das Spiel mit Namen und Geschichten. Wenn in den Zeitungen vom «Nazareno» die Rede ist, dann ist der Partito Democratico gemeint, der seinen Sitz am Largo del Nazareno hat. Und wenn sich die Via della Scrofa (die Strasse der Sau) vernehmen lässt, handelt es sich um eine Mitteilung aus dem Hauptquartier der Fratelli d’Italia an der gleichnamigen Strasse.

«Botteghe Oscure» wiederum war, durchaus vieldeutig, jahrzehntelang das Synonym für die Parteiführung der KPI und der «Bottegone» deren Schaltzentrale. Die Grössen der Partei, in den Nachkriegsjahren mit über zwei Millionen Mitgliedern die grösste kommunistische Partei in der westlichen Welt, gingen hier ein und aus: Palmiro Togliatti, Luigi Longo, Enrico Berlinguer.

Einst KPI-Zentrale, jetzt Luxushotel: der Bottegone in Rom.

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Das «Thompson Roma» peilt eine andere Kundschaft an: Rom-Touristen, die für eine Übernachtung zwischen 500 und einigen tausend Franken zu bezahlen bereit sind. Das «Thompson», Teil der Hyatt-Gruppe, gehört zur Fünfsternekategorie und damit zu einem Hotelleriesegment, das in der Ewigen Stadt derzeit rasant wächst. Denn zum Budget-, Pilger- und Kulturtourismus hat sich in den letzten Jahren der Luxustourismus gesellt.

Es gab Neueröffnungen sonder Zahl: das «Minerva» etwa, in Wurfdistanz zum Pantheon gelegen, das erste Hotel der Orient-Express-Gruppe; oder das «Nobu» an der legendären Via Veneto, zu dessen Einweihung im letzten Herbst eigens der Miteigentümer Robert De Niro angereist war. Der Markt für solche Hotels scheint ungesättigt, weitere Eröffnungen sind schon angekündigt.

Während es früher für das Betreten des Bottegone einen KPI-Mitgliedsausweis brauchte, reicht heute eine Kreditkarte mit entsprechend grosszügiger Limite. Der einstige Tempel des Kommunismus öffnet sich dem Kapitalismus – eine einzigartige Konstellation, eine Laune der Geschichte.

Aufbahrung in der Hotellobby

Denkmalschützer und Hotelverantwortliche haben dafür gesorgt, dass die Erinnerung an die KPI im Haus präsent bleibt. «Bei der Renovierung haben wir darauf geachtet, bedeutende Originalelemente zu bewahren», sagt Hoteldirektor Arturo Gomez.

In der grossen Eingangshalle prangen Hammer und Sichel an der Wand, daneben das rote Banner der Pariser Kommune von 1871. Und am Aufgang zum Treppenhaus grüsst prominent eine Büste von Antonio Gramsci (1891–1937). Der marxistische Vordenker, Journalist und Schriftsteller war einer der Begründer der KPI und wurde 1926 von den Faschisten in den Kerker gesteckt.

Antonio Gramscis Kopf beim Aufgang zu den Hotelzimmern.

Antonio Gramscis Kopf beim Aufgang zu den Hotelzimmern.

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«Er erhellte mit unerbittlichem Verstand die Geschichte Italiens, die Sicht auf die Welt, den Weg unseres Sieges», heisst es auf der Inschrift hinter dem Bronzekopf. Ob ihm die Hotelgäste beim Gang in ihre Suiten in den oberen Stockwerken zunicken?

Dort, im Zimmer 207, war früher das Büro von Berlinguer. Man habe als Reverenz an den Parteichef das Lavabo im Bad in roter Farbe gehalten, schreiben die Medien. Vom Zimmer geht es auf den Balkon, von dem der legendäre Politiker 1976 den historischen Höchststand seiner Partei verkündete: «Jeder dritte Italiener hat für uns gestimmt», rief er der begeisterten Menge vor dem Bottegone zu.

Enrico Berlinguer auf dem Balkon des KPI-Hauptquartiers.

Acht Jahre später starb Berlinguer nach einer Wahlveranstaltung und wurde in den Räumlichkeiten aufgebahrt, in denen sich heute die Hotellobby befindet. Mit ihm verschwanden bald auch die hochfliegenden Träume der italienischen Kommunisten. Im Mai 2000 räumten die Democratici di Sinistra, die Nachfolgepartei der KPI, den Sitz endgültig. Heute gibt es noch ein paar Unentwegte, die auf den Strassen Roms manchmal die Zeitung «Lotta Comunista» unter die Leute bringen.

Der «Bottegone» wurde danach von verschiedenen Organisationen und Firmen genutzt. Heute gehört er dem Medien- und Immobilienunternehmer Antonio Angelucci, der beste Beziehungen zur Regierungschefin Giorgia Meloni pflegt.

Ob sich Gramsci in seinem Grab umdreht, wie Italiens Medien vermuten? Kaum. Ihm, dem genauen Beobachter, war bestimmt bewusst, wie Rom funktioniert: In der Ewigen Stadt türmt sich seit je Schicht auf Schicht. Auf antiken Theatern wurden im Mittelalter Türme errichtet, auf Tempeln barocke Kirchen. Alles ist stets gleichzeitig sichtbar, jede Epoche, jeder Zeitabschnitt. Und auf den Trümmern der KPI steht nun ein Fünfsternehotel.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Luzi Bernet

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