Hajduk Split war einst ein Bollwerk gegen den Faschismus – jetzt skandieren seine Ultras Naziparolen. Am Donnerstag auch in Thun?

Vor einer Woche sorgten Hajduk-Anhänger in Split für verstörende Szenen, nun gastiert der kroatische Fussballklub in Thun. Die Berner Kantonspolizei erwartet ein Risikospiel.

22.10.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Skandierten bei einem «Fanmarsch» durch Split rechtsextreme Parolen: Anhänger der Torcida, der Ultra-Organisation von Hajduk Split.

Skandierten bei einem «Fanmarsch» durch Split rechtsextreme Parolen: Anhänger der Torcida, der Ultra-Organisation von Hajduk Split.

Pixsell / MB Media / Getty

Vor dem Mob fährt ein Auto, darauf ein Sarg mit der Aufschrift «Ajax». Dahinter marschieren Anhänger der Torcida, der Ultra-Organisation des kroatischen Fussballklubs Hajduk Split. Sie grölen rechtsradikale und nationalsozialistische Parolen, stimmen Lobgesänge auf Adolf Hitler an. Und verhöhnen mit antisemitischen Sprechchören ihren Gegner aus der niederländischen Hauptstadt Amsterdam, die vor dem Holocaust eine grosse jüdische Gemeinde hatte.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Es sind verstörende Szenen, die sich am letzten Donnerstag in Split ereignet haben. Die kroatische Küstenstadt hätte eigentlich Grund zur Freude gehabt, schliesslich stand für den Leader der nationalen Liga die erste Europacup-Partie seit sechzehn Jahren im eigenen Poljud-Stadion an. Stattdessen verkam der Conference-League-Match gegen Ajax Amsterdam schon vor dem Anpfiff zur Farce. Während des «Fanmarschs» durch die Stadt lieferten sich Torcida-Anhänger Auseinandersetzungen mit der Polizei. Diese nahm Dutzende Krawallanten fest. Im Stadion erzwangen die Ultras dann einen fast zwanzigminütigen Spielunterbruch – weil sie Leuchtfackel um Leuchtfackel auf den Rasen warfen.

Hajduk gewann 2:1. Aber darüber redete hinterher natürlich niemand. Das einzige Gesprächsthema war der antisemitische Eklat, der weit über Kroatien hinaus Fassungslosigkeit auslöste. Die israelische Botschaft in Zagreb zeigte sich «zutiefst schockiert» und verlangte eine Erklärung der konservativen Regierung. Der kroatische Präsident Zoran Milanovic bezeichnete die Ausschreitungen daraufhin als «inakzeptabel und beschämend» und forderte «Massnahmen und Sanktionen, die zeigen, dass es in Kroatien keinen Platz für die Verherrlichung des Nationalsozialismus gibt». Hajduk bat bei Ajax und beim europäischen Fussballverband (Uefa) um Entschuldigung; Split habe «Szenen erlebt, an die sich Europa besser nicht erinnern sollte».

Die lokale Polizei verhaftete tags darauf zwölf Personen wegen «Anstiftung zu Hass und Gewalt» und fahndet nach weiteren Tätern. Die Uefa bestätigt auf Anfrage der NZZ, dass sie ein Disziplinarverfahren gegen Hajduk eingeleitet habe. Der Verband kann aber nur Verfehlungen innerhalb des Stadions ahnden, Hajduk also bloss für das Abbrennen von Pyros und das Versperren von Zugängen büssen – wie die Uefa das bereits Ende August getan hat. Die antisemitische Hetze vor der Partie liegt nicht in seiner Zuständigkeit; sie dürfte wieder einmal folgenlos bleiben.

Widerstand gegen die faschistische Besetzung

Fanatische Fussballfans und ostentativ zur Schau gestellter Nationalismus – an diese Kombination hat man sich auf dem Balkan seit den 1990er Jahren gewöhnt. Als der Vielvölkerstaat Jugoslawien infolge regionaler Unabhängigkeitsbestrebungen zerfiel, wurde der Nationalismus vielerorts zur zentralen politischen Kraft der neu entstehenden Staaten. Und das Stadion zum Ort, wo Patriotismus und der Wille zur nationalen Selbstbestimmung besonders wirkmächtig zelebriert wurden.

Seither kommt es im Umfeld der Ultras immer wieder zu nationalistischen Exzessen. In Serbien, wo die «Grobari» («Totengräber») von Partizan oder die «Delije» («Helden») von Roter Stern Belgrad gefürchtet sind, genauso wie in Kroatien, wo die «Bad Blue Boys» des Rekordmeisters Dinamo Zagreb oder eben die «Torcida» von Hajduk Split den Ton angeben.

Pyros und nationalistische Parolen: auf der Nordtribüne im Poljud-Stadion in Split keine Seltenheit.

Pyros und nationalistische Parolen: auf der Nordtribüne im Poljud-Stadion in Split keine Seltenheit.

Tom Dubravec / AP

Dass sich ein Teil der Hajduk-Fans nun aber immer unverhohlener Parolen der kroatischen Ustascha-Bewegung bedient, die im Zweiten Weltkrieg mit dem Naziregime kollaborierte, wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte. Schliesslich war Hajduk Split einst ein Bollwerk gegen den Faschismus.

Als Nazideutschland 1941 in Kroatien einfiel, löste sich Hajduk Split aus Protest gegen die Besetzung kurzerhand auf. Die Spieler lehnten nicht nur eine Teilnahme an Wettbewerben unter faschistischer Herrschaft ab, sondern widersetzten sich auch der Eingliederung in die italienische Serie A, wie das der «Duce» Benito Mussolini vorgesehen hatte. Und später, nach Italiens Kapitulation, verweigerte Hajduk auch die Wiedereingliederung in eine neue Liga, die die Ustascha-Machthaber kontrollierten.

Stattdessen gründete sich der Klub 1944 auf der Insel Vis als Mannschaft der Volksbefreiungsarmee Jugoslawiens neu, tourte anderthalb Jahre lang durch sieben Länder auf drei Kontinenten und absolvierte dabei neunzig Partien als Partisanenklub. Als Höhepunkt dieser Zeit gilt das legendäre Spiel im September 1944 in Bari, als Hajduk gegen eine Auswahl der britischen Armee antrat und der französische General Charles de Gaulle dem Klub den Titel der «Ehrensportmannschaft des Freien Frankreich» verlieh – mitten im besetzten Europa.

All das könnten die geschichtsvergessenen Torcida-Ultras im Band «Bili libar» von Boris Dezulovic nachlesen, einer Sammlung von Texten über Hajduk Split aus dem Jahr 2022, die heuer in der Berner Edition Taberna Kritika auf Deutsch erschienen ist. Darin beleuchtet der bereits zweimal zum kroatischen Journalisten des Jahres gewählte Schriftsteller und Kolumnist nicht nur detailliert die antifaschistische Geschichte des dalmatinischen Traditionsvereins, sondern wehrt sich auch gegen die zunehmende Vereinnahmung des Klubs durch dessen rechtsextreme Anhänger. Dezulovic, selbst bekennender Hajduk-Fan, beobachtet und kritisiert die nationalistischen Auswüchse in Kroatien seit Jahrzehnten – der jüngste Eklat in Split macht nur aufs Neue deutlich, wie wichtig solche antifaschistischen Stimmen im politischen Diskurs Kroatiens weiterhin sind.

Die Sicherheitsbehörden sind vorbereitet

Am Donnerstag ist Hajduk nun zu Gast beim Schweizer Meister FC Thun (21 Uhr). Und eigentlich müsste die Freude auch im Berner Oberland riesig sein. Die Thuner sehnten die Rückkehr auf die europäische Bühne noch länger herbei: 21 Jahre ist es her, seit sie ihr famoses Märchen in der Champions League schrieben.

Aber vor dem ersten Heimspiel in der Conference League überwiegen nun Sicherheitsbedenken statt der sportlichen Vorfreude. Die Arena wird ausverkauft sein, aber Thun droht angesichts der zahlreichen kroatischen Anhänger ein «Auswärtsspiel» im eigenen Stadion – wie bereits im Juli in der Qualifikationspartie zur Champions League gegen Dinamo Zagreb.

Die Berner Kantonspolizei hat das Duell gegen Hajduk als Risikospiel eingestuft; auf Anfrage der NZZ teilt sie mit, dass sie «in der Innenstadt und rund ums Stadion sichtbar präsent» sein werde. Und selbstverständlich flössen auch «aktuelle Ereignisse in die Lagebeurteilung» ein. Will heissen: Die Polizei dürfte den Hajduk-Anhängern mit einem Grossaufgebot begegnen. Zu Szenen wie vor einer Woche in Split soll es in Thun nicht kommen. Immerhin.

Passend zum Artikel

Der Aargauer stand mit Kroatien im WM-Final und hat mit Barcelona die Champions-League gewonnen. Er erzählt, wie ihn der Nationen-Entscheid quälte und warum ihn ein Treffen in Sevilla zum grossen Spieler machte.

Nach der 0:1-Niederlage am Samstag gegen Lugano hat Thun am Sonntag die nächste Chance, Meister zu werden. Der Präsident sah den Erfolg kommen, als niemand an den Klub glaubte.

Ajax befindet sich wieder einmal in einer tiefen Krise – dieses Mal will Jordi Cruyff helfen. Kann der Mann mit dem grossen Namen beim Klub aus Amsterdam eine Renaissance einleiten?

Source: Neue Zürcher Zeitung · Benedikt Koller

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira