Hacker bringen Tiefkühltruhen in europäischen Supermärkten zum Schmelzen – laut Experten könnte das erst der Anfang sein
Dutzende Lebensmittelfilialen in Nord- und Mitteleuropa sind Opfer von Cyberangriffen geworden. Was in der Tiefkühlabteilung begann, könnte sich in vielen Privathaushalten wiederholen.
03.11.2026, 14.58 Uhr
3 Leseminuten
Fleischbällchen und Aufback-Zimtschnecken wandern in den Abfall: Im schwedischen Sjöbo konnten die Mitarbeiterinnen der ICA-Filiale am Montagmorgen nur noch aufräumen.
Johan Nilsson / EPA
Seltsames hat sich in zahlreichen Supermärkten Europas in der Nacht auf Montag zugetragen. Unbekannte hatten sich in die Kühlsysteme Dutzender unterschiedlichster Grossverteiler gehackt und die Temperatur in den Tiefkühltruhen auf 50 Grad gedreht. Als der Cyberangriff am Morgen entdeckt wurde, war es zu spät: Die aufgetauten Lebensmittel landeten auf direktem Weg im Abfall. Die Kunden standen vor zahlreichen leeren Regalen.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Der Filialleiter eines Lebensmittelgeschäfts in Sjöbo, im Süden Schwedens, bringt in der Boulevardzeitung «Expressen» auf den Punkt, was die betroffenen Händler auch in Finnland, Estland, Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg und Irland gedacht haben dürften: «Es ist bitter, es ist verdammt schade, es ist tragisch. Man fragt sich, was sie davon haben. Es ist verrückt.»
Es ist vor allem nicht das erste Mal. Bereits im Oktober hatten Hacker 500 französische Supermarktfilialen angegriffen. Auch damals waren die betroffenen Kühlsysteme mit veralteter Soft- und Hardware des dänischen Technikherstellers Danfoss ausgestattet und über das Internet steuerbar.
Der Schaden beläuft sich nach ersten Schätzungen auf mehrere Millionen Euro. EU-Beamte sprechen von einem gezielten Angriff auf die Lebensmittelversorgung Europas. Wer dahintersteckt, ist noch unklar. Experten warnen jedoch, dass dies erst der Anfang sein könnte.
Auch in der irischen Hauptstadt Dublin standen die Kundinnen am Montag vor leeren Regalen.
Reuters
Intelligente Geräte sind gar nicht so intelligent
Laut Rasmus Dahlberg, einem ausserordentlichen Professor für gesellschaftliche Sicherheit an der Universität Roskilde, können alle Geräte, die mit dem Internet verbunden sind, eine Sicherheitsbedrohung darstellen – auch solche, die zu Hause genutzt werden. Zum dänischen Sender DR sagt er: «Jedes Mal, wenn wir etwas per App oder online fernsteuern können, können das potenziell auch andere tun.»
Gerade in Nordeuropa, wo die Digitalisierung weit fortgeschritten ist, betrifft das viele Lebensbereiche. Die Eingangstüre des Wohnhauses und das Garagentor lassen sich per App öffnen. Die Heizung und Lüftung der Wohnung werden per App gesteuert. Auch der «smarte» Geschirrspüler kann über das Internet gestartet, gestoppt oder pausiert werden, ebenso die Waschmaschine, der Backofen und die Beleuchtung der Wohnung.
Dahlberg warnt vor den Gefahren solcher «Smart Homes»: «Das kann viele Vorteile mit sich bringen, aber wir sehen uns auch einer erhöhten Bedrohungslage gegenüber, in der wir als Bürger und Verbraucher auch das Risiko von Cyberangriffen bei unseren Entscheidungen berücksichtigen müssen.» Wer sich Zugriff zum System verschaffe, könne nicht nur elektrische Geräte steuern, sondern auch Häuser verriegeln, wenn diese über intelligente Türschlösser verfügten.
Für Cyberkriminelle, die Lösegeld zu erpressen versuchten, oder für staatliche Akteure, die Chaos stiften wollten, sei ein einzelner Bürger zwar nicht das erste und attraktivste Ziel. Wenn aber sehr viele Haushalte dieselben Systeme verwendeten, könne man eine Menge Unruhe stiften, wenn man auf eine Schwachstelle stosse, sagt Dahlberg.
Hohe Bedrohungslage
Sonderlich komplex war der Angriff auf die Tiefkühltruhen in den Einkaufszentren nicht – darin sind sich die Experten einig. Ein Szenario wie am Montag könnte sich also leicht wiederholen.
Eine Recherche des schwedischen Senders SVT zeigt, dass es allein in Schweden Tausende Systeme gibt, die wichtige Technologien steuern und Sicherheitslücken aufweisen, die Angreifer ausnutzen können. John Billow, der Direktor des Nationalen Zentrums für Cybersicherheit in Schweden, warnt davor, dass der nächste Angriff Windkraftanlagen und Solarzellen gelten könnte. Betriebssysteme in der Industrie seien in der Diskussion um IT-Sicherheit vernachlässigt worden, sagt er im Gespräch mit SVT.
Jens Myrup Pedersen, Professor für Cybersicherheit an der Universität Aarhus, schätzt die Bedrohungslage im Gespräch mit der dänischen Zeitung «Politiken» als hoch ein. «Wir müssen uns an eine neue Welt gewöhnen, in der solche Angriffe nicht etwas sind, das passieren kann, sondern etwas, das tatsächlich in einem völlig anderen Ausmass als zuvor stattfindet.»
Pedersen empfiehlt allen, ihre IT-Systeme zu überprüfen und auf den neuesten Stand zu bringen. Er sagt: «Es ist wichtig, sich nicht nur auf das zu konzentrieren, was dieses Mal angegriffen wurde, sondern auch auf einige Dinge, die man sich als nächstes Ziel vorstellen könnte.»
Grund zur Panik besteht dennoch nicht. Eine einfache Massnahme bewahrte am Montag viele Filialen vor dem Angriff: Wer seine Geräte vom öffentlichen Internet getrennt und stattdessen auf virtuelle private Netzwerke (VPN) gesetzt hatte, blieb für die Angreifer unerreichbar.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Linda Koponen
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira