Grossbritannien büsst Pendler, die im öffentlichen Verkehr laut telefonieren oder Musik hören. Endlich!
Zugfahren war einmal ein Versprechen, heute kann es eine Zumutung sein – seit der Verbreitung von Smartphones umso mehr.
21.10.2026, 17.30 Uhr
4 Leseminuten
Da war die Welt im Zug noch in Ordnung: Eine Bahnreisende beim Frühstück in einem Speisewagen der SBB, aufgenommen am 21. April 1941.
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Die Zugfahrt, einst Inbegriff für Abenteuer und Freiheit, ist eine Zumutung geworden. Zu Stosszeiten drängen sich Hunderte durch Bahnhofshallen, über Perrons und enge Rolltreppen in die Züge. Schon vor Jahren wusste jeder Pendler sofort, was mit Dichtestress gemeint ist. Wer einen Sitzplatz findet, kann sich glücklich schätzen.
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Seit geraumer Zeit kommt eine weitere Plage dazu: Immer öfter lässt uns der Sitznachbar an seinen Meetings, seinem Musikgeschmack oder seiner Lieblingsserie teilhaben. «Loudcasting» oder «Sodcasting» nennt sich das Phänomen im Englischen, wenn andere Passagiere im öffentlichen Verkehr ungeniert ohne Kopfhörer telefonieren, Musik hören oder Filme schauen.
Die britische Regierung, die mit Sicherheit noch Wichtigeres zu tun hätte, nimmt sich nun des Ärgernisses an. Sie hat eine Kampagne gegen Lärm und rücksichtsloses Verhalten im öffentlichen Nahverkehr lanciert. «Share the journey, not the noise» («Teilt die Fahrt, nicht den Lärm») lautet die Losung.
«Wir alle haben schon einmal die Erfahrung gemacht, im Zug zu sitzen, während jemand laut Musik oder Videos von seinem Handy abspielt», wird Premierminister Andy Burnham in einer Mitteilung zitiert. «Das geht einem auf die Nerven und kann die Fahrt schnell verderben.»
Unabhängig davon, wie oft der Premierminister von Grossbritannien in Bussen oder S-Bahnen unterwegs ist: Er weiss sich ganz offensichtlich als Kümmerer zu inszenieren.
Der Waggon, dein Wohnzimmer
In der Schweiz hat sich bislang kein Mitglied des Bundesrates zur Lärmbelästigung durch Smartphones im öffentlichen Verkehr geäussert, auch wenn bekanntlich alle sieben ein 1.-Klasse-Generalabonnement besitzen und mehr oder weniger häufig im Zug gesehen werden.
Das Problem ist indes auch hierzulande vielen Betreibern bekannt. Den SBB sei bewusst, dass sich Reisende durch das laute Abspielen von Musik oder Videos ohne Kopfhörer gestört fühlen könnten, schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Dazu gebe es immer wieder Rückmeldungen von Kunden.
Rund 3,6 Millionen Menschen pendeln in der Schweiz täglich zur Arbeit. Jeder Dritte nutzt dafür den öffentlichen Verkehr. Das heisst: Hunderttausende fahren jeden Tag von ihrem Wohnort zum Arbeitsplatz. Im Durchschnitt sitzen sie laut dem Bundesamt für Statistik täglich eine Stunde in Zügen, Bussen oder Trams.
Die Zeiten, in denen sich Pendler diese Stunde mit einem Buch oder dem gedankenversunkenen Blick aus dem Fenster vertreiben, sind längst vorbei. Im Zug lässt sich immer öfter das Phänomen beobachten, dass der öffentliche Raum zum erweiterten Wohnzimmer wird: Da werden schamlos Wimpern getuscht, Biere getrunken, Pizzen verspeist.
Vorbei ist es mit der «Civil Inattention», der höflichen Nichtbeachtung, die laut dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman eine Privatsphäre trotz physischer Nähe ermöglichte. Wer selber pendelt, dürfte den Eindruck teilen: Heute kümmert es manche Passagiere wenig, wenn sie die Grenzen des Gegenübers touchieren.
Von Kochsendung bis Kündigungsgespräch
Statt des Raschelns der Zeitung plärrt nebenan das Smartphone. Man hört, abhängig von Alter und Interessen, einen Podcast oder den neuen Song von Taylor Swift, wischt sich durch Tiktok oder Tinder, schaut eine Kochsendung oder die Netflix-Serie, telefoniert mit der Mutter oder dem Chef. Soll der andere doch mithören, wie ich mich streite oder amüsiere!
Welch ein Graus für die Mehrheit der rücksichtsvollen Pendler, deren Nerven laut Studien ohnehin schon durch Verkehr, Lärm und Verspätungen reizbarer sind. Die Augen kann man schliessen, die Ohren nicht.
In den Postautos setzt man deshalb auf Sensibilisierung. Auf den Bildschirmen und analogen Plakaten in den gelben Bussen war diesen Sommer ein KI-generierter Fuchs zu sehen, der explizit dazu aufrief, das Handy mit Kopfhörern zu nutzen und Gespräche rücksichtsvoll zu führen.
Die Lärmbelästigung durch Smartphones sei effektiv ein Thema, sagt Katharina Merkle von der Postauto AG. Deshalb habe man sich für diese Kampagne entschieden und werde sie nächstes Jahr erneut laufen lassen.
Anders die SBB. Eine Kampagne wie in Grossbritannien sei derzeit nicht geplant. «Wir appellieren an den gesunden Menschenverstand und die gegenseitige Rücksichtnahme», sagt die Sprecherin Fabienne Thommen. Die Mehrheit der Reisenden halte sich an die Regel, wonach erlaubt ist, was andere nicht stört.
Die SBB empfehlen Reisenden, die sich gestört fühlen, auf das Zugpersonal oder direkt auf die Ruhestörer zuzugehen. Allerdings lässt sich beobachten, dass Pendler im konkreten Einzelfall oft die Konfrontation scheuen und lieber die Faust im Sack machen.
Vielleicht ist das der typisch schweizerischen Zurückhaltung geschuldet. Die Postauto-Mediensprecherin Katharina Merkle sieht aber noch einen weiteren Grund: die Angst vor aggressiven Reaktionen. «Bei uns vergeht kein Tag ohne einen verbalen oder physischen Übergriff auf Kontrolleure oder Fahrpersonal – und das ist nur die Spitze des Eisberges.» Angesichts des Anstiegs der Aggressivität im öffentlichen Raum sei es nicht erstaunlich, wenn Passagiere sich schwertun, andere zu bitten, die Musik leiser zu stellen.
Auch in Grossbritannien sind aufgrund des Gewaltpotenzials Bedenken vorhanden, wer die Vorgaben umsetzen soll. Die britische Regierung setzt deshalb nicht nur auf Worte. Passagiere können für zu lautes Abspielen von Musik in Zukunft eine Strafe von bis zu hundert britischen Pfund erhalten. Auch andere Länder, etwa Frankreich oder Irland, kennen Bussen für solche Lärmbelästigung. In der Schweiz ist das bislang kein Thema.
Und so bleibt im Zweifelsfall die Option der Abschottung. Denn zum Glück gibt es nicht nur technische Fortschritte bei Smartphones und Internetverbindungen, sondern auch bei geräuschunterdrückenden Kopfhörern.
Source: Neue Zürcher Zeitung · Jacqueline Lipp
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