Grossbrand von Crans-Montana: Jacques Moretti wird erneut einvernommen, diesmal unter sehr speziellen Umständen

Eigentlich sollte der Mitbetreiber der Katastrophenbar am Montag zusammen mit seiner Frau befragt werden. Doch nach mutmasslicher Gewalt gegen seine Gattin muss er sich nun allein der Staatsanwaltschaft stellen.

02.11.2026, 16.57 Uhr

3 Leseminuten


Ein Brandopfer und die Mutter eines Toten der Brandkatastrophe von Crans-Montana umarmen sich am Montag in Sitten.

Ein Brandopfer und die Mutter eines Toten der Brandkatastrophe von Crans-Montana umarmen sich am Montag in Sitten.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Endlich sollten die Hauptbeschuldigten Antworten zu den vielen offenen Fragen liefern, Antworten vor allem zur Vorgeschichte der Brandkatastrophe von Crans-Montana mit ihren 41 Toten und 115 Verletzten. Das hatten Opfer und ihre Anwälte in den vergangenen Tagen immer wieder gefordert. Und das wollte sicherlich auch die Walliser Staatsanwaltschaft, die für Montag die nunmehr sechste Einvernahme von Jacques und Jessica Moretti angesetzt hatte.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Die beiden Betreiber der Katastrophenbar «Le Constellation» sollten zum zweiten Mal in einer sogenannten Gegenüberstellung aussagen. Auf Französisch spricht man bei einer solchen Doppeleinvernahme von «Konfrontation». Das verdeutlicht, um was es geht: Die beiden Beschuldigten sollen unter Druck gesetzt werden, damit sie sich womöglich widersprechen oder gar gegenseitig beschuldigen – auf dass das Ermittlungsverfahren der Wahrheit ein Stück näherkommt.

Doch die Staatsanwaltschaft verschob die geplante Vorladung von Jessica Moretti. Dazu muss man wissen, dass Jacques Moretti vorgeworfen wird, im August Gewalt gegen seine Frau ausgeübt zu haben. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Gericht geht über die Bitte von Jessica Moretti hinaus

Vergangene Woche schickten die beiden Anwälte von Jessica Moretti der Staatsanwaltschaft ein «psychotherapeutisches Attest», datiert auf den 2. Oktober. In dem Dokument, das die NZZ einsehen konnte, heisst es, Jessica Moretti befinde sich in einem besonders ausgeprägten psychisch labilen Zustand.

Und weiter: «Schon vor dem jüngsten körperlichen Übergriff durch ihren Partner litt sie unter einer akuten posttraumatischen Belastungsstörung im Zusammenhang mit dem Brand vom 1. Januar, zu der nun noch die erhebliche psychische Belastung durch das derzeit laufende Gerichtsverfahren hinzukommt.»

Jessica Moretti habe ihren Ehemann seit dem «Übergriff» nicht mehr gesehen. Die Aussicht, ihm nun bei einer gemeinsamen Anhörung gegenüberzustehen, stelle eine «besonders verunsichernde Situation» dar. Klinisch sei es «dringend empfohlen», die Einvernahme Jessica Morettis zu verschieben.

Deren Anwälte betonten zwar, dass ihre Klientin trotzdem erscheinen wolle, allerdings wenn nötig um Unterbrechungen ihrer Einvernahme bitten werde. Die Staatsanwaltschaft ging mit ihrer Ausladung Jessica Morettis also über die Bitte der Anwälte hinaus.

Damit verärgerte sie viele Opfer und Hinterbliebene. Diese pochten darauf, dass auch ihr eigener psychologischer Zustand berücksichtigt werde. Mehrere Anwälte protestierten nach NZZ-Informationen mit langen Schreiben an die Staatsanwaltschaft.

Doch der Entscheid hatte Bestand, und so erschien Jacques Moretti am Montagmorgen laut mehreren Medienberichten weit vor Beginn seiner Einvernahme um 8 Uhr 30 per Gefangenentransport vor jenem Sittener Universitätsgebäude, in dem die Staatsanwaltschaft aus Platzgründen ihre Einvernahmen durchführt. Moretti betrat das Gebäude durch eine Hintertür, um den Kameras zu entgehen. Erneut standen auch mehrere Opfer vor dem Gebäude, erstmals auch solche mit klar sichtbaren Brandverletzungen.

Dass die Brandkatastrophe durch Sprühkerzen ausgelöst wurde, die zu nah an den brennbaren Deckenschaumstoff der Bar kamen, das ist praktisch schon seit der schrecklichen Silvesternacht klar. Offen sind nach wie vor viele Fragen hierzu: Wie, mit wessen Hilfe und mit welchen Genehmigungen (oder nicht) erweiterten die Morettis ihre Bar im Jahr 2015? Dabei geht es insbesondere um die Kellerbar und die gläserne Veranda, die beide zur Todesfalle wurden.

Jacques Moretti belastet Ingenieur und einstigen Besitzer

Zu diesen Punkten wurde Jacques Moretti auch am Montag wieder befragt. Nach NZZ-Informationen verwies er unter anderem auf eine angebliche Mitverantwortung. Er sagte unter anderem, dass ein Ingenieur sowie der damalige Besitzer und Vermieter der Bar für manche dieser Punkte mitverantwortlich seien. Allerdings hatten diese beiden Personen umgekehrt in ihren Einvernahmen jede Schuld von sich gewiesen. Es steht also in entscheidenden Punkten – wie in einem Strafverfahren nicht überraschend – Aussage gegen Aussage.

Wirklich neue Informationen sickerten aus der Einvernahme bis am Nachmittag nicht heraus. Die Befragung dauerte zunächst noch an. Vorherige Einvernahmen der Morettis hatten bis weit in den Abend hineingedauert.

Eine weitere Gegenüberstellung der beiden Morettis hatte die Staatsanwaltschaft ursprünglich für Dezember angesetzt. Ob es dazu kommt, ist noch offen. Womöglich werden sie auf absehbare Zeit wieder getrennt befragt.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Sander

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira