Düstere Ästhetik und Hang zum Morbiden: Die Gothic-Szene ist eine der langlebigsten Jugend- und Subkulturen überhaupt. Und erfährt aktuell Zulauf. Was steckt dahinter?

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02.11.2026, 10:54

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Legende: Eine der langlebigsten Subkulturen überhaupt: Gothic. Keystone SDA/Nigel Roddis

«Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt, dass wir vom Aussterben bedrohte Dinosaurier sind. Doch jetzt stehen da plötzlich wieder junge Menschen im Publikum.» Markus «Mäke» Kappeler ist Gründer und Geschäftsführer des Palais X-tra in Zürich und veranstaltet seit den 1980er-Jahren Konzerte und Partys im Gothic-Bereich.

Der Begriff geht auf die Goten zurück, das ostgermanische Volk der Spätantike, das im 5. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte beim Fall des Weströmischen Reiches.

In der Renaissance bezeichnete man die mittelalterliche Architektur abwertend als gotisch, weil man sie für barbarisch hielt und mit den Goten in Verbindung brachte.

Jahrhunderte später wurde «gothic» zum Begriff für Schauerromane voller Ruinen, Geister, Melancholie und düsterer Romantik.

Als Musikjournalisten Anfang der 1980er-Jahre nach einem Namen für die besonders düstere Post-Punk-Szene suchten, griffen sie den Begriff auf. Er entwickelte sich rasch zum Namen einer eigenständigen Musik- und Jugendkultur.

Die Szene begleitet den 63-Jährigen fast sein ganzes Leben. Erstkontakt hatte er als Teenager: «Bei einer Demo liefen Leute mit einem Sarg mit. Das hat mich interessiert.»

Entstanden ist die Gothic-Bewegung Ende der 1970er-Jahre in Grossbritannien aus dem Post-Punk. Bands wie Siouxsie and the Banshees, The Cure, Joy Division und Sisters of Mercy verabschiedeten sich von klassischen Rockattitüden und setzten stattdessen auf einen kühlen, düsteren und atmosphärischen Sound.

Dass sich die Jugend damals dem Abgründigen zuwandte, hatte auch mit dem Zeitgeist zu tun. Der Kalte Krieg, das Wettrüsten der Supermächte und Angst vor einer atomaren Katastrophe sorgten für Endzeitstimmung.

In den grauen Industriestädten fehlten jungen Menschen die Perspektiven. «Heute stehen wir an einem ähnlichen No-Future-Punkt», sagt Mäke. Für ihn einer der Gründe, weshalb die Szene derzeit vermehrt jüngeres Publikum anzieht. Hinzu kommt, dass Post-Punk durch Bands wie Idles und Fontaines D.C. gerade ein Revival erlebt.

Existenzielle Themen

Den harten Kern der Schweizer Szene schätzt Mäke auf rund 2000 Personen, die international bestens vernetzt sind. An Konzerten und Festivals treffen eingefleischte Szenegängerinnen aus dem In- und Ausland auf Menschen, die für einen Abend in die Welt der bleichen Nachtschattengewächse eintauchen möchten.

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  • Bild 1 von 9. Seit 2011 findet im Zürcher Club X-Tra jährlich der «Schwarze Ball» statt, … Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 2 von 9. …eines der wichtigsten Treffen der schwarzen Szene. Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 3 von 9. Auf mehreren Floors treten Bands und DJs aus dem Bereich Gothic, Wave, Electro und Industrial auf. Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 4 von 9. Dazu gehört ein aufwendig inszeniertes düsteres Ambiente,… Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 5 von 9. ...und eine Fotoecke, wo sich Besuchende ablichten lassen können. Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 6 von 9. Bilder der letzten Jahre zeigen: wer sich in schwarze Schale wirft, ... Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 7 von 9. ...scheut oft weder Mühe noch Aufwand. Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 8 von 9. Manchmal geht auch weiss. Bildquelle: HR Photoart.

  • Bild 9 von 9. Der nächste «Schwarze Ball» findet am 7. November 2027 statt. Bildquelle: HR Photoart.

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Die anhaltende Faszination dürfte mehrere Gründe haben. Gothic-Musik und -Kunst beschäftigen sich mit existenziellen Themen, die nie aus der Mode kommen: Vergänglichkeit, Melancholie, Tod, Einsamkeit oder das Gefühl, anders zu sein.

Hinzu kommt, dass die Szene vielen einen Ort bietet, an dem sie nicht auffallen, obwohl sie auffallen. Goths hätten eine grosse Offenheit für Individualität und seien entsprechend tolerant, sagt Mäke. «Genderfluidität gibt es bei uns seit Jahrzehnten.» Während anderswo lange über Vielfalt diskutiert wurde, gehörte sie hier schlicht zum Inventar.

Eine Welt zum Eintauchen

Gothic ist nicht einfach ein Musikstil, sondern eine Welt zum Eintauchen. Schwarze Kleidung, morbide Sinnlichkeit und eine Vorliebe für Theatralik schaffen eine Ästhetik mit hohem Wiedererkennungswert. Düstere Themen in Musik und Kunst zu übersetzen, könne etwas sehr Befreiendes haben. «Man lernt, mit den weniger schönen Dingen im Leben umzugehen, anstatt sie zu verdrängen», sagt Mäke.

Was einst als düstere Subkultur begann, ist heute im Mainstream angekommen. Schwere Boots, dunkles Make-up und viktorianische Ästhetik prägen Mode-Trends weit über die Gothic-Szene hinaus. Auch in Popmusik, Film und Serien ist düster-romantischer Eskapismus längst salonfähig geworden. Figuren wie Wednesday Addams oder Musikerinnen wie Billie Eilish greifen bewusst Elemente der Gothic-Ästhetik auf.

Gothic zählt zu den langlebigsten Subkulturen. Anders als viele andere Jugendbewegungen endet sie nicht mit dem Erwachsenwerden: Viele bleiben ihr ein Leben lang treu. Solange neue Goths dazukommen, hat der «Gothosaurus» also beste Überlebenschancen.

Die Band aus Leeds gehörte Mitte der 1980er-Jahren zur Speerspitze des Gothic Rock. Mit ihrem düsteren Gitarrensound, Drumcomputer, treibenden Basslinien und der tiefen Stimme von Andrew Eldritch haben sie den Sound und das Erscheinungsbild der Szene massgeblich mitgeprägt.

Sisters of Mercy treten am 2. November im X-tra in Zürich auf. Das Konzert ist ausverkauft.

Radio SRF3, Sounds!, 29.10.2026, 21:20 Uhr

Source: SRF · Gisela Feuz

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