Google liess in Finnland ohne Erlaubnis 530 Hektaren Wald roden. Wie konnte es so weit kommen?
Rechenzentren sollten die marode Wirtschaft Finnlands retten, doch nun formiert sich im Land breiter Widerstand. Die Behörden haben die Arbeiten vorläufig gestoppt. Die Polizei ermittelt.
04.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Wo früher ein Wald war, ist jetzt ein riesiges Schlammfeld. Die Aufnahme zeigt Muhos im September 2026.
Alessandro Rampazzo / AFP
Es geht um 530 Hektaren – eine Fläche, so gross wie 740 Fussballfelder.
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Im September schlugen finnische Umweltschützer Alarm. Ihnen war aufgefallen, dass Google an zwei Standorten mit grossflächigen Rodungen begonnen hatte, obwohl die Umweltverträglichkeitsprüfung noch nicht abgeschlossen war. Sie meldeten ihren Verdacht den Behörden, und diese leiteten Untersuchungen ein.
Dabei stellte sich heraus, dass nicht nur die Umweltverträglichkeitsprüfung fehlte: Google verfügt auch über keine Baubewilligung für den Ausbau seiner Rechenzentren, und die Zonenpläne sind noch nicht rechtskräftig.
Die Aufsichtsbehörde liess die Arbeiten vorerst stoppen. Doch der Schaden ist bereits angerichtet. Es geht nicht nur um gefällte Bäume. Die oberste Bodenschicht wurde abgetragen und teilweise ersetzt. Es wurden Zufahrtsstrassen gebaut und Gräben ausgehoben. Weil das Regenwasser nicht abfliessen konnte, wurde die Baustelle überflutet. Die Eingriffe in die Natur lassen sich nicht mehr rückgängig machen.
Im Land, das für seine ausufernde Bürokratie und einen staatlichen Kontrollwahn bekannt ist, sorgt der Fall für Empörung. Die Finninnen und Finnen fragen sich: Wie in aller Welt konnte es so weit kommen?
Grosse Hoffnungen
Anfang September waren die Hoffnungen noch gross. Google hatte soeben angekündigt, 13 Milliarden Euro in Finnland investieren zu wollen, und die Gemeindeverantwortlichen in Muhos und Kajaani waren ausser sich vor Freude. Gegenüber dem finnischen Fernsehsender Yle sprach der Gemeinderatspräsident von Muhos von einem historischen Tag.
Die finnische Wirtschaft befindet sich seit zwanzig Jahren im Kriechgang, die Arbeitslosigkeit zählt zu den höchsten in Europa. Für Rechenzentren sind die Bedingungen indessen günstig: Kühles Klima, verlässliche Stromversorgung und stabile politische Verhältnisse locken die Anbieter an. 145 Projekte sind in Planung. In Muhos und Kajaani hofft man auf Tausende Arbeitsplätze und erhebliche Steuereinnahmen. Der amerikanische Techriese schien wie ein Heilsbringer.
Die Arbeiten in Muhos hatten zum Zeitpunkt der angekündigten Investitionen längst begonnen, doch in der Gemeinde warf das keine kritischen Fragen auf – im Gegenteil. Rund um die Uhr führen voll beladene Lastwagen durch das Dorf, sagte der Gemeinderatspräsident im Gespräch mit Yle erfreut. Für eine Gemeinde von der Grösse von Muhos mit weniger als 9000 Einwohnern habe das eine riesige Bedeutung.
Versagen auf allen Ebenen
Inzwischen ist die Freude in weiten Teilen der Bevölkerung in Wut umgeschlagen. Die Kontroverse wird befeuert durch neue Enthüllungen zu einem Fall, der bereits sieben Jahre zurückliegt. Es ist offensichtlich nicht das erste Mal, dass sich Google um den finnischen Naturschutz foutiert. Das Unternehmen liess bereits 2018 und 2019 an seinem Standort in Hamina ohne Genehmigung Bäume fällen und zerstörte damit den Lebensraum von geschützten Flughörnchen.
Fast 100 000 Personen fordern nun in einer Petition, Rechenzentren künftig stärker zu regulieren. Fraglich ist allerdings, was neue Regeln bewirken würden, wenn schon die geltenden nicht eingehalten werden. Die Ereignisse werfen die Frage auf, ob Google mit Absicht oder aus Unwissenheit gehandelt hat. Doch auch die Gemeinden und die Aufsichtsbehörde stehen in der Kritik.
Ein Schild macht darauf aufmerksam, dass die Baustelle in Muhos nicht betreten werden darf.
Alessandro Rampazzo / AFP
Das kommunale Bauinspektorat von Muhos hatte dem Tochterunternehmen von Google, Tuike Finland, im Frühsommer erlaubt, mit den vorbereitenden Arbeiten zum Bau der Rechenzentren zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Bäume grossflächig gefällt worden. In einem Interview mit der finnischen Zeitung «Helsingin Sanomat» berichtet der zuständige Bauinspektor der Gemeinde, von Googles Anwälten unter Druck gesetzt worden zu sein. Diese hätten sich auf einen Artikel des Baugesetzes berufen, während der Bauinspektor rechtliche Bedenken gehabt habe. Er wollte zunächst die Umweltverträglichkeitsprüfung abwarten, gab dem Druck jedoch schliesslich nach.
Die Aufsichtsbehörde hält in ihrem Schreiben an Google fest, dass die Bewilligung der Gemeinde das Unternehmen nicht von der Pflicht entbunden habe, die Umweltverträglichkeitsprüfung abzuwarten. Allerdings stellt sich die Frage, weshalb die Behörde ihrerseits nicht früher eingeschritten ist. Sie hatte bereits im August Kenntnis von den Arbeiten in Muhos erhalten – reagierte aber erst im Oktober, nachdem Umweltschützer den Fall öffentlich gemacht hatten.
In einem Bericht an die Aufsichtsbehörde betont Google, nicht vorsätzlich gegen finnisches Recht verstossen und die Behörden frühzeitig informiert zu haben. Das Unternehmen sei davon ausgegangen, dass die Abholzungen in Muhos und Kajaani auf Grundlage des Forst- und des Baugesetzes vorgenommen werden dürften, während die Umweltverträglichkeitsprüfung noch lief. Das Forstgesetz greift allerdings nur, wenn die gerodeten Flächen anschliessend wiederaufgeforstet werden. Beim Bau eines Rechenzentrums ist dies offensichtlich nicht vorgesehen.
Keine Konsequenzen
Die Aufsichtsbehörde und eine Privatperson haben bei der Polizei Anzeige erstattet. Auch wenn sich finnische Rechtsexperten bereits einig sind, dass Google gegen geltendes Recht verstossen hat, muss der Technologieriese keine Konsequenzen fürchten. Die aktuelle Gesetzgebung zur Umweltverträglichkeitsprüfung sieht keine Sanktionen vor. Die Regierung will das Gesetz zum Waldschutz verschärfen.
Google muss der Aufsichtsbehörde nun einen detaillierten Entwässerungsplan vorlegen und untersuchen, wie sich der Grasfrosch nach dem Bau des Rechenzentrums auf dem Gelände fortpflanzen kann. Das Unternehmen hat sich inzwischen entschuldigt und versprochen, in Muhos auf 130 Hektaren neue Bäume zu pflanzen. Noch ist offen, ob Google für die Rodungen eine Bewilligung erhalten hätte. Für die Natur ist das letztlich egal: Der angerichtete Schaden lässt sich nicht rückgängig machen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Linda Koponen
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