Gibt es doch noch Wohnungen am Zürichsee in Wollishofen? Die Stadt will Verhandlungen mit der Kibag aufnehmen
Nach dem langen Streit um das Kibag-Areal will die Stadt nun Kompromisse prüfen. Das dürfte auch finanzielle Gründe haben.
30.10.2026, 05.00 Uhr
5 Leseminuten
Wo heute ein Kies- und Betonwerk steht, könnten dereinst ein Park sowie Wohn- und Gewerberäume entstehen.
Juliet Haller / Baugeschichtliches Archiv
Seit Jahren wird um die Zukunft des Kibag-Areals in Wollishofen gestritten. Die Eigentümerin wollte ihr dortiges Kies- und Betonwerk von 2030 an eigentlich abreissen und stattdessen Wohnungen, Gewerberäume sowie einen grossen Park am See erstellen. Lange Zeit waren diese Pläne im Sinne der Stadt Zürich und in Sonderbauvorschriften festgehalten.
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Doch vor drei Jahren drehte der Wind, und der Stadtrat stellte einen Masterplan vor, der Wohnungen auf dem Areal explizit ausschloss. Kurz darauf verfügte der Kanton auf Antrag der Stadt eine Planungszone über das Gebiet – und verbot der Kibag damit, bauliche Veränderungen vorzunehmen. Bis vor Bundesgericht stritt man sich, ob die Verfügung der Planungszone rechtens sei. Im vergangenen Dezember unterlag die Kibag letztinstanzlich und begann mit dem Gedanken zu spielen, das Kieswerk zu erneuern.
Will heissen: keine Wohnungen, aber auch kein Park für die Bevölkerung. Und die linken Parteien forderten – nicht zum ersten Mal –, dass die Stadt das Areal kaufe.
Jetzt, gut zehn Monate und eine Erneuerungswahl später, hat das Hochbaudepartement mit Tobias Langenegger (SP) einen neuen Chef. Zudem hat der Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) der Stadt eine Sparkur verordnet. Für das kommende Jahr rechnet er mit roten Zahlen.
All das hat dazu beigetragen, dass die Stadt beim Kibag-Areal ihre Möglichkeiten neu ausloten und mit der Kibag verhandeln will. Wie das Hochbaudepartement am Donnerstag mitteilt, hält der Stadtrat am Ziel fest, zwischen der Werft und dem Gemeinschaftszentrum Wollishofen einen Park zu schaffen. Dazu müsse das Gebiet aber um- oder ausgezont werden. Beides wäre mit hohen Kosten verbunden, schreibt die Stadt, ohne Zahlen zu nennen.
Der Stadtrat ziehe deshalb in Betracht, bei der Umnutzung des Areals Prioritäten zu setzen.
Dazu macht die Stadt einen Schritt auf die Kibag zu und stellt in Aussicht, einen beschränkten Wohnanteil erneut zu prüfen. Dies allerdings nur auf dem Arealteil entlang des Mythenquais. Anatole Fleck, Sprecher des Amts für Städtebau, sagt auf Anfrage der NZZ, Ziel sei es zudem, dass in diesem Teil des Areals auch Industrie- und Gewerbeflächen erhalten blieben.
Wie gross der Wohnanteil sein könne, werde nun im Gespräch mit der Kibag ermittelt, sagt Fleck. Weiter sollen auf dem Areal primär Wohnungen entstehen, die preisgünstig vermietet werden. Wohnungen mit Seeanstoss bleiben für den Stadtrat ausgeschlossen.
Auch an einem Teilerwerb des Areals ist die Stadt nach wie vor interessiert. Und zwar an dem Streifen Land, der direkt am See liegt und auf dem die Stadt gerne einen Park realisiert sähe.
Doch will die Kibag das überhaupt? Und wie passt die Kaufoption zur Argumentation der Stadt, Prioritäten setzen und Kosten sparen zu wollen?
Wohnungen oder ein neues Kieswerk
Der Kibag-Finanzvorstand Martin Kühn sagt zur NZZ: «Wir werden alle Optionen analysieren und beurteilen.» Mehr könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht dazu sagen, da die Gespräche mit der Stadt noch nicht begonnen hätten.
Ähnlich klingt es vonseiten der Stadt. Auch in Bezug auf die Kosten, welche mit einem Kauf oder einer Um- oder Auszonung des Landes verbunden wären. Angaben dazu wären reine Schätzungen und «zum heutigen Zeitpunkt schlicht unseriös», sagt Fleck. Die Kosten stünden ja in direktem Zusammenhang mit der künftigen Zonierung und könnten daher stark variieren.
Derzeit ist das Kibag-Areal in der Wohnzone, in der bis zu vier Stockwerke in die Höhe gebaut werden könnte. Eine Um- oder Auszonung würde für die Kibag grosse finanzielle Einbussen bedeuten. Genau liessen sich diese zwar nicht beziffern, sagte Kühn im Januar zur NZZ. Es handle sich aber sicher um Beträge im dreistelligen Millionenbereich.
Die Gretchenfrage für einen allfälligen Verkauf dürfte also sein, wie viel Geld die Stadt für das Teilareal am See zu zahlen bereit ist. Sprich, ob sie den Preis zahlen würde, den das Land jetzt hat, oder den nach einer Auszonung.
Auf die Stadt kommen bei beiden Szenarien Kosten zu. Denn vollzieht sie die geplante Umzonung, muss sie die Kibag für den Wertverlust entschädigen.
Martin Kühn sagt, die Kibag begrüsse es, dass die Stadt bereit sei, das Gespräch aufzunehmen und auch wieder über eine Wohnnutzung auf dem Areal zu diskutieren. Die Kibag sei nach wie vor bereit, das Vorhaben, welches sie vor drei Jahren vorgestellt hatte, voranzutreiben. Dieses umfasst einen 7000 Quadratmeter grossen Park am See, Gewerbeflächen und rund 70 Wohnungen.
Der Lageplan der Kibag zeigt auf, wie die Wohnungen durch Gewerbebautenriegel zur Strasse und nach Süden zur Roten Fabrik hin vor Lärm geschützt werden sollen. Gut erkennbar die Innenhöfe, über die die Wohnungen belüftet werden sollen.
PD
Indirekt könnte mit dem Projekt aber weit mehr Wohnraum entstehen. Derzeit liegt der Hauptsitz der Kibag gegenüber dem Kieswerk auf der anderen Seite der Seestrasse. Mit der Realisation des Projekts auf dem Areal am See würde die Kibag ihren Hauptsitz dorthin verlegen. Im so frei werdenden Gebäude gäbe es Platz für preisgünstige Wohnungen, sagt Kühn.
Dass die Kibag ihr Kies- und Betonwerk erneuern und längerfristig weiterbetreiben könnte, sei aber nach wie vor ein durchaus gangbarer Weg, sagt Kühn. Dies, «falls wir betreffend die geplante Entwicklung nicht weiterkommen».
Freude und Ärger der Politik
Der Entscheid des Stadtrats, sich mit der Kibag an einen Tisch zu setzen, hat in der Stadtzürcher Politik für unterschiedliche Reaktionen gesorgt.
Die GLP begrüsst, dass die Stadt Verhandlungen aufnehmen will. Die Stossrichtung des Stadtrats, einen Park mit Seezugang für die Bevölkerung zu schaffen, sei richtig. Dass der Stadtrat beim Masterplan Wohnungen faktisch ausgeschlossen habe, sei aber nicht nachvollziehbar gewesen, schreibt die Partei am Donnerstag in einer Mitteilung. Nun könne «über eine vernünftige Kombination dieser Nutzungen verhandelt» werden.
Eine solche habe aber ihren Preis. Die Aufwertung des Seeufers, zusätzliche öffentliche Flächen und ein möglicher Erwerb könnten hohe Kosten verursachen. Deshalb erwarte die GLP eine transparente Darstellung der Kosten und eine ehrliche Diskussion über die Finanzierung.
Ähnlich sieht es die Mitte. Statt «stur an kostspieligen Auszonungen festzuhalten», komme der Stadtrat der Kibag zumindest teilweise entgegen. Es gebe keinen Grund, die Kibag daran zu hindern, dringend benötigte Wohnungen zu bauen. Zudem würde eine Auszonung bedeuten, dass die Stadt Millionen Franken an Steuergeldern für Entschädigungen bezahlen müsste. Die vom Stadtrat weiterhin verfolgte Idee eines Parks auf dem Areal belaste die Stadtkasse bereits massiv.
Die AL moniert, die Kommunikation des Stadtrats lasse vieles im Unklaren und deute nur vage an, welche Ziele er mit den Verhandlungen verfolge. Er lasse zwar durchblicken, dass er sich für einen Seepark einsetzen werde. «Damit hat es sich mit der Klarheit.»
Weiter schreibt die AL, dass sie «ein offenes, vielseitig nutzbares Areal» favorisiere. Preisgünstiger Wohnraum sei nicht mit den Gegebenheiten des Kibag-Areals vereinbar.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Francesca Prader
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