Gewerkschaft eilt UBS-Chef Ermotti zu Hilfe: Wegzug könnte bis zu 12 000 Banker ihre Jobs kosten
Vor der Debatte im Nationalrat warnt der Bankpersonalverband vor härteren Kapitalregeln für die UBS. Der Arbeitsmarkt ist bereits heute angespannt. Hochbezahlte Banker müssen ihre Ansprüche senken.
24.10.2026, 21.45 Uhr
5 Leseminuten
Die UBS will die CS-Integration bis Ende Jahr abschliessen, doch die Entlassungen werden 2027 weitergehen.
Claudio Thoma / Keystone
In Zürich fegen die ersten Herbststürme durch die Bahnhofstrasse. Manchem Banker bläst der Wind dabei gleich doppelt ins Gesicht: Bei der UBS stehe als Folge der Notübernahme der Credit Suisse vor drei Jahren eine grosse Entlassungswelle ins Haus, wird am Paradeplatz getuschelt. Tatsächlich ist es eher ein kontinuierlicher Prozess: Kleinere Abbauwellen kommen von Quartal zu Quartal.
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Doch die Aussichten für die UBS-Angestellten könnten sich weiter verdüstern. Die Zukunft der Bank entscheidet sich derzeit in Bern. Ab Montag beschäftigt sich die Wirtschaftskommission (WAK) des Nationalrats mit der Frage, mit wie viel Eigenkapital die UBS künftig ihre Auslandaktivitäten unterlegen muss.
Ein Drittel aller Stellen in Gefahr
Der UBS-Chef Sergio Ermotti wehrt sich vehement gegen höhere Auflagen – bis jetzt ohne Erfolg. Unterstützung erhält er nun ausgerechnet von den Gewerkschaften. Pierre-Yves Maillard, SP-Ständerat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), weibelte im Ständerat zwar für höhere Kapitalanforderungen. Doch dabei ziehen längst nicht alle mit.
In einem Brief an die WAK fordert der Schweizerische Bankpersonalverband (SBPV) einen «tragfähigen Kompromiss» in der Kapitalfrage. Denn eine Verschärfung der Kapitalanforderungen stelle den Verbleib der UBS in der Schweiz infrage.
«Ein Wegzug, ein Verkauf oder ein Zusammenschluss der UBS wird von Investoren gefordert und von der Bank nicht ausgeschlossen», heisst es im Brief an die Kommissionsmitglieder, welcher der «NZZ am Sonntag» vorliegt. Dies hätte einschneidende Konsequenzen für den Finanzplatz Schweiz und die Angestellten.
Die Personalvertreter warnen davor, dass ein Wegzug der UBS 10 000 bis 12 000 von derzeit 34 000 Stellen der Bank in der Schweiz kosten könnte – zusätzlich zum bisherigen Abbau. «Die Beschäftigungsfolgen sind bis heute nicht untersucht», schreibt der SBPV-Präsident Michael von Felten im Brief. Und das, obwohl in den vom Bund bestellten Studien ein Stellenabbau und eine Verlegung des Konzernsitzes als mögliche Reaktion der Grossbank genannt würden.
Weit mehr als 3000 Stellen fallen weg
Seit der CS-Übernahme hat die UBS ihren globalen Personalbestand um rund 20 000 Stellen gesenkt. Sergio Ermotti wiederholt seit der Übernahme, dass in der Schweiz wegen der CS-Integration mit nur rund 3000 Entlassungen zu rechnen sei. Angesichts von rund 35 000 UBS-Mitarbeitern per Ende 2023 erscheint das als eine geringe Zahl.
Die UBS schreibt auf Anfrage, dass der Abbau über mehrere Jahre hinweg und grösstenteils durch natürliche Fluktuation, Frühpensionierungen und interne Wechsel erfolge. Zudem würden bislang ausgelagerte Funktionen zurück in die Bank geholt. Dadurch kann die UBS die Mitarbeiterzahl reduzieren, ohne zu viele Angestellte vor die Tür setzen zu müssen.
Die Betroffenen profitieren von einem gut gepolsterten Sozialplan. Entlassungskandidaten kommen in das sogenannte Coach-Programm. Die Kündigungsfrist verlängert sich dabei je nach Alter auf bis zu 12 Monate. Die Betroffenen arbeiten in der Regel in dieser Zeit weiter und werden bei der Stellensuche unterstützt. Eine effektive Kündigung erfolgt erst drei Monate vor Ablauf des Programms.
Bei internen Stellenausschreibungen haben Mitarbeiter aus dem Programm Vorrang vor externen Bewerbern. Im Jahr 2025 wurden laut UBS mehr als drei Viertel der offenen Stellen mit internen Kandidaten besetzt. Dem Vernehmen nach waren bis jetzt mehr als 6000 Personen im Coach-Programm, also doppelt so viele, wie eigentlich entlassen werden sollen. Aus UBS-Kreisen ist zu hören, dass bis dato erst gut die Hälfte des Reduktionsziels von 3000 Stellen erreicht wurde.
Mismatch im Markt für Banker
Die UBS will die CS-Integration bis Ende Jahr abschliessen. Der Stellenabbau könnte sich also beschleunigen, was die Gerüchte über einen grösseren Abbau erklären würde. Derzeit treten die letzten Mitarbeiter in das Coaching-Programm ein. Dieses wird im Herbst 2027 auslaufen.
Nach Abschluss des Programms landen jene, die keinen Job gefunden haben, bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Sie treffen auf einen schwierigen Arbeitsmarkt. Dabei scheint der Zürcher Jobmarkt für Banker in nackten Zahlen attraktiv: Im dritten Quartal gab es für 1621 Jobsuchende 2943 freie Stellen.
Doch die Zahlen trügen. Balz Stückelberger, der Geschäftsführer des Branchenverbands Arbeitgeber Banken, spricht von einem «Mismatch». «Es gibt viele schwierige Profile», sagt er. Das betreffe nicht nur ältere Arbeitnehmer. Auch Jüngere zwischen 30 und 40 seien zum Teil schwer vermittelbar, weil sie zu hohe Salärvorstellungen hätten oder in hoch spezialisierten Funktionen tätig seien.
Es kämen Leute auf den Markt, deren Profile nicht mehr so gefragt seien, sagt auch Erik Wirz, Managing Director bei Wirz & Partners Executive Search. Besonders Fachkräfte aus zentralen Diensten wie Finanzen, Personal oder Operations hätten Mühe, eine vergleichbare Stelle zu finden. Aber auch eine langjährige Laufbahn im gleichen Grosskonzern kann ein Hindernis sein.
«Es sind auch Kaderleute betroffen, die mit mediokrer Leistung viel Geld verdienten», sagt Headhunter Wirz. Diese verfügten oft nicht über die Qualifikationen, um in der Realität des Arbeitsmarkts zu bestehen. Denn bei den Grossbanken seien viele ganz automatisch befördert worden. Diese Senior-Leute müssten sich nun zum ersten Mal im freien Markt behaupten. Für viele gebe es kein passendes Angebot.
Tiefere Löhne, neue Perspektiven
«Der Bankensektor ist inzwischen ein Arbeitgebermarkt, die Institute können sich ihre Mitarbeiter aussuchen», sagt Klaus Biermann, Partner beim Personaldienstleister Biermann Neff. Das werde durch die Verbreitung von künstlicher Intelligenz noch verstärkt. Früher hätten Institute auch mittelmässige Banker grosszügig entlöhnt. «Für diese Gruppe sehe ich keine grosse Perspektive mehr für einen neuen Arbeitsplatz und schon gar nicht zu früheren Konditionen», sagt Biermann. Er erwarte eine deflationäre Entwicklung bei den Löhnen.
Dennoch helfe das Coach-Programm der UBS, die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt abzufedern, sagt Christian Bretscher, der Präsident des Zürcher Bankenverbands. Dieses sei im Vergleich zu anderen Branchen sehr grosszügig. Eine Welle arbeitsloser Banker, die den Markt überschwemmen, erwartet er nicht. Härtefälle werde es aber immer geben.
Auch der Headhunter Michel Roche sieht keine Welle von Stellensuchenden von der UBS – im Gegensatz zu vor zwei Jahren, als sich viele CS-Banker bei ihm gemeldet hätten. Roche schliesst daraus, dass viele, die das Coach-Programm durchlaufen, einen neuen Job finden. Denn während die Grossbank ihren Personalbestand reduziert, stellen kleinere Privatbanken Leute ein. Finanzberater, die ihre Kunden zum neuen Arbeitgeber mitnehmen, seien immer gefragt, sagt er. Auch Spezialisten für Compliance oder Risk Management hätten sogar mit 50 Jahren oder mehr noch Chancen.
Bei der UBS aussortiert zu werden, muss nicht das Ende der Welt bedeuten. Für jene Banker, die über Jahre hinweg gut verdient haben, kann es neue Perspektiven eröffnen. Gemäss Christian Bretscher beschliessen nicht wenige, mit Ende 50 oder Anfang 60 ihre Karriere zu beenden. Sie lassen sich frühpensionieren, machen sich selbständig oder beschliessen, etwas ganz anderes zu tun – ausserhalb des Banking.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Rasch, Eflamm Mordrelle
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