Gegen hohe Energiekosten: Grossbritannien bittet die Banken zur Kasse
Schatzkanzler John Healey überrascht mit Wegen, um die Briten bei Strom- und Heizkosten zu entlasten. Zur Gegenfinanzierung müssen die Finanzinstitute ran – und haben dabei noch Glück.
Claudia Wanner, London28.10.2026, 18.10 Uhr
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Erleichterungen für Haushalte: John Healey hatte auch Zückerchen im traditionellen roten Koffer.
Tolga Akmen / EPA
John Healey begann mit einer Würdigung. «Banken leisten einen enormen Beitrag für unser Land», betonte Grossbritanniens Schatzkanzler bei der Vorstellung seines ersten Staatshaushalts am Mittwoch im Londoner Unterhaus. Für ihre Rolle im Wirtschaftsleben sei er ausgesprochen dankbar, sagte Healey. Nur um direkt hinterher zu schieben, dass er sie jetzt zur Kasse bitte: «Heute baue ich darauf, dass Sie helfen, den britischen Haushalten eine Verschnaufpause zu verschaffen.»
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Entsprechend steigt der Zuschlag, den Banken in Grossbritannien auf die Gewinnsteuer zahlen, ab Januar von 3 auf 6 Prozent. Die Massnahme ist auf 15 Monate befristet und soll 1,5 Milliarden Pfund (1,7 Milliarden Franken) in die Kassen spülen. Schon berücksichtigt ist in dieser Rechnung, dass eine Reihe von Kreditinstituten angesichts der höheren Steuer voraussichtlich Gewinne aus Grossbritannien in andere Rechtsräume verschieben werden.
Radikales muss warten
Trotz der höheren Abgaben: Die Finanzbranche kam besser davon als gedacht. Im Vorfeld war mit einem Anstieg auf 8 Prozent gerechnet worden, wie er bis 2023 gegolten hatte. Einschneidende Massnahmen liess Healeys Haushaltsrede auch anderswo vermissen.
Im britischen politischen Kalender sind die Auftritte des Schatzkanzlers im Herbst wichtige Momente. Wochen im Voraus werden erwartete Einschnitte, mögliche Entlastungen, fiskalische Spielräume diskutiert. Dagegen hatte Healey diesmal im Vorfeld versucht, grosse Erwartungen zu dämpfen und darauf verwiesen, dass er vor radikaleren Ankündigungen zunächst die Spending Review, eine langfristige Ausgabenüberprüfung, im kommenden Jahr abwarten wolle.
Zu Healeys wichtigen Zielen gehörte, das Vertrauen der Investoren zu wahren. «Das war bislang erfolgreich», sagte James Sproule, Chefökonom für Grossbritannien beim schwedischen Kreditinstitut Handelsbanken. Er verweist auf die stabile Rendite zehnjähriger Staatsanleihen.
Gleich zu Beginn der Ansprache hatte Healey erklärt, sein Budget für «die arbeitende Bevölkerung» ziele auf die Entlastung bei Lebenshaltungs- und Betriebskosten, baue aber dennoch ganz entscheidend auf fiskalische Disziplin.
Der lange Schatten von Liz Truss
Bis heute wird die britische Regierung vom Budget des Jahres 2022 der damaligen konservativen Premierministerin Liz Truss verfolgt. Steuersenkungen ohne klare Gegenfinanzierung hatten damals am Staatsanleihenmarkt einen Sturm auf britische Gilts ausgelöst; bis heute schauen Bonds-Händler besonders genau auf Ankündigungen britischer Regierungen.
Healey verwies darauf, wie widerstandsfähig sich die Wirtschaft in den vergangenen Monaten geschlagen habe. Erst vor zwei Wochen hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) die britische Konsolidierungspolitik gelobt. Das Land steche unter den G-7-Staaten der führenden Industrienationen heraus, da es einen konkreten Plan zum Abbau des Staatsdefizits vorgelegt habe. Die Wachstumsprognose für das laufenden Jahr erhöhte der IWF um 0,3 Prozentpunkte auf 1,3 Prozent.
Die grossen Herausforderungen, vor denen die britische Wirtschaft steht, kann dieses Lob indes nicht verschleiern. Niedrige Investitionen, eine alternde Bevölkerung, ein trotz allem grosses Budgetdefizit, teurer Schuldendienst und hohe Energiekosten sorgen wie in den meisten Industrienationen für erhebliche Probleme.
Der grosse Wurf zu diesen Fragen sei indes nicht zu erwarten gewesen, sagte der Handelsbanken-Ökonom Sproule. Zwar würden Healey und Premierminister Andy Burnham, der im Juli Keir Starmer abgelöst hat, gerne den Eindruck erwecken, einen Neuanfang zu wagen. «Doch Labour ist bereits seit zweieinhalb Jahren im Amt. Es bleibt daher wenig Zeit, um Massnahmen auf den Weg zu bringen, die sich bis zur nächsten Wahl auszahlen».
Wieviel Wahltaktik steckt im Budget?
Die Wahl steht spätestens im Sommer 2029 an; doch es halten sich Gerüchte, dass die Regierung schon deutlich vorher die nächste Abstimmung ansetzen könnte, um das vorherige Wahlprogramm zu den Akten zu legen.
So blieb Healey nur eine Strategie kleinerer Anpassungen, mit der Aussicht auf grössere Schritte in der Zukunft. «Aber ein langweiliges Budget war das keineswegs», urteilte Sanjay Raja, Grossbritannien-Chefökonom der Deutschen Bank. Steuererhöhungen seien auf ein Minimum beschränkt worden.
Gleichzeitig überraschte der Schatzkanzler mit Massnahmen bei den Lebenshaltungs- und Betriebskosten, vor allem um Haushalte und Unternehmen bei den Energiekosten zu entlasten. Dazu zählen die Abschaffung der Grundgebühr für den Bezug von Erdgas, die Fortsetzung der Mehrwertsteuersenkung für Strompreise und ein direkter Zuschuss von 100 Pfund für weniger wohlhabende Haushalte im kommenden Jahr.
Grossbritannien müsse nicht mehr nur mit konjunkturellem Gegenwind rechnen, sondern mit regelrechten «wirtschaftlichen Stürmen», warnte Healey. Erhebliche Sorge bereitet der Regierung eine mögliche neuerliche Verschärfung des Konflikts im Nahen Osten und ein damit verbundener, weiterer Anstieg der Energiekosten.
Hartnäckige Teuerung
Schon heute zieht sich der seit Anfang des Jahres kräftig gestiegene Erdölpreis durch das Budget. Das Office for Budget Responsibility (OBR), die unabhängige Haushaltsbehörde, hat unter anderem deswegen die Inflationsprognose deutlich nach oben angepasst: Die Preissteigerung dürfte Anfang 2027 mit 3,75 Prozent einen Höhepunkt erreichen, 2028 dann auf 2,1 Prozent zurückgehen und erst 2030 den Zielwert der Bank of England von 2 Prozent erreichen.
Das OBR veröffentlicht regelmässig zeitgleich mit dem Budget seine Erwartungen. Vor einem Jahr waren die Haushaltsexperten noch davon ausgegangen, dass bereits Ende dieses Jahr der Zielwert der Zentralbank erreicht wird.
Auch wenn Healeys Panoptikums kleiner Anpassungen am Finanz- und Devisenmarkt mit Erleichterung aufgenommen wurde: Der Opposition gab es reichlich Anlass für Kritik. «Nicht gut genug, nicht stark genug, nicht mutig genug», war das Verdikt von Kemi Badenoch, Parteichefin der Konservativen. Im kommenden Jahr werde die Steuerbelastung Grossbritanniens die höchste in der Geschichte sein, und das Land bleibe «überfordert durch zu hohe Ausgaben, zu hohe Schulden, zu hohe Steuern und ein ausser Kontrolle geratenes Sozialsystem».
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Claudia Wanner, London
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