Gefährdet der hohe Tarif den Ausbau der Fernwärme in der Stadt Zürich? Ein liberaler Hauseigentümer und ein linker Mieterverbandsvertreter verbünden sich dagegen
Um den grössten Kredit in der Geschichte der Stadt Zürich ist unerwartet ein Streit entbrannt.
01.11.2026, 05.00 Uhr
4 Leseminuten
Illustration Simon Tanner / NZZ
Die Zustimmung war überwältigend, als die Stadtzürcher Stimmberechtigten diesen Sommer über den Fernwärmeausbau abstimmten. 81 Prozent von ihnen sagten Ja – zu einer Ausgabe in der schwindelerregenden Höhe von 2,3 Milliarden Franken, der grössten je getätigten Ausgabe der Stadt.
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Das war zu erwarten: Was gibt es schon zu sagen gegen klimaneutrales Heizen, das noch dazu gebührenfinanziert ist und die Steuerzahler nichts kostet? Doch nun tun sich mit einem Mal Gräben auf.
Kritiker sagen, der Stadtrat habe den Tarif deutlich zu hoch angesetzt. So hoch, dass Albert Leiser, Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbands, von einem drohenden Scheitern spricht. Leiser sagt: «Die Hauseigentümer nehmen den Taschenrechner zur Hand und kommen zu dem Schluss, dass die Wärmepumpe günstiger ist.» Hinter dem Bau der Infrastruktur stehe er voll und ganz, sagt Leiser. «Aber es nützt nichts, wenn am Ende nur 30 Prozent mitmachen.»
Sorge, dass die Kosten auf Mieter überwälzt werden
Der Alt-FDP-Stadtparlamentarier Leiser hat sich mit einem ungleichen Kompagnon aus alten Tagen zusammengetan: Niggi Scherr, langjähriger Chef der Alternativen Linken (AL) und noch immer beim Mieterinnen- und Mieterverband aktiv.
Scherr befürchtet, dass die Hausbesitzer den höheren Tarif auf ihre Mieter überwälzen werden. Die Mieter seien diesen Tarifen dann machtlos ausgeliefert, das EWZ habe das Monopol. Vor allem an Lagen, an denen die Fernwärme aus technischer Sicht die einzige Heizmöglichkeit ist.
Die beiden haben im Stadtparlament schon mehrmals zusammengearbeitet, wenn es um Gebührensenkungen ging – allen politischen Differenzen zum Trotz. Nun kommt es zu einer Neuauflage.
Die zwei versuchen, ein Geschäft, das bereits entschieden scheint, zu versenken. Der Vorschlag aus dem Departement der Industriellen Betriebe unter Stadtrat Michael Baumer (FDP) kommt am Mittwoch ins Stadtparlament.
Vordergründig geht es darum, einen stadtweiten Einheitstarif für die Fernwärme einzuführen, was Leiser und Scherr begrüssen. Gestritten wird aber nicht nur um die Höhe der Tarife, sondern auch um das Modell, mit dem das EWZ seinen Kunden den Tarif berechnen wird, voraussichtlich ab 2029. Der Tarif setzt sich zusammen aus den Bau- und Betriebskosten für das Netz, aber auch der Verzinsung des Kapitals, das das EWZ für das Fernwärmenetz benötigt.
Dieser Zins ist der eigentliche Streitpunkt. Leiser und Scherr finden, das EWZ habe ihn künstlich zu hoch angesetzt, nämlich bei rund 4,5 Prozent. Dies, obwohl sich das EWZ bei der Stadt günstig zu einem Zins von rund 1,25 Prozent Geld leihen könne. Wie hoch der Tarif genau sein wird, ist noch nicht bestimmt. Aber der Zinsunterschied verteuert den Tarif für die Kunden beträchtlich.
Scherr sagt, er finde es grundsätzlich falsch, dass das EWZ mit der Fernwärme eine Rendite anstrebe. Diese sei mit der Wasserversorgung oder der Müllabfuhr vergleichbar – ein Service public, der zum Selbstkostenpreis angeboten werden solle.
Nachvollziehen können die beiden, dass das EWZ mit der Fernwärme ein gewisses Risiko eingeht – in erster Linie das Risiko, dass sich weniger Kunden anschliessen lassen als erhofft.
Aber es sei falsch, dieses Risiko mit einem hohen Zins absichern zu wollen. Besser wäre ein zinsloses Darlehen von der Stadt an das EWZ, finden sie. So, wie das andere Kantone handhaben, zum Beispiel der Kanton Basel-Stadt. Leiser sagt dazu: «Das wäre mir lieber, als wenn Daniel Leupi noch ein paar Häuser mehr kauft», ein Seitenhieb gegen die Liegenschaftenkäufe der Stadt unter dem grünen Finanzvorstand.
Schutz der Steuerzahler hat oberste Priorität
Beim Departement der Industriellen Betriebe kennt man die Kritik – und weist sie zurück. Rendite sei für das EWZ kein Selbstzweck. Es gehe um etwas anderes: nämlich darum, dass die Grossinvestition Fernwärme selbsttragend sei. Das Netz müsse zwingend über Gebühren finanziert werden, und zwar ausschliesslich.
Christian Sauter, Departementssekretär Energie, sagt: «Es darf nicht sein, dass die Steuerzahler Geld einschiessen müssen. Das wäre ungerecht.» Ungerecht wäre dies deshalb, weil das Fernwärmenetz maximal 60 Prozent der Haushalte erreichen werde.
Die Kunden könnten selbst entscheiden, ob sie sich der Fernwärme anschliessen wollten oder nicht. Deshalb hinke der Vergleich mit der Wasserversorgung, die allen zugutekomme. Wolle man ausschliessen, dass die Steuerzahler und damit alle die Risiken des Fernwärmenetzbaus tragen müssten, sei der Risikoaufschlag beim Zins unumgänglich, sagt Sauter.
Eine Risikogarantie wie in Basel komme für den Stadtrat nicht infrage. Denn diese würde aus dem Steuerhaushalt finanziert. «Das wäre eine Quersubventionierung der Fernwärmekunden durch die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.»
Und was ist mit der Befürchtung, der angepeilte Tarif könnte Kunden verschrecken? Auch die teilt Sauter nicht. «Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Nachfrage nach Fernwärme hoch ist.»
Die AL stellt sich hinter das Ansinnen ihres Urgesteins Scherr. Der AL-Gemeinderat Christian Häberli spricht von «Fernwärme-Abzocke». Eine Rückweisung würde den Stadtrat dazu zwingen, die Sache neu zu beurteilen. Interessant ist aber, dass die AL die beiden anderen linken Parteien, Grüne und SP, gegen sich hat.
Der SP-Gemeinderat Patrick Tscherrig sagt auf Anfrage der NZZ, die Rückweisung gefährde die Energiewende. Zu Beginn der Beratungen sei die SP ebenfalls skeptisch gewesen. Aber der Stadtrat habe überzeugend argumentiert: Es gehe ihm nicht darum, aus der Fernwärme eine Cash-Cow zu machen. «Es wäre verantwortungslos, bei einem derart grossen Projekt auf eine risikogerechte Verzinsung verzichten zu wollen.»
Die Fronten verlaufen also quer zum üblichen Links-rechts-Schema. GLP und SVP fordern ebenfalls eine Rückweisung. Auf der anderen Seite stellen sich neben SP und Grünen auch Mitte und FDP hinter den Stadtrat, Letztgenannte in Abweichung zur Empfehlung ihres ehemaligen Gemeinderatskollegen Leiser.
Das wäre eine Mehrheit für den Vorschlag des Stadtrats. Es ist allerdings denkbar, dass es im linken Lager Abweichler gibt. Dann könnte die Rückweisung gelingen.
Es wäre ein später Coup der beiden alten Kämpen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael von Ledebur
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