Gastkommentar
Andrea Rotter
Mehr denn je ist unsere digitalisierte Gesellschaft auf die Nutzung des Weltraums angewiesen. Derzeit umkreisen rund 15 000 Satelliten die Erde. Ihre Zahl wächst rasant, und ihr Zweck übersteigt das Zivile. So hat der Rüstungswettlauf über unseren Köpfen längst begonnen.
26.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Der Weltraum ist zwar globales Gemeingut, doch bestimmen nur wenige Staaten und Unternehmen über seine Nutzung.
Heritage / Getty
«Das Training dafür, in umkämpften Räumen zu operieren, gilt im Grundsatz und nicht als Ausnahme», gibt das US Space Command als Massgabe für die Zukunft militärischer Weltraumoperationen aus, während die Trump-Administration die amerikanische Überlegenheit im All insbesondere gegenüber China sichern will. Was bedeutet: Der umkämpfte Weltraum ist keine Ausnahme mehr, sondern Ausgangspunkt heutiger militärischer Planung.
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Die vergangenen Jahre zeigen, warum: 2021 erklärte die Nato, dass Angriffe aus dem Weltraum oder im Weltraum gegebenenfalls den Bündnisfall nach Artikel 5 auslösen könnten. Gleichzeitig testete Russland eine Antisatellitenwaffe und zerstörte einen eigenen Satelliten – Tausende Weltraumtrümmerteilchen waren die Folge.
Zu Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine traf ein Cyberangriff das Satellitenkommunikationsnetz des amerikanischen Unternehmens Viasat und störte die militärische Kommunikation der Ukraine. Die Folgen reichten bis nach Deutschland, wo Tausende Windkraftanlagen zeitweise nicht mehr ferngesteuert und überwacht werden konnten.
Sicherheitspolitische Achillesferse
Zugleich schlug die Stunde von Starlink, dem Satellitenkommunikationsnetzwerk von Elon Musk, das mit der Bereitstellung von permanentem und von den Russen nicht zu unterbrechendem Internet zur wichtigen Infrastruktur für die ukrainische Verteidigung avancierte und den Europäern neue strategische Abhängigkeiten vor Augen führte. Nach Einschätzung von amerikanischen Geheimdiensten soll Russland an einer nuklearen Antisatellitenwaffe arbeiten. Im September 2026 bestätigten die USA erstmals, bereits «Weltraumkontrollwaffen» im Orbit stationiert zu haben. Der Rüstungswettlauf über unseren Köpfen hat also längst begonnen.
Heute kreisen mehr als 17 000 funktionsfähige Satelliten um die Erde, und aus den USA startet jeden zweiten Tag eine Rakete ins All.
Diese Dynamik hat spürbare Folgen: Die Abhängigkeit der digitalisierten Gesellschaft von weltraumgestützten Diensten ist kontinuierlich gestiegen. Jeder greift heute «auf den Weltraum» zu, ohne sich dessen bewusst zu sein. Wetterberichte und Navigationssysteme sind nur die bekanntesten Beispiele. Satellitengestützte Zeitsignale spielen eine wichtige Rolle im Zahlungsverkehr und auf den internationalen Finanzmärkten. Auch der Personen- und Güterverkehr ist auf Satellitendienste angewiesen. Diese Verflechtung von Alltag und Weltraum wird mit Technologien wie dem autonomen Fahren weiter zunehmen.
Für Streitkräfte zeigt sich ein noch deutlicheres Bild: Moderne Militäroperationen stützen sich auf satellitengestützte Navigations- und Positionsdaten in Echtzeit. Militärische Einsatzführung ist auf sichere Kommunikation und Datenübertragung angewiesen, wie der Einsatz von Drohnen und Abwehrsystemen in der Ukraine belegt. Satellitenbilder ermöglichen Streitkräften umfassende Aufklärung, machen das Gefechtsfeld aber zunehmend transparent. Der Weltraum ist für digital vernetzte Gesellschaften und moderne Streitkräfte unabdingbar geworden – und zugleich zu einer sicherheitspolitischen Achillesferse, denn aus Abhängigkeiten entstehen Verwundbarkeiten.
Gerade weil weltraumgestützte Fähigkeiten für die vernetzte Gefechtsführung zentral sind, entwickelt sich der Weltraum selbst zum militärischen Ziel und Gefechtsfeld. Der geopolitische Wettbewerb der Grossmächte auf der Erde setzt sich jenseits der Atmosphäre fort. Schon längst hat sich der Weltraum von einem Gegenstand menschlicher Faszination zum Schauplatz geopolitischer Rivalität gewandelt, wo Staaten um Dominanz konkurrieren.
Zugleich wird die Weltraumnutzung aufgrund verschiedener Faktoren immer komplexer: Internationalisierung durch mehr Staaten mit zivilen und militärischen Weltraumprogrammen, Kommerzialisierung durch den wachsenden Einfluss privater Unternehmen, Verdichtung durch immer mehr Objekte im Weltraum. Heute kreisen mehr als 17 000 funktionsfähige Satelliten um die Erde, und aus den USA startet im Durchschnitt jeden zweiten Tag eine Rakete ins All. Mehr Akteure und Objekte erhöhen jedoch das Risiko von Kollisionen, Missverständnissen und Konflikten.
Rüstungswettlauf im All
Hinzu kommt die weltweite Verbreitung sogenannter Counterspace-Fähigkeiten, die gegnerische Weltraumfähigkeiten einschränken oder unterbinden sollen. Das Spektrum reicht von Cyberangriffen und elektronischer Kampfführung über Laserwaffen bis zu koorbitalen Systemen, die sich anderen Satelliten im All annähern können.
Die Grundlagen des Weltraumrechts stammen jedoch aus den sechziger und siebziger Jahren. Sie halten Prinzipien der Weltraumnutzung fest, darunter das Verbot, Massenvernichtungswaffen im Weltraum zu stationieren oder sich Himmelskörper staatlich anzueignen. Darüber hinaus sind die Regelungen inzwischen deutlich hinter die technologischen und politischen Entwicklungen zurückgefallen.
Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Weltraumtechnologien Dual-Use-Technologien sind, also zivil wie militärisch genutzt werden können, was effektive Rüstungskontrolle erschwert. Zugleich wächst die sicherheitspolitische Relevanz kommerzieller Akteure. New-Space-Unternehmen sind heute wichtige Innovationstreiber und übernehmen zunehmend sicherheits- und verteidigungsrelevante Aufgaben. Dies ermöglicht Staaten mehr Flexibilität und Zugriff auf kritische Fähigkeiten, schafft aber auch neue strategische Abhängigkeiten, die politische und völkerrechtliche Fragen aufwerfen.
Darüber hinaus ist der Weltraum von erheblichen Asymmetrien geprägt. Jeder Staat ist auf weltraumbasierte Fähigkeiten angewiesen, doch nur wenige verfügen über die technologischen, industriellen und militärischen Fähigkeiten, um die Entwicklungen im All massgeblich mitzubestimmen. Zwar gilt der Weltraum als globales Gemeingut, doch bestimmen nur wenige Staaten und Unternehmen die Bedingungen seiner Nutzung.
Trotz dem orbitalen Rüstungswettlauf beschränkt sich der Einsatz von Counterspace-Fähigkeiten in militärischen Konflikten bislang zumindest auf nichtdestruktive Mittel. Cyberangriffe sowie Jamming und Spoofing, also das Stören und Vortäuschen falscher Signale, sind in der Ukraine an der Tagesordnung. Störungen der Satellitennavigation betreffen auch europäische Nato-Staaten.
Viele dieser Aktivitäten sind reversibel und nur schwer einem Verursacher zuzuordnen. Sie bewegen sich häufig im hybriden Spektrum unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs und lassen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verschwimmen. Der Cyberangriff auf Viasat zeigt aber, dass solche Angriffe auch zivile Infrastruktur und militärische Operationen auf der Erde beeinträchtigen und Reaktionen jenseits des Weltraums hervorrufen können. All dies erschwert die Prävention militärischer Konflikte und birgt Eskalationspotenzial.
Mehr als nur Satelliten
Hatten insbesondere europäische Staaten die strategische Bedeutung des Weltraums lange unterschätzt, setzt inzwischen ein Umdenken ein. Um sicher durch diese komplexe geopolitische Gemengelage zu navigieren, bedarf es vielseitiger Ansätze: Zunächst muss das Bewusstsein für die Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten infolge der Weltraumnutzung in Politik und Gesellschaft gestärkt werden. Dafür braucht es mehr «space domain awareness», also ein umfassendes Lagebild und ein besseres Verständnis davon, was Akteure im Weltraum tun und welche Absichten sie möglicherweise verfolgen.
Weltraumsicherheit ist zudem eine komplexe Querschnittaufgabe, die eine enge Zusammenarbeit aller relevanten Akteure – Regierungsressorts, Streitkräfte, kommerzielle Akteure und Forschungseinrichtungen – erfordert.
Wenn der umkämpfte Weltraum der neue Normalzustand ist, werden Krisenvorsorge, Resilienz sowie Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeiten zu Prioritäten. Eigene Weltraumsysteme, von Satelliten bis hin zu Bodeninfrastruktur, Datenverbindungen und Nutzersegmenten, müssen resilient gestaltet werden, indem man sie technisch härtet, redundante Satellitenkonstellationen aufbaut oder ausgefallene Systeme schnell ersetzen kann.
Doch Resilienz allein reicht nicht: Staaten müssen sich auf Einschränkungen oder gar den Verlust weltraumgestützter Fähigkeiten vorbereiten. Abhängigkeiten müssen bekannt sein und der Umgang mit Ausfällen erprobt werden. Zudem braucht glaubwürdige Abschreckung militärische Fähigkeiten und klare Signale dazu, wie auf Angriffe reagiert würde.
Der wirksamste Schutz besteht allerdings darin, den Weltraum konfliktfrei zu halten. International ist dies nur mit gemeinsamen Normen und Prinzipien für verantwortliches Handeln im All möglich. Die geopolitische Lage lässt einen solchen Konsens der grossen Weltraummächte noch in weite Ferne rücken. Dennoch eint sie das Interesse, Weltraumschrott zu vermeiden: Der Weltraum ist für die menschliche Nutzung eine begrenzte Ressource, Trümmer sind hingegen kaum kontrollierbar und eine Gefahr für fremde wie eigene Systeme. Ob das für Optimismus reicht, bleibt offen. Doch am Ende hängt die Handlungsfähigkeit auf Erden vom Weltraum ab.
Andrea Rotter ist Expertin für Aussen- und Sicherheitspolitik. Sie ist stellvertretende Leiterin der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in München. Beim abgedruckten Text handelt es sich um das Impulsreferat, das sie am 22. Oktober beim NZZ-Podium «Starlink Wars – Geopolitik im Weltraum» in Zürich gehalten hat.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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