Gastkommentar

Rahel Freiburghaus

Das richtige Timing für eine Bundesratskandidatur: Vorpreschen ist für Verlierer

Wer als erster Kandidat ins Bundesratsrennen steigt, verliert meistens. Es gibt aber auch Ausnahmen. Eine Analyse der siebzehn Ersatzwahlen seit 2000 ergibt eine «goldene Formel» für Bundesratswillige.

22.10.2026, 11.49 Uhr

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Ihn gilt es in der Regierung zu ersetzen: Guy Parmelin bei seiner Wahl in den Bundesrat im Dezember 2015.

Ihn gilt es in der Regierung zu ersetzen: Guy Parmelin bei seiner Wahl in den Bundesrat im Dezember 2015.

Peter Schneider / Keystone

Geht es um die Ersatzwahl im Bundesrat, lassen sich mögliche Kandidaten oft lange bitten oder gehen auf Tauchstation. Andere preschen rasch vor. Beim Timing scheinen Bundesratswillige nichts dem Zufall zu überlassen. Zu Recht? Eine Auswertung aller siebzehn Ersatzwahlen für den Bundesrat seit 2000 gibt einige Hinweise.

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So schafft der frühe «Kronfavorit» die Wahl in sechs von zehn Fällen. Man denke etwa an Karin Keller-Sutter: Die NZZ beschrieb sie schon an dem Tag, an dem Johann Schneider-Ammann im September 2018 seinen Rücktritt bekanntgab, als «klare Favoritin». Oder vier Jahre später Albert Rösti: Als Ueli Maurer abtrat, zählten ihn Westschweizer Medien noch am selben Tag zum «trio de favoris», zusammen mit Natalie Rickli und Esther Friedli.

Beide, Keller-Sutter wie Rösti, feierten danach einen eigentlichen «Start-Ziel-Sieg». Sie wurden im ersten Wahlgang gewählt. Umgekehrt gilt aber eben auch: Vier von zehn «Kronfavoriten» scheiterten, so etwa Heinz Brand (2015) oder Eva Herzog (2022).

Gleichzeitig gilt: Sich selber als erster Kandidat anzukündigen, bringt in der Regel nichts. Weniger als ein Drittel derjenigen, die ihre Kandidatur als Erste selber ankündigten, schafften tatsächlich den Sprung in den Bundesrat. Ruedi Noser (2010), Peter Hegglin (2018), Werner Salzmann (2022), Daniel Jositsch (gleich zweimal, 2022 und 2023) und Markus Ritter (2025) sind gescheitert. Gewann doch einmal jemand, der als Erster eingestiegen war, so war er meist ohnehin gesetzt. Doris Leuthard (2006), Ignazio Cassis (2017) und Karin Keller-Sutter (2018) galten von Anfang an als klare Favoriten. Ihre frühe Ankündigung bestätigte nur, was alle längst erwartet hatten.

Sonst aber lohnt sich ein frühes Einsteigen nur, wenn das Feld aufgrund informeller Vorgaben eng ist. Landesregion, Kantonszugehörigkeit oder Geschlecht: Nur wenn solche Vorgaben beachtet werden mussten, gewann mehrheitlich die erste angekündigte Kandidatur – sonst nur in jedem vierten Fall.

So war beim Rücktritt von Pascal Couchepin 2009 klar, dass der Sitz in der lateinischen Schweiz bleiben sollte. Der Neuenburger Didier Burkhalter meldete sich als Erster und wurde rasch zum «naheliegenden Romand». Ähnlich bei Simonetta Sommaruga: Schon am Tag von Moritz Leuenbergers Rücktritt im Juli 2010 hiess es aus SP-Kreisen, man könne sich eine «Deutschschweizer Frau» im Bundesrat gut vorstellen. Sommaruga lancierte sich danach als Erste offiziell und schaffte die Wahl.

Ist das Feld nicht durch solche informellen Vorgaben verengt, gilt: Die ersten acht Tage sind die eigentliche Verliererzone. Ein Dutzend Unterlegene stiegen in dieser Zeit ins Rennen, aber nur zwei spätere Bundesratsmitglieder. Dabei spielt aber auch eine Rolle, wie viel Zeit zwischen der Rücktrittsankündigung und der Ersatzwahl liegt. Erfolgreich waren vielfach Kandidaturen, die etwa nach einem Viertel dieser Zeitspanne erfolgt sind. So etwa bei Viola Amherd (2018), Elisabeth Baume-Schneider (2022) und Martin Pfister (2025). Alle drei meldeten sich zwar als Letzte, aber innerhalb dieses Zeitfensters.

So konnten sie sich als konsensfähige Alternative präsentieren, wenn die Favoriten schwächelten oder absagten. Besonders deutlich zeigt das der Fall von «Martin wer?», wie der «Tages-Anzeiger» im Februar 2025 zunächst fragte. Der Zuger Regierungsrat Martin Pfister stieg am letzten Tag der Frist, knapp drei Wochen nach dem Rücktritt von Viola Amherd und nach einer langen Reihe von Absagen, ins Rennen.

Die «goldene Formel» für das richtige Timing lautet also am ehesten: Man sollte als Favorit gehandelt werden, nicht selber vorpreschen und sich erst nach gut zwei Wochen erklären. Wer nicht Favorit ist, wartet besser ab, bis die anderen sich positioniert haben, und tritt dann als Brückenbauer an – es sei denn, die Verengung auf ein bestimmtes Wählbarkeitskriterium macht ihn oder sie ohnehin zur naheliegenden Wahl. Dann ist auch ein frühes Einsteigen erfolgreich.

Rahel Freiburghaus ist Assistenzprofessorin für Schweizer und vergleichende Politik am Institut d’études politiques an der Universität Lausanne.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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