Gastkommentar

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Marcel Hirsiger

Bisher war Deutschland Dreh- und Angelpunkt für die amerikanische Verbindung nach Ostmitteleuropa – nun wird es von Polen abgelöst

Je mehr sich in Westeuropa aufgrund von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verwerfungen Unruhe ausbreitet, desto attraktiver muss für den Bündnispartner USA Polen erscheinen. Nicht zufällig gewinnt Warschau immer mehr an Profil und Gewicht.

30.10.2026, 05.25 Uhr

5 Leseminuten


Polnische und amerikanische Einheiten bei einer gemeinsamen Truppenübung vom April 2026 in Polen.

Polnische und amerikanische Einheiten bei einer gemeinsamen Truppenübung vom April 2026 in Polen.

Jeff J Mitchell / Getty

Der amerikanische Plan, in Polen einen permanenten Truppenstützpunkt für bis zu 15 000 Soldaten aufzubauen, ist mehr als nur eine Randnotiz in einer zunehmend verschärften Sicherheitslage Europas. In Anbetracht der gleichzeitigen Ankündigung, an anderen Orten die Präsenz zu reduzieren, zeigt diese Entwicklung, dass Polen zu einem neuen strategischen Zentrum Europas geworden ist. Die Bedeutung geht weit über die geografische Lage des ostmitteleuropäischen Staates hinaus und illustriert die Position, die sich Warschau geopolitisch aufgebaut hat.

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Mit dem Zusammenbruch der sozialistischen und kommunistischen Regime im Osten des Kontinentes vor gut 35 Jahren veränderte sich sichtbar die politische Karte Europas. Reichte die mentale Landkarte zuvor bis knapp hinter Berlin oder Wien, kamen innerhalb weniger Monate zahlreiche neue Länder dazu, die bald auch Aufnahme in die Nato und später die Europäische Union suchten. Allein zwischen 2004 und 2013 traten elf Staaten der EU bei, die zuvor dem «Osten» zugerechnet worden waren; der Nato traten seit 1999 gar vierzehn Länder aus dieser Region bei.

Fünftgrösste Volkswirtschaft der EU

Grosses Gewicht kam diesen neuen Partnern allerdings kaum zu. Zu klein waren sie, zu fragmentiert, zu unbedeutend wirtschaftlich, zu sehr auch mit eigenen Problemen beschäftigt, etwa im Aufbau und in der Sicherung demokratischer Strukturen. Und dennoch hatten die meisten in den darauffolgenden Jahren eine beeindruckende Entwicklung aufzuweisen. Am deutlichsten wird dies am Beispiel Polens, das inzwischen die fünftgrösste Volkswirtschaft der EU ist und dessen Bruttoinlandprodukt seit letztem Jahr auf Augenhöhe mit der Schweiz liegt. Für den Dezember ist das Land nun auch zum ersten Mal zum G-20-Gipfel in den USA eingeladen.

Paris und Berlin verlieren gemessen am neuen Machtzentrum in Warschau deutlich an Gewicht.

Polen nutzt diese neu gewonnene Grösse gezielt, um sich mit mehr Handlungsfreiheit auf strategischer Ebene besser zu positionieren. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich der sicherheitspolitische Fokus deutlich nach Osten verschoben. Allerdings waren es in den vergangenen Jahren weiterhin die westeuropäischen Grossmächte, welche den Ton angegeben und die Sicherheitsarchitektur des alten Kontinentes gestaltet haben. Gerade die jüngsten russischen Drohungen in Bezug auf die Exklave Kaliningrad rücken aber Polen als dessen Nachbar deutlich ins Zentrum. Auch Moskaus Ausfälle gegen die baltischen Staaten, die lediglich über einen schmalen Landkorridor mit dem Rest der EU und der Nato verbunden sind, rücken Polen noch stärker in den Fokus.

Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine hat Warschau eine Schlüsselrolle übernommen für die Logistik. Dem ostmitteleuropäischen Staat kommt dabei die in den letzten Jahren geschaffene Infrastruktur zugute. Die Bahnlinien werden kontinuierlich modernisiert, ebenso die Strassenverbindungen und Hafenanlagen an der Ostsee. Hier setzt Warschau gezielt auf Dual-Use-Strategien: Das neue Investitionspaket von rund 40 Milliarden Franken zum Ausbau der Bahninfrastruktur bis 2032 bringt nicht nur massiv schnellere Verbindungen für Passagierzüge, sondern soll explizit auch dem Transport von militärischen Gütern zugutekommen.

Mehrere Flughäfen, die beiden in Lublin und Rzeszow-Jasionka auch in unmittelbarer Nähe der Ukraine, können für Lufttransporte genutzt werden. Hinzu kommen inzwischen über 5000 Kilometer Autobahn und Schnellstrasse, die Polen in den vergangenen Jahren ausgebaut und erneuert hat. Und gerade dieses multimodale Verkehrs- und Logistiksystem macht es besonders wertvoll für die Nato: Inzwischen werden hier rund 18 000 Tonnen Material monatlich umgeschlagen und Richtung Front weitergeschoben.

Polen profitiert bei dieser jüngsten Entscheidung davon, dass bereits mehrere tausend amerikanische Soldaten im Land stationiert sind, allerdings bislang auf Rotationsbasis. Diese dienten insbesondere der Unterstützung lokaler Strukturen; eine permanente Basis bringt jedoch strategische Verankerung. Zudem wurden in den letzten Jahren nicht nur Truppen nach Ostmitteleuropa verlegt; in Polen finden sich gleich mehrere Kommandostrukturen der Nato wie etwa jene des Multinationalen Korps Nord-Ost in Stettin.

Warschau gilt seit geraumer Zeit auch als ausgesprochen ambitioniert, was die Modernisierung und Aufrüstung der eigenen Armee angeht. Lag das Nato-Ziel lange Zeit bei 2 Prozent des Bruttoinlandproduktes, kommt Polen schon seit über zehn Jahren auf diesen Wert; in jüngerer Zeit liegen die Ausgaben gar bei über 4 Prozent. Die Armee gilt inzwischen als eine der modernsten und grössten Europas. Wie gross die Bedeutung geworden ist, lässt sich erkennen an den zahlreichen internationalen Kooperationen für die Produktion, Wartung und Instandhaltung von Rüstungsgütern und Waffensystemen.

Die amerikanischen Pläne zeigen allerdings auch die scheinbar paradoxe Entwicklung der transatlantischen Politik. Hat die Trump-Regierung noch vor kurzem in der Strategie für die nationale Sicherheit unmissverständlich festgehalten, dass man die Präsenz in Europa abbauen wolle, lassen die neusten Ankündigungen eine Konzentration auf wenige Standorte vermuten. Der neue Stützpunkt wird damit zur Schnittstelle zwischen amerikanischer Politik und Polens geo- und sicherheitspolitischer Rolle, die ihm aufgrund des Ukraine-Krieges, aber auch als Folge des verschobenen politischen und strategischen Gleichgewichtes in Europa schon länger zukommen sollte.

Von der Peripherie ins Zentrum

Die USA lösen damit auch ganz praktische Probleme. Mehrere westliche Partner untersagen die Nutzung der eigenen Stützpunkte für den Krieg in Iran. Zudem ist die Gefahr islamistischer Terroranschläge und Sabotageakte auf Nato-Basen deutlich gestiegen, wie jüngst das Beispiel eines Luftwaffenstützpunktes in Grossbritannien zeigte.

Für Deutschland und Frankreich heisst dies nicht, dass sie aus dem Rennen sind bei transatlantischen Kooperationen. Sie verlieren aber gemessen am neuen Machtzentrum in Warschau deutlich an Gewicht. Insbesondere Deutschland ist bislang der Dreh- und Angelpunkt für die Verbindung nach Ostmitteleuropa gewesen, Warschau quasi in der Verlängerung von Berlin gelegen. Mit der erhöhten Präsenz in Polen schaffen sich die USA nun einen direkten Zugang zur Nato-Ostflanke und damit auch zur Ukraine. Dies wird sich mittelfristig auf die Bedeutung der Verkehrs-, Energie- oder Infrastrukturachsen Europas auswirken.

In dieser jüngsten Ankündigung wird eine Entwicklung sichtbar, die bereits vor längerer Zeit ihren Anfang genommen hat. Die neue Geografie Europas wird nicht mehr nur durch wirtschaftliche Grösse bestimmt, sondern zunehmend auch durch Sicherheit und Verteidigung. War Polen für viele Westeuropäer über Jahrzehnte hinweg östliche Peripherie, rückt es nun ins Zentrum. Der geplante amerikanische Stützpunkt ist dabei lediglich das sichtbare Zeichen einer politisch, wirtschaftlich und strategisch verschobenen Mitte Europas. Sinnbildlich dafür ist übrigens, dass die Ankündigung dieser neuen Pläne durch Warschau selber erfolgte, was auch das neu gewonnene Selbstvertrauen Polens zeigt.

Marcel Hirsiger ist Dozent und Osteuropa-Experte an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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