Gastbeitrag

Die Unterfinanzierung belastet die Kinder- und Jugendmedizin der Spitäler

Die Kindermedizin in den Spitälern blutet finanziell aus. Es besteht die Gefahr, dass immer weniger in Versorgung, Forschung und ärztliche Bildung zugunsten der vulnerabelsten Bevölkerungsgruppe investiert wird.

Serge Altmann28.10.2026, 05.20 Uhr

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Die Kindermedizin hat ihre Besonderheiten. Sie erfordert altersgerechte Behandlungen, Einrichtungen und Umgangsformen.

Die Kindermedizin hat ihre Besonderheiten. Sie erfordert altersgerechte Behandlungen, Einrichtungen und Umgangsformen.

Georgios Kefalas / Keystone

In der Schweiz gibt es drei unabhängige Kinder- und Jugendspitäler, die nicht in ein Erwachsenenspital integriert sind und die höchste Versorgungsstufe abdecken. Das sind das Universitäts-Kinderspital Zürich (Kispi ZH), dessen Träger die Eleonoren-Stiftung ist, das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB), eine selbständige öffentlichrechtliche Anstalt mit eigener Rechtspersönlichkeit, und das Ostschweizer Kinderspital (OKS), universitäres Lehr- und Forschungsspital, mit der Stiftung Ostschweizer Kinderspital als Träger.

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Unter anderem in Bern, Genf, Lausanne, Aarau, Luzern, Winterthur, Chur oder Bellinzona werden Kinder und Jugendliche in Kliniken behandelt, welche in Universitäts-, Kantons- oder Zentrumsspitäler integriert sind.

Charakteristika der Kinder- und Jugendmedizin

Die Kinder- und Jugendmedizin hat ihre Besonderheiten. Ihre Patienten sind zwischen 0 und 18 Jahre alt. Die Behandlungen umfassen Frühgeborene ab der 24. Schwangerschaftswoche, geboren mit 500 Gramm Körpergewicht, bis hin zu adipösen Jugendlichen mit einem Gewicht von 120 Kilogramm oder mehr. Dies erfordert altersgerechte Einrichtungen. Für einen operativen Eingriff an einem Säugling muss sich beispielsweise der Operationssaal auf 35 Grad Celsius aufheizen lassen, damit das Kind nicht auskühlt.

Hinzu kommt der hohe Anteil seltener Krankheiten von rund 30 Prozent. Die Fallzahlen sind bei seltenen Krankheiten selbstredend sehr klein, und daher gibt es Grenzen bei der Standardisierung von Behandlungen und Abläufen und damit begrenzte Effizienzgewinne. In einem Kinder- und Jugendspital ist der Notfall die wichtigste Eintrittspforte. 80 Prozent der stationären Patienten treten im OKS über den Notfall ein. Das sind 4000 der 5000 stationären Patienten jährlich.

Die Kinder- und Jugendmedizin ist deshalb aufwendiger und personalintensiver als vergleichbare Behandlungen bei Erwachsenen. Bereits bei einer einfachen Blutentnahme sind oft mehrere Personen involviert. Für eine MRI-Untersuchung braucht ein kleines Kind neben der Begleitung durch eine Fachperson häufig einen Kinderanästhesisten, da es während der Untersuchung nicht genügend lange stillliegen kann.

Die grösste Herausforderung der Kinderspitäler bleibt die unbefriedigende Tarifsituation. Die aufwendige Kinder- und Jugendmedizin ist in den Tarifsystemen ungenügend abgebildet. Die entstehenden Defizite müssen durch Beiträge der öffentlichen Hand und Fundraising kompensiert werden. Noch immer benötigen die drei unabhängigen Kinderspitäler, das Kispi ZH, das UKBB und das OKS, jährlich Unterstützung in Millionenhöhe. Den Kinderkliniken in den Erwachsenenspitälern geht es nicht besser. Dort werden Defizite jedoch oft intern quersubventioniert.

Grosse Unterdeckung im ambulanten Bereich

Am grössten ist die finanzielle Unterdeckung im ambulanten Bereich. Schon vor der Einführung des neuen ambulanten Tarifsystems Anfang 2026 war die Situation prekär. Die erhoffte Verbesserung blieb weitgehend aus. Dies ist der Situation im Notfall geschuldet, welcher für die Kinderspitäler zentral ist. Bereits unter Tarmed, dem Vorläufertarifsystem, lag der Deckungsgrad bei tiefen 75 Prozent. Im neuen ambulanten Tarifsystem (bestehend aus Tardoc und ambulanten Pauschalen) hat er sich nochmals verschlechtert. Das strukturelle Defizit der Kinderspitäler und -kliniken lag somit 2025 bei rund 130 Millionen Franken.

Weiteres Ungemach droht durch die Kostenneutralität der Tarifumstellung. Im ambulanten Bereich gilt ein Korridor von maximal 4 Prozent Kostensteigerung pro Jahr. Welche Auswirkungen dies auf die Kinderspitäler und Kinderkliniken haben wird, ist noch offen.

Klar ist hingegen, dass wir es als Gesellschaft nicht zulassen dürfen, dass ausgerechnet die Kindermedizin in den Spitälern, die Bundesrat und Parlament seit Jahren zu verbessern versprechen, weiter finanziell ausblutet. Wir laufen Gefahr, dass immer weniger in die medizinische Versorgung sowie in die Forschung und die ärztliche Aus-, Weiter- und Fortbildung zugunsten der vulnerabelsten Bevölkerungsgruppe investiert wird.

Serge Altmann ist CEO am Ostschweizer Kinderspital.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ

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