Gastbeitrag
Pro Artikel
Die Maschine optimiert Zwecke, der Mensch stiftet Sinn
Wir sollten nicht länger fragen, wie menschenähnlich KI eines Tages werden könnte. Entscheidend ist vielmehr, welche menschlichen Fähigkeiten erst durch sie wieder sichtbar werden.
Mathias Goyen04.11.2026, 05.05 Uhr
3 Leseminuten
Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein?
Sven Hoppe / DPA / Keystone
Seit Beginn der Industrialisierung erleben wir technischen Fortschritt nicht nur als eine Geschichte menschlicher Erfindungskraft, sondern zugleich als eine Geschichte menschlicher Verdrängung. Die Dampfmaschine ersetzte Muskelkraft. Der Computer übernahm Rechenleistung. Algorithmen automatisierten Routinen. Mit jeder technologischen Revolution schien ein weiterer Bereich menschlicher Fähigkeiten entbehrlich zu werden. Mit der künstlichen Intelligenz rückt nun sogar die letzte Bastion in den Blick: das Denken selbst.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Das Missverständnis
Diese Vorstellung beruht jedoch möglicherweise auf einem Missverständnis. Vielleicht erleben wir nicht den Beginn einer Epoche, in der der Mensch an Bedeutung verliert. Vielleicht erleben wir vielmehr den Beginn einer Zeit, in der wir neu entdecken, worin sein eigentlicher Wert liegt. Je intelligenter Maschinen werden, desto drängender wird eine andere Frage: Was bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein?
Wir haben den Menschen lange Zeit vor allem über seine Fähigkeit definiert, Informationen zu verarbeiten. Genau deshalb verunsichert uns die künstliche Intelligenz. Sie zwingt uns zu erkennen, dass wir den Menschen mit einer Fähigkeit verwechselt haben, die Maschinen inzwischen erstaunlich gut beherrschen. Jede neue Technologie scheint einen weiteren Bereich zu erobern, den wir bislang für zutiefst menschlich hielten. Als Schachcomputer Weltmeister schlugen, glaubten viele, Intelligenz lasse sich auf Rechenleistung reduzieren. Heute verfassen Sprachmodelle Texte, bestehen Prüfungen und beantworten komplexe Fragen. Der Schluss scheint zwangsläufig: Wenn Maschinen intelligenter werden, verliert der Mensch an Bedeutung.
Doch dieser Schluss setzt voraus, dass wir intelligentes Funktionieren von Maschinen mit menschlicher Intelligenz gleichsetzen. Unser eigentlicher Irrtum besteht darin, den Wert des Menschen immer dort zu suchen, wo Maschinen ihn früher oder später einholen können. Je leistungsfähiger künstliche Intelligenz wird, desto deutlicher zeigt sich, dass wir den Menschen zu lange mit seiner Fähigkeit zur Informationsverarbeitung verwechselt haben.
Wenn wir Wissen zum Massstab menschlicher Intelligenz machen, können wir gegen die Maschine nur verlieren. Wissen lässt sich speichern, vervielfältigen und in Sekundenbruchteilen verfügbar machen. Muster lassen sich erkennen. Sprache lässt sich erzeugen. Informationen lassen sich verknüpfen. Gerade darin liegt die aussergewöhnliche Leistungsfähigkeit der künstlichen Intelligenz – und zugleich der Grund, warum sie uns fasziniert und verunsichert.
Was den Menschen ausmacht, erschöpft sich nicht im Wissen. Das spezifisch Menschliche beginnt dort, wo sich Denken nicht mehr auf das Verarbeiten vorhandener Informationen reduzieren lässt. Der Mensch entwickelt neue Gedanken, obwohl sie sich aus den verfügbaren Daten nicht zwingend ableiten lassen. Er urteilt, obwohl Informationen unvollständig sind. Er übernimmt Verantwortung für Entscheidungen, deren Folgen sich niemals vollständig berechnen lassen. Vor allem aber besitzt er die Fähigkeit, zwischen dem Machbaren und dem Richtigen zu unterscheiden. Die grösste Leistung der künstlichen Intelligenz besteht nicht darin, den Menschen zu ersetzen, sondern darin, ihn zu zwingen, sein eigenes Selbstverständnis zu überprüfen.
Die Rehabilitierung menschlicher Intelligenz
Über viele Jahrhunderte richtete sich unser Verständnis vom Menschen vor allem nach seiner Fähigkeit, technischen Fortschritt hervorzubringen und Probleme effizient zu lösen. Unsere Bildungs- und Arbeitswelt folgten derselben Logik. Wissen anzuhäufen, Kompetenzen zu erwerben und vorhandene Probleme schneller zu lösen, galt als Voraussetzung für persönlichen und gesellschaftlichen Erfolg.
Solange Wissen knapp war, war dieses Verständnis sinnvoll. Mit der künstlichen Intelligenz verändert sich diese Voraussetzung grundlegend. Wissen wird in einem bisher unvorstellbaren Mass verfügbar. Maschinen lösen immer mehr Aufgaben, die wir lange als Ausdruck menschlicher Intelligenz verstanden haben. Gerade deshalb verschiebt sich die entscheidende Frage. Sie lautet künftig nicht mehr: Was weiss ein Mensch? Sondern: Wie geht er mit dem Wissen um?
Urteilskraft entsteht nicht aus Daten. Verantwortung lässt sich nicht digitalisieren. Weisheit wächst nicht mit der Rechenleistung. Originalität entsteht nicht dadurch, dass vorhandene Informationen immer schneller miteinander verknüpft werden; genau darin bleiben Maschinen uns überlegen. Der Unterschied liegt an anderer Stelle. Die Maschine optimiert Zwecke. Der Mensch stiftet Sinn. Wir sollten deshalb nicht länger fragen, wie menschenähnlich künstliche Intelligenz eines Tages werden könnte. Die entscheidende Frage lautet, welche menschlichen Fähigkeiten erst durch sie wieder sichtbar werden. Künstliche Intelligenz ersetzt die menschliche Intelligenz nicht. Sie rehabilitiert sie.
Mathias Goyen ist Professor für Radiologie und Chief Medical Officer bei GE Health Care.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira