Gadi Eisenkot soll Israel regieren. Aber mit wem?
Der ehemalige Armeechef wurde mit der Regierungsbildung beauftragt. Doch seine Verbündeten streiten darüber, woher die nötige Mehrheit kommen soll. Benjamin Netanyahu kommt das gelegen.
08.11.2026, 13.33 Uhr
4 Leseminuten
Bald schon Ministerpräsident? Der ehemalige Generalstabchef Gadi Eisenkot.
Ariel Schalit / AP
Wo ist Benjamin Netanyahu? In der Wahlnacht hatte Israels Ministerpräsident noch vor seinen Anhängern gesprochen, kurz nach drei Uhr morgens. Danach verschwand er aus der Öffentlichkeit. Keine Auftritte, keine Interviews. Selbst eine Kabinettssitzung liess er sausen. Stattdessen beliess er es bei schriftlichen Botschaften.
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Darin schürte er Zweifel am Wahlergebnis und teilte gegen die politische Konkurrenz aus. Am Samstag dann eine Videobotschaft: Netanyahu warnte, eine Regierung, die sich auf arabische Parteien stütze, werde das Land zerstören. Um Israel zu retten, brauche es jetzt eine Regierung der nationalen Einheit.
Ob Netanyahu eine solche Regierung allerdings selbst anführen wird, ist seit dem Wochenende fraglich. Denn Präsident Yitzhak Herzog will nicht ihn, sondern seinen Herausforderer Gadi Eisenkot mit der Regierungsbildung beauftragen.
Herzog hatte die Parteien vergangene Woche einzeln empfangen und gefragt, wem er den Auftrag geben solle. Für den früheren Generalstabschef hatten sich 67 der 120 Abgeordneten ausgesprochen, für Netanyahu nur 46. Eine Regierung unter Netanyahu aber, so viel steht fest, schliesst Eisenkot aus.
Die nationale Einheit sei zwar ein wichtiger Wert, erklärte Eisenkots Partei Yashar. Netanyahu aber habe die Gesellschaft gespalten und die Israeli gegeneinander aufgehetzt. «Von Einheit spricht er erst jetzt, wo er begreift, dass seine Tage im Amt gezählt sind.»
Eisenkot will stattdessen eine «nationale Notstandsregierung» bilden. Der Notstand ist für ihn nicht zuletzt Netanyahu selbst. Dessen Regierung sei eine Gefahr für die israelische Demokratie und müsse deshalb schnellstmöglich abgelöst werden.
Knapp vier Wochen bleiben Eisenkot nun, um eine Koalition zu bilden. Einfach wird das nicht. Die vier Parteien seines Lagers kommen zusammen auf 48 Sitze, für eine Regierungsmehrheit braucht er 61. Und in der Frage, woher die fehlenden Stimmen kommen sollen, liegen seine möglichen Koalitionspartner weit auseinander.
Streit um arabische Parteien und Ultraorthodoxe
Da wäre etwa Avigdor Liberman, Eisenkots nach Stimmen kleinster, zugleich aber auch schwierigster Verbündeter. Der Chef der konservativen Partei Israel Beitenu will nicht mit arabischen Parteien am Kabinettstisch sitzen.
Zwar hat auch Eisenkot selbst eine solche Koalition bislang abgelehnt. Liberman aber geht noch weiter. Selbst eine Minderheitsregierung, die nur dank der Enthaltung arabischer Abgeordneter ins Amt käme, will er verhindern.
Die arabischen Parteien stünden ihrerseits bereit. Mansur Abbas, Chef der islamisch geprägten Raam, bot sich noch am Wahlabend als Partner an. «Wir sind hier, nicht am Spielfeldrand», sagte er nach Schliessung der Wahllokale. Kurz darauf legte Yussuf Jabarin nach, Vorsitzender der Vereinigten Liste. Wer eine Alternative zu Netanyahu suche, müsse mit seiner Partei reden. Er sei bereit, einen Regierungswechsel zu ermöglichen.
Immerhin, Liberman hat inzwischen ein anderes Tabu gebrochen. Jahrelang wollte er mit den Parteien der Ultraorthodoxen nichts zu tun haben. Nun ist er bereit, mit ihnen zu regieren. Schas und das Vereinigte Thora-Judentum (UTJ) kommen zusammen auf 13 Sitze – genau so viele, wie Eisenkot zur Mehrheit fehlen.
Ihr wichtigstes Anliegen: Junge ultraorthodoxe Männer sollen weiterhin vom Militärdienst befreit bleiben. Ausgerechnet Liberman, der diese Ausnahmen jahrelang bekämpft hat, zeigte sich am Freitag nun offen für «schmerzhafte Kompromisse».
Auch bei den Ultraorthodoxen scheint sich etwas zu bewegen. Das Vereinigte Thora-Judentum hat bei den Gesprächen mit Präsident Herzog weder Netanyahu noch Eisenkot empfohlen. Die Partei hält sich damit die Möglichkeit offen, mit Eisenkot zu verhandeln. Selbst Schas, die vor allem sephardische und orientalische Juden vertritt, scheint Netanyahu nicht mehr bedingungslos die Treue zu halten. Man werde einer Regierung mit dem Vereinigten Thora-Judentum nicht boykottieren, zitierte der Kanal 12 einen Parteivertreter.
Libermans Kehrtwende wirft allerdings gleich das nächste Problem auf. Denn Yair Golan, Chef der linken Demokraten, will von solchen Ausnahmen nichts wissen. Eine Koalition mit den Frommen schliesst er zwar nicht aus. Doch bei der Wehrpflicht müssten sie nachgeben. «Wir stellen keinen Blankoscheck aus», sagte Golan. Auch Eisenkot hält an seiner Forderung fest: Künftig sollen alle Israelis Militär- oder einen anderen Dienst leisten.
Schwere Vorwürfe gegen Netanyahu
Der Druck auf Eisenkot ist gross, den Streit im eigenen Lager beizulegen. Scheitert er, könnte Herzog einen anderen Politiker mit der Regierungsbildung beauftragen. Netanyahu bliebe als geschäftsführender Ministerpräsident im Amt.
Genau das will Eisenkot verhindern. Ein Regierungschef ohne parlamentarische Mehrheit dürfe nicht weiter den Sicherheitsapparat und die Strafverfolgungsbehörden kontrollieren. «Nicht einen einzigen Tag länger», schrieb er am Freitag.
Nicht zuletzt die Schlagzeilen der vergangenen Wochen treiben ihn um. So behauptete Netanyahu, die arabischen Parteien hätten die Wahl «gestohlen», Stimmen seien mit Geld aus dem Ausland gekauft worden. Eisenkot sieht darin den Versuch, das Wahlergebnis zu delegitimieren.
Damit nicht genug. Laut dem israelischen Sender Channel 12 soll Netanyahu kurz vor der Wahl eine militärische Aktion gegen Iran vorangetrieben haben. Hochrangige Sicherheitsvertreter befürchteten, eine Eskalation könne zur Verschiebung der Wahl führen. Die Amerikaner stoppten das Vorhaben schliesslich, berichtet der Sender. Netanyahus Büro bestreitet die Darstellung.
Nach vier Jahren Netanyahu-Regierung und drei Jahren Krieg sitzt das Misstrauen der Opposition gegenüber dem Ministerpräsidenten und seinen Verbündeten tief. Netanyahu quittierte Herzogs Ankündigung zunächst mit Schweigen. Nach seiner Videobotschaft vom Samstag verschwand er schon wieder von der Bildfläche.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Johannes Bockenheimer
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