Fussball im exzessiven VIP-Bereich: Das Gezänk um die Vergütungen Gianni Infantinos gibt Einblick in die entrückte Fifa-Welt
Das intransparente Salär ihres Präsidenten treibt die Fifa um. Interne Papiere deuten darauf hin, dass der reiche Verband wieder mehr zum Selbstbedienungsladen geworden ist.
04.11.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Der Fifa-Präsident Gianni Infantino: Sein Millionenlohn und zahlreiche Privilegien werfen Fragen zur Transparenz im Weltverband auf.
Kim Kyung-Hoon / Reuters
Als der damals unscheinbare Walliser Gianni Infantino im Februar 2016 die Spitze des Weltfussballverbands (Fifa) erklomm, hielt er ungläubig die Hände vor das Gesicht. Kaum hatte er sich wieder gefasst, versprach er im Zürcher Hallenstadion eine «neue» Fifa. Man werde das Image und den Respekt wiederherstellen, rief er. Eindringlich zu hören war auch: «Transparenz».
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Verdeckte Millionenzahlungen an Fifa-Funktionäre? Kaschierte WM-Boni von um die 10 Millionen? Nein. Nie wieder. Die Fifa-Krise, die eine ganze Reihe Funktionäre wegspülte, hinterliess damals tiefe Furchen.
Zehn Jahre später befindet sich die Fifa im permanenten Abwehrkampf. Zahlen müssen erklärt und zurechtgebogen werden. Zusätzliche Lohnbestandteile des Präsidenten in Millionenhöhe, vom Arbeitgeber übernommene Steuern in den USA, Annehmlichkeiten in der An- und Abreise von WM-Spielen, Verhätschelung in WM-Stadien, wo VIP-Zonen nicht gut genug sind. Es müssen die VVIP-Zonen sein, also ein V mehr, maximale Exklusivität. Auch für Angehörige und Berater.
Die Fifa übernimmt für Infantino 4 Millionen Steuern
Jüngst haben «Le Monde» und die «New York Times» frischen Stoff geliefert. Es ist davon auszugehen, dass die Informationen aus dem innersten Fifa-Zirkel stammen. Da ist offenbar ein Fass übergelaufen.
Zum einen steigt parallel zum (WM-)Milliardenerlös das Salär des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Das muss immer wieder neu zusammengerechnet werden, weil im Jahresbericht Zusatzzahlungen nicht publiziert sind. Laut den Fifa-Berichten verdiente Infantino 2024 4,25 und 2025 4,8 Millionen Schweizerfranken. Dazu addiert sich ein jährlicher, nicht klar deklarierter Millionenbetrag für in den USA geleistete Dienste. Neuerdings ist öffentlich geworden, dass die Fifa in den letzten Jahren auch die Steuerlast für Infantino in den USA übernommen hat. Das sind nochmals ungefähr 4 Millionen Dollar.
Die verwirrenden Rechenspiele haben einen unangenehmen Geruch. Von Offenheit zeugen sie nicht. Sie laden vielmehr zum Versteckspielen ein und erweitern die Angriffsfläche. 2016 und das Stichwort Transparenz sind Lichtjahre weg.
Neben dem Salär steht die Unabhängigkeit der Kommission für Governance Audit und Compliance zur Debatte. Sie winkt alles durch. Kürzlich wurde zum Beispiel der Passus gestrichen, wonach dem Präsidenten «keine Prämien» zustehen.
Geleitet wird die Kommission vom Schweizer Bruno Chiomento, einem erfahrenen Buchprüfer, der Infantino nahesteht. Er äussert sich nicht. Auch das schafft kein Vertrauen. Chiomento ist auch jene Person, die über die Entlöhnung Infantinos wacht – oder wachen sollte. Während Chiomento schweigt, versucht die Fifa-Medienstelle die Rechtmässigkeit der Vorgänge hervorzustreichen. Wenn Chiomento unterschreibt, hat er unterschrieben. Niemand ist über die Jahre eingeschritten. Auch der Fifa-Council nicht.
Die Leaks aus dem Innern der Fifa malen ein Sittengemälde aus einer Sphäre, die zu hinterfragen ist, egal, wie viel der Chef einstreicht. (WM-)Fussball bedeutet Milliardenerlös. Im Gesetz steht, dass der von den Verbänden weitgehend in den weltweiten Fussball zurückfliessen soll. Da wollen die Funktionäre nicht hinten anstehen. Auch sie wollen ein Stück vom dicken Kuchen.
Die Fifa bezahlt Schulgeld für die Kinder Infantinos
Verhandelt werden der Luxus und die Frage, wie viel Luxus die Fifa wem bezahlt. Es geht um Suiten im obersten Segment von Luxushotels, um «angemessene Unterkünfte» in der Nähe der Fifa-Zentralen in Zürich, Miami, Paris, Jakarta und New York. Um die Einladung von Familie, Freundinnen und Freunden in die VIP- oder VVIP-Zonen der WM-Arenen, um Personenschutz, um Fahrzeuge und Fahrdienste auch für Familienmitglieder; um die Übernahme von Schulgeld für die Töchter von Infantino bis zum 25. Altersjahr.
Die Tendenz zu mehr finanziellem Wohlwollen hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Allein mit dem WM-Reibach zu erklären ist sie nicht. Der Wohlstand greift um sich. Und mit ihm das Streben nach immer mehr, weil niemand Schaden nimmt, wenn mehr Geld verteilt wird.
Die Fifa schafft es nicht, den Vorwurf aus der Welt zu argumentieren, dass in ihrem Haus die Kontrollmechanismen ausgehebelt seien. Die Sache ist auch deshalb komplex, weil die USA und die Schweiz betroffen sind. Zwei Länder, zwei Arbeits- und Wohnorte, zwei Steuerbehörden und zwei Währungen.
Ein Beispiel: Laut der «New York Times» soll die jährliche Entlöhnung Chiomentos kürzlich von 250 000 Dollar in 250 000 Schweizerfranken umgewandelt worden sein. Zirka 50 000 Dollar Währungsgewinn. Bei anderen Kommissionsmitgliedern habe man davon abgesehen.
Der Fussball schenkt ein – auch für Beratungsstellen
Wer in die Enge getrieben wird, lenkt irgendwann von der Kritik ab, indem er auf Fehler anderer zeigt. So ist aus der Fifa zu hören, dass andere Institutionen ähnlich handelten, gerade in Bezug auf Arbeitnehmer, die teilweise im Ausland arbeiten oder weltweit unterwegs sind. Natürlich muss auch Aleksander Ceferin, der Präsident des europäischen Fussballverbandes (Uefa), nicht darben. Aber wenn nebst seinem Jahreslohn von 3,25 Millionen Euro vermerkt ist, dass er «keinen Anspruch auf Bonuszahlungen» habe, tauchen kaum weitere Millionen auf.
Gestützt wird das Fifa-System der direkten und indirekten Geldverteilung an die Chefangestellten nicht nur vom Compliance-Vorsitzenden Chiomento, sondern auch von aussenstehenden Juristen und Beratern. Sie helfen Infantino und wirken auf Chiomento ein. Sie arbeiten nicht für 100 Schweizerfranken pro Stunde. Fussball ist ein einträgliches Geschäft. Für die Fussballer, für die Funktionäre. Und für Anwaltskanzleien sowie Beratungsagenturen. Umso mehr, wenn sich im Hinblick auf die Fifa-Präsidenten-Wahl im März 2027 zwei Begüterte bekämpfen. Die Milliarden-Uefa greift an, die Milliarden-Fifa versucht abzuwehren.
An fehlendem Geld scheitert das zähe und teure Ringen nicht.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter B. Birrer
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