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Frankreichs Krise macht die Finanzmärkte nervös. Eilt die EZB zu Hilfe?

Für Paris sind die Kosten für den Schuldendienst so hoch wie seit 2002 nicht mehr. Schon in der Vergangenheit haben die Währungshüter hochverschuldeten Staaten unter die Arme gegriffen.

28.10.2026, 05.30 Uhr

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Die EZB-Chefin Christine Lagarde und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Gipfeltreffen in Brüssel im Jahr 2025: Kommt die EZB dem strauchelnden Land im Notfall zu Hilfe?

Die EZB-Chefin Christine Lagarde und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bei einem Gipfeltreffen in Brüssel im Jahr 2025: Kommt die EZB dem strauchelnden Land im Notfall zu Hilfe?

François Walschaerts / Reuters

Mit Spannung beobachten Marktteilnehmer diese Woche, ob die Europäische Zentralbank (EZB) auf die politische und wirtschaftliche Krise in Frankreich reagieren wird. Der Notenbankrat trifft sich am Donnerstag zu seiner turnusmässigen Sitzung. Angesichts der stark wachsenden Staatsschulden Frankreichs, des viel zu hohen Haushaltsdefizits und der massiven Ausschreitungen bei Demonstrationen ist die Nervosität an den Finanzmärkten in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen.

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Mit 5,08 Prozent erreichten die Renditen für zehnjährige französische Staatsanleihen vor kurzem den höchsten Stand seit 2002. Zugleich kletterte ihre Renditedifferenz zu deutschen Bundesanleihen gleicher Laufzeit kurzzeitig auf 1,74 Prozentpunkte. Das war der höchste Wert seit der Euro-Schuldenkrise. Die deutschen Bundesanleihen gelten als besonders sicher und sind daher der Benchmark für europäische Staatsobligationen.

Präsidentschaftswahlen erhöhen die Unruhe

Im April 2027 finden in Frankreich die nächsten Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Im Rennen um die Nachfolge haben es gemässigte Kandidaten laut den jüngsten Umfragen schwer.

«Der Auslöser des Renditeanstiegs war, dass der sozialistische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon in Umfragen zugelegt hatte und es eine Stichwahl zwischen ihm und Marine Le Pen vom rechtsgerichteten Rassemblement national geben könnte», sagt Josef Helmes, Investment Director bei der britischen Anlagegesellschaft Aberdeen Standard Investments. Mit Le Pen als Präsidentin könnten die Märkte leben, sie habe sich in den letzten Jahren gemässigt. Mélenchon hingegen sei ein finanzpolitisch extremer Sozialist mit radikaler Rhetorik. Das mache die Finanzmärkte nervös.

Für etwas Entspannung sorgte jüngst, dass die Rating-Agentur Moody’s die Kreditwürdigkeit von Frankreich nicht herabgestuft hat, anders als es Marktteilnehmer zuvor befürchtet hatten. Der Ausblick für die Bonität bleibt jedoch aus Sicht der Rating-Experten «negativ».

Der Entscheid sorgte zum Wochenstart für leicht sinkende Staatsanleiherenditen. Dennoch ist die französische Haushaltslage so prekär, dass französische Grosskonzerne wie L’Oréal und LVMH derzeit günstiger an neue Kredite kommen als der Staat selbst. Mehr als einen halben Prozentpunkt mehr muss die Regierung beim Zins für eine zehnjährige Anleihe zahlen. Normalerweise müssen Unternehmen für Kredite höhere Zinsen bezahlen als die Staaten, in denen sie ihren Sitz haben.

Lagarde dürfte wohl abwarten

Finanzmarktteilnehmer gehen davon aus, dass sich die EZB-Chefin Christine Lagarde vorerst zurückhaltend zur Lage in ihrem Heimatland äussern werde. Mit einem aktiven Eingreifen der Währungshüter in der laufenden Woche rechnen Beobachter nicht, da die EZB vermutlich den Druck auf Frankreich hoch halten wolle, die politische und wirtschaftliche Krise selbst zu lösen. Laut Helmes von Aberdeen wird die EZB erst intervenieren, wenn die Differenz bei 2 bis 2,5 Prozentpunkten liegt.

Trotz der leichten Entspannung in den vergangenen Tagen könnte sich die Lage in Paris schnell wieder ändern: Präsident Emmanuel Macron hat keine Mehrheit im Parlament, und die Oppositionsparteien haben ein halbes Jahr vor den Wahlen kein Interesse daran, die Regierung zu unterstützen und den Bürgern unbeliebte Sparprogramme zuzumuten.

«Eine französische Fiskalkrise droht sich rasch zu einer systemischen europäischen Finanzkrise auszuweiten», sagt Stefan Gerlach, Chefökonom bei der Bank EFG in Zürich und in den Jahren 2011 bis 2015 stellvertretender Gouverneur der irischen Notenbank, warnend. Die EZB müsse dann entscheiden, ob sie eingreife, um eine Krise im Finanzsystem zu verhindern, meint er.

EZB mit mehreren Optionen zum Eingreifen

Entsprechend könnte Lagarde am Donnerstag einen ersten Schritt andeuten. «Wir gehen davon aus, dass sie wiederholen wird, dass die EZB die Märkte genau beobachtet und über die Instrumente verfügt, um ungeordneten Marktentwicklungen entgegenzuwirken, wobei sie zugleich betonen wird, dass der Einsatz dieser Instrumente an Bedingungen geknüpft ist», schreibt Jan von Gerich, Analyst bei der Bank Nordea.

Die EZB hat mehrere Möglichkeiten, Frankreich zu unterstützen, wenngleich die hohe Inflation in der Euro-Zone von derzeit 3,8 Prozent ihren Handlungsspielraum für expansive geldpolitische Massnahmen einschränkt. Als mildeste Aktion könnten EZB-Vertreter im Hinblick auf weitere Zinserhöhungen einen etwas zurückhaltenderen Ton anschlagen. Dies ist bereits geschehen. Für Donnerstag erwarten Marktteilnehmer nach zwei Zinsschritten in diesem Jahr keine Zinserhöhung, sondern erst für Dezember.

Sollte eine schärfere Wortwahl nicht reichen, könnte die EZB direkt am Markt für Staatsanleihen intervenieren. Eine erste Möglichkeit wäre, das Engagement der EZB nicht mehr wie derzeit praktiziert auslaufen zu lassen, sondern die Gelder aus fällig werdenden früheren Staatsanleihekaufprogrammen wieder zu reinvestieren, möglicherweise mit einem Schwerpunkt bei französischen Staatsanleihen. Damit würde die Notenbank den Abbau ihrer Bilanz einstellen.

Erst wenn das alles nichts helfen sollte, könnte sie in Erwägung ziehen, das am Anfang der Corona-Pandemie beschlossene Staatsanleihekaufprogramm Transmission Protection Instrument (TPI) zu aktivieren.

Dazu wären jedoch Verrenkungen nötig, denn Frankreich erfüllt die Bedingungen zur Aufnahme in das TPI derzeit nicht. Verlangt wird unter anderem, dass ein Land nicht einem EU-Verfahren wegen eines übermässigen Defizits unterliegt. Im Falle Frankreichs ist eines seit 2024 hängig.

Griechenland als Präzedenzfall

Mit seiner Ankündigung während der Griechenland-Krise 2012, alles zu unternehmen, um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion zu verhindern, hat der damalige EZB-Präsident Mario Draghi die Erwartung geschürt, dass die Notenbank im Ernstfall einschreiten werde, um den Zahlungsausfall eines Euro-Mitgliedstaates zu verhindern.

Diese Grundannahme vieler Anleger wurde im März 2020 noch verstärkt, als die EZB inmitten der Finanzmarktunruhen nach Ausbruch der Corona-Pandemie zugunsten des damaligen Sorgenkinds Italien intervenierte, um den Anstieg der Bondrenditen zu dämpfen.

Sollte sich die finanzpolitische Lage in Frankreich weiter verschärfen, «besteht kein Zweifel», dass die EZB dem angeschlagenen Land aus der Patsche helfen werde, meint Robin J. Brooks, Wirtschaftsexperte der Brookings Institution in Washington. «Sie betrachtet Schuldenkrisen als eine Bedrohung für ihre eigene Existenz.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Rasch, Catherine Bosley

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