Frankreich sucht die Schuldigen für die Krawalle

Mit Ausgangssperren, verstärkter Polizeipräsenz und zahlreichen Strafverfahren reagiert Frankreich auf die Ausschreitungen vom 17. Oktober. Regierung und Linke streiten heftig über die Schuld an den Gewaltexzessen.

21.10.2026, 17.00 Uhr

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Demonstranten protestieren in Paris teilweise gewaltsam gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Landesweit gingen am 17. Oktober mehr als eine halbe Million Menschen auf die Strasse.

Demonstranten protestieren in Paris teilweise gewaltsam gegen die hohen Lebenshaltungskosten. Landesweit gingen am 17. Oktober mehr als eine halbe Million Menschen auf die Strasse.

Firas Abdullah / Imago

Es ist ruhiger geworden in Frankreich. Erneut hatte die Polizei in der Nacht zu Mittwoch in mehreren Grossstädten örtlich begrenzte Ausgangssperren verhängt. In Paris patrouillierten Polizisten und Gendarmen unter anderem rund um die Place de la République und im Einkaufsviertel Les Halles, während ein Helikopter über dem Stadtzentrum kreiste und die Strassen mit einem Suchscheinwerfer ausleuchtete.

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Doch schon für das kommende Wochenende wird sich das Land auf neue Massenproteste einstellen müssen. Die wiederbelebte Gelbwesten-Bewegung hat für den 24. Oktober zu einem «zweiten Akt» der Mobilisierung aufgerufen. Der französische Premierminister Sébastien Lecornu kündigte deshalb am Dienstag bei einer Fragestunde in der Nationalversammlung ein massives Polizeiaufgebot an.

Soldaten der Terrorabwehr im Einsatz

Dabei sollen auch Soldaten der Operation «Sentinelle» eingesetzt werden. Die ursprünglich zur Terrorabwehr geschaffene Militäroperation war bereits im Frühjahr 2019 nach schweren Ausschreitungen der Gilets Jaunes mobilisiert worden, um öffentliche Gebäude zu bewachen. Frankreichs angezählter Innenminister Laurent Nuñez erklärte, dass die Polizei dadurch mehr Kräfte zur Verfügung haben werde und flexibler gegen Randalierer und Plünderer vorgehen könne.

Lecornu und vor allem Nuñez stehen unter erheblichem Druck. Bei den Ausschreitungen vom vergangenen Samstag verlor die Polizei vielerorts die Kontrolle. Die Behörden hatten die Zahl der Demonstranten unterschätzt. Zudem waren viele Einheiten an feste Standorte gebunden und konnten deswegen gegen Chaoten andernorts nicht schnell genug eingreifen. Nuñez, der frühere Polizeipräfekt von Paris, räumte das Versagen ein und bot Präsident Emmanuel Macron seinen Rücktritt an. Doch Macron lehnte ab. Die Führung der Sicherheitskräfte müsse in der angespannten Lage gewährleistet bleiben, hiess es aus dem Élysée-Palast.

Auch am Tag nach den Massenprotesten brannten in Paris noch Barrikaden. Polizisten in schwerer Schutzausrüstung sicherten am vergangenen Sonntag die Strassen im Stadtzentrum.

Auch am Tag nach den Massenprotesten brannten in Paris noch Barrikaden. Polizisten in schwerer Schutzausrüstung sicherten am vergangenen Sonntag die Strassen im Stadtzentrum.

Abdul Saboor / Reuters

Unterdessen kommen die Ermittlungen gegen die mutmasslichen Gewalttäter vom 17. Oktober voran. Am Dienstag wurde in der Nähe von Limoges in Zentralfrankreich ein 34 Jahre alter Mann festgenommen, der verdächtigt wird, an der Brandstiftung im historischen Rathaus von Limoges beteiligt gewesen zu sein. Die Bilder des brennenden Gebäudes, dessen Glockenturm einstürzte, sind zu einem der Symbole der Krawalle geworden.

Ein Bild der Verwüstung: das bei den Ausschreitungen in Brand gesetzte historische Rathaus von Limoges nach dem Feuer. Der mutmassliche Brandstifter kommt aus der autonomen Szene.

Ein Bild der Verwüstung: das bei den Ausschreitungen in Brand gesetzte historische Rathaus von Limoges nach dem Feuer. Der mutmassliche Brandstifter kommt aus der autonomen Szene.

Clotaire Achi / Reuters

Bei dem Verdächtigen handelt es sich um Hodei C. D., einen polizeibekannten Aktivisten der autonomen Szene. Der Mann ist als Gefährder registriert und soll mehrfach durch Gewalt gegen Amtsträger aufgefallen sein. Nach Angaben des «Figaro» soll er sich auch an Aktionen der linksradikalen Umweltbewegung Les Soulèvements de la Terre beteiligt haben. Die Gruppe kämpft gegen industrielle Grossprojekte und schreckt dabei auch vor Sabotageaktionen nicht zurück.

Spur führt in die autonome Szene

Die Festnahme lenkt den Blick auf die autonome Szene im Umland von Limoges. Besonders das Plateau de Millevaches, eine dünn besiedelte Hochebene im französischen Zentralmassiv, gilt als Rückzugsort militanter Aktivisten, die seit Jahren von den Nachrichtendiensten beobachtet werden. Der konservative Bürgermeister von Limoges, Guillaume Guérin, hatte bereits in der Brandnacht Anarchisten aus diesem Milieu hinter dem Anschlag vermutet. Dass Gruppen vom Plateau de Millevaches an dem Brandanschlag beteiligt waren, ist bis jetzt allerdings nicht nachgewiesen.

Wer trägt noch Schuld an den Ausschreitungen? Neben militanten Gruppen der Ultralinken macht die Regierung auch die Partei La France insoumise (LFI) von Jean-Luc Mélenchon für das Ausmass der Gewalt mitverantwortlich. Nuñez warf der Partei am Dienstag im Parlament vor, durch die Unterstützung radikaler Gruppen «Öl ins Feuer gegossen» zu haben. Als Beispiel nannte er den LFI-Abgeordneten Raphaël Arnault, der die inzwischen aufgelöste Antifa-Gruppe Jeune Garde mitgegründet hatte.

Ein Demonstrant bahnt sich auf den Champs-Élysées in Paris seinen Weg durch Tränengas. Bei den Protesten kam es zu schweren Zusammenstössen mit der Polizei.

Ein Demonstrant bahnt sich auf den Champs-Élysées in Paris seinen Weg durch Tränengas. Bei den Protesten kam es zu schweren Zusammenstössen mit der Polizei.

Stephanie Lecocq / Reuters

Ein Bericht des linken Investigativmediums «Mediapart» stellt diese Darstellung allerdings infrage. Das Portal veröffentlichte am Montag interne Nachrichten eines Kommissars des französischen Polizeinachrichtendienstes. Darin beklagt sich der Beamte darüber, dass seine Vorgesetzten verlangt hätten, LFI als treibende Kraft hinter der Protestbewegung zu benennen. Diese Behauptung sei jedoch nach seiner Einschätzung «objektiv falsch». Der Kommissar vermute, so berichtete «Mediapart», dass hinter der Anweisung politischer Druck stehe.

LFI nahm die Vorlage auf und sprach von einem «Staatsskandal». Ihr Abgeordneter Manuel Bompard warf der Regierung vor, die Schuld an den Ausschreitungen der Linken zuschieben zu wollen, um das eigene Versagen zu kaschieren. Er kündigte an, Nuñez wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch anzuzeigen. Der Innenminister reagierte empört: «Die Nachrichtendienste dieses Landes befassen sich nicht mit politischen Parteien.» Die Vorwürfe seien nichts als ein «Ablenkungsmanöver».

Gewalttäter keine homogene Gruppe

Gérald Darmanin, der französische Justizminister, hatte eine «äusserst harte» Reaktion der Justiz gegen die Randalierer angekündigt. Nach seinen Angaben waren bis Mittwoch rund 2500 Personen in Polizeigewahrsam genommen und 917 von ihnen den Strafverfolgungsbehörden überstellt worden. Bereits am Dienstag wurden in Paris, Lyon und Marseille die ersten Angeklagten im Schnellverfahren abgeurteilt. Dabei zeigte sich, dass längst nicht alle Festgenommenen demselben Milieu angehören.

Ein vermummter Demonstrant versucht auf der Place de la République in Paris, eine Tränengasgranate wegzutreten. Mehr als 900 mutmassliche Gewalttäter wurden inzwischen der Justiz überstellt.

Ein vermummter Demonstrant versucht auf der Place de la République in Paris, eine Tränengasgranate wegzutreten. Mehr als 900 mutmassliche Gewalttäter wurden inzwischen der Justiz überstellt.

Stephanie Lecocq / Reuters

Neben militanten Aktivisten der Ultralinken waren unter ihnen Studenten, junge Männer aus den Banlieues und Gelegenheitsplünderer, die das Chaos für Diebstähle nutzten. In Lyon wurde etwa ein 29 Jahre alter, aus Marokko stammender Obdachloser zu 16 Monaten Haft verurteilt. Er war mit gestohlener Motorradausrüstung im Wert von mehr als 2300 Euro aufgegriffen worden. In Paris standen unter anderem zwei Familienväter mit nordafrikanischer Herkunft vor Gericht, die im Kaufhaus Printemps Luxuskleidung gestohlen haben sollen.

Die Urteile fielen allerdings unterschiedlich hart aus. Während in Lyon mehrere Angeklagte ins Gefängnis mussten, kamen zahlreiche Beschuldigte in Paris mit Bewährungsstrafen davon. Einige der Verteidiger beklagten den politischen Druck auf die Justiz und warnten vor überhasteten Verfahren, wie «Le Monde» berichtete.

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Drei Tage nach den schweren Krawallen trägt Paris noch die Spuren der Gewalt. Doch an den Universitäten ist von Resignation wenig zu spüren. Die Studenten wollen weiterkämpfen – und träumen bereits von einer anderen Gesellschaft.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth

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