Frankreich stuft einen Mordfall erstmals als rechtsextremen Terror ein

Ein 53-jähriger Franzose erschiesst einen Einwanderer in Südfrankreich und ruft zu Gewalt auf. Die Behörden stufen das Verbrechen als rassistisch motivierten Terroranschlag ein.

Daniel Steinvorth, Paris29.10.2026, 13.43 Uhr

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Aktualisiert


In Frankreich konzentrierten sich die Anti-Terror-Ermittlungen bisher auf islamistisch motivierte Gewalt

In Frankreich konzentrierten sich die Anti-Terror-Ermittlungen bisher auf islamistisch motivierte Gewalt

Abdul Saboor / Reuters

Nach dem tödlichen Anschlag auf einen 45-jährigen Tunesier in Südfrankreich hat die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft des Landes erstmals Ermittlungen in einem Mordfall mit rechtsextremem Hintergrund aufgenommen.

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Christophe B., ein 53-jähriger Metallbauer und Sportschütze, hatte seine Tat auf seinem Facebook-Konto angekündigt und sie mit rassistischen und gewaltverherrlichenden Parolen begründet. Französische Medien berichten, er habe in einem seiner Videos die Franzosen zum «Aufstand» und zur «Erschiessung» von Menschen ausländischer Herkunft, insbesondere von Nordafrikanern, anstacheln wollen.

Hassbotschaften auf Facebook

Die Tat ereignete sich am Samstag in der Kleinstadt Puget-sur-Argens im südostfranzösischen Département Var. Christophe B. hatte am späten Abend das Feuer auf zwei seiner Nachbarn eröffnet. Hichem Miraoui, ein 45-jähriger Coiffeur mit tunesischer Staatsangehörigkeit, wurde dabei durch fünf Schüsse tödlich verletzt. Ein zweites Opfer, ein 34-jähriger Mann türkischer Herkunft, erlitt eine Schussverletzung an der Hand. Anschliessend floh der Täter mit dem Auto, er stellte sich jedoch noch in der Nacht, nachdem seine Partnerin die Polizei verständigt hatte.

Da sich B. und Miraoui gut kannten, war zunächst von einem eskalierten Nachbarschaftsstreit ausgegangen worden. Wegen der offenen Aufrufe zur Gewalt und der politischen Parolen des Täters aber schaltete sich am Montag die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ein.

B. hatte in einem seiner Videos Migranten, Muslime und politisch Linke als des Lebens nicht würdig beschimpft und seine Follower zu einem «Krieg» gegen den angeblichen «Verfall der Nation» aufgerufen. Er selbst sei bereit, «für Frankreich zu sterben», sagte er. In einer späteren Aufnahme, offenbar aufgenommen kurz nach der Tat in seinem Auto, wirkt der Täter aufgewühlt und spricht davon, seine «Seele beschmutzt» zu haben. Wegen «all des Abschaums, all des Drecks» sei er ausgerastet.

Zugleich äusserte der Täter die Hoffnung, dass sich mit einem Wahlsieg des rechtsnationalen Rassemblement national die Dinge noch zum Besseren wenden könnten. Auf seiner Facebook-Seite hatte B. Reden von Marine Le Pen geteilt und zur Wahl ihrer Partei aufgerufen. Der Parteichef Jordan Bardella wies am Dienstag jede Vereinnahmung durch den Täter entschieden zurück: Der rassistisch motivierte Mord habe Frankreich empört, schrieb Bardella auf X. Die Behörden müssten die «unfassbare Tat» vollständig aufklären, um über den Täter, welcher ein potenzieller Terrorist sei, ein «exemplarisches Urteil» verhängen zu können.

Dass der sogenannte Parquet national antiterroriste einen Terroranschlag als rechtsextrem motiviert einstuft, ist eine Premiere in Frankreich. Seit ihrer Gründung 2019 hatte sich die Behörde nach der beispiellosen Terrorwelle von Jihadisten im Land vor allem auf islamistisch inspirierte Gewalt konzentriert.

Ethnisch homogenes Frankreich

Bei der Einstufung einer Mordtat als terroristisch gelten hohe Hürden: Es müssen klare politisch-ideologische Motive vorliegen, etwa Umsturzphantasien, und der Anschlag muss gezielt und geplant sein. Mutmasslich rassistische Gewalttaten wurden bis anhin zumeist als Einzelfälle oder Amokläufe bewertet. Auch der Mord an einem muslimischen Einwanderer Ende April in der südfranzösischen Ortschaft La Grand-Combe, verübt von einem psychisch auffälligen Täter, fiel nicht ins Raster der Anti-Terror-Gesetzgebung.

Im Fall von Christophe B., der seine Tat öffentlich angekündigt und ideologisch begründet hatte, sehen die Ermittler diese Voraussetzungen dagegen erfüllt. Auch dass er den Anschlag filmte und damit Propaganda betrieb, gilt als Indiz.

Zu einer organisierten Gruppe hat sich der Sportschütze nicht bekannt. Laut Angaben der Ermittler hatte es der Tatverdächtige aber gezielt auf Muslime und Afrikaner abgesehen. Der 39-Jährige habe eingeräumt, vorsätzlich gehandelt und nach seinen Worten Personen «mit muslimischem oder afrikanischem, nordafrikanischem Aussehen» ins Visier genommen zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Steinvorth, Paris

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