Der Pharmakonzern muss fast zwei Milliarden Dollar abschreiben, weil ein potenzielles neues Präparat nicht die gewünschte Wirkung gezeigt hat. Der Firmenchef spielt den Misserfolg herunter. Viele Marktbeobachter sind aber skeptisch.

27.10.2026, 15.53 Uhr

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Novartis hat sich zu viel von einem neuen Wirkstoff versprochen, den er im Rahmen einer milliardenteuren Übernahme in den USA erwarb.

Novartis hat sich zu viel von einem neuen Wirkstoff versprochen, den er im Rahmen einer milliardenteuren Übernahme in den USA erwarb.

Georgios Kefalas / Keystone

Es war ein herber Rückschlag für Novartis, und er schmälerte den Aktienkurs des Pharmakonzerns an zwei Handelstagen um insgesamt fast 14 Prozent. Auslöser für den Kurssturz waren zwei potenzielle neue Medikamente, die in der späten klinischen Entwicklung nicht die gewünschte Wirkung zeigten.

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Knapp zwei Monate danach scheint das Unheil für manche Investoren aber schon vergessen zu sein. Gewisse Anleger sahen die Verluste offenbar als Gelegenheit, um zu tieferen Kursen bei Novartis einzusteigen. Am Dienstagnachmittag notierte der Aktienkurs von Novartis bei 127.86 Franken und damit nur noch geringfügig unter dem Niveau vor dem Kurssturz von Anfang September.

Kein Köpferollen in der Forschungsabteilung

Vas Narasimhan, der Chef des Pharmakonzerns, sprach gleichentags an einer Telefonkonferenz zum jüngsten Quartalsabschluss von einer «vielleicht übertriebenen Reaktion». Dass es in klinischen Studien zu Rückschlägen komme, sei ein normaler Vorgang für einen Medikamentenhersteller. Man sehe vor diesem Hintergrund auch keine Notwendigkeit für personelle Konsequenzen in der Forschungsabteilung.

Vas Narasimhan, CEO von Novartis.

Vas Narasimhan, CEO von Novartis.

PD

Der eine Flop in der Entwicklung kommt Novartis nun gleichwohl teuer zu stehen. Im dritten Quartal verbuchte das Unternehmen auf dem Wirkstoff Del-desiran einen Abschreiber von 1,9 Milliarden Dollar. Die Wertberichtigung führte dazu, dass der Gewinn in der Berichtsperiode gegenüber dem Vorjahr um 70 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar einbrach. In den ersten neun Monaten erreichte der Rückgang 34 Prozent auf 7,6 Milliarden Dollar.

Novartis hatte den Wirkstoff, der gegen eine vererbte Muskelerkrankung erprobt wurde, erst im vergangenen Februar im Rahmen der Akquisition des amerikanischen Biotechnologieunternehmens Avidity Biosciences erworben. Der Zukauf kostete den Pharmahersteller insgesamt 12 Milliarden Dollar und war der bisher grösste in der Konzerngeschichte. Narasimhan, der seit 2018 an der Unternehmensspitze steht, glaubt, trotz dem hohen Abschreiber keinen Fehlgriff getätigt zu haben. Man sei dank Avidity zu drei potenziellen neuen Medikamenten gekommen. Daraus ergebe sich die Chance auf eine «enorme Wertsteigerung».

Umsatz stagniert wegen starker Konkurrenz durch Generika

In den ersten neun Monaten erreichte der Umsatz von Novartis 42 Milliarden Dollar und stagnierte damit in Lokalwährungen. Der Konzern kämpft mit einem Einnahmenrückgang bei der Vermarktung seines langjährigen Umsatzrenners Entresto. In den ersten drei Quartalen brach der Umsatz dieses Herzmedikaments, das den Patentschutz verloren hat, um fast die Hälfte auf 3,7 Milliarden Dollar ein.

Trotz dem stagnierenden Konzernerlös im bisherigen Jahresverlauf hält die Geschäftsführung von Novartis an ihrer Prognose für das Gesamtjahr fest. Der Gesamtumsatz soll in Lokalwährungen weiterhin um einen niedrigen einstelligen Prozentsatz steigen. Der Novartis-Chef betonte zugleich, dass auch die Mittelfristprognose ungeachtet der jüngsten Ereignisse ihre Gültigkeit behalte. Für den Zeitraum von 2025 bis 2030 hat sich die Konzernleitung vorgenommen, jährlich ein durchschnittliches Wachstum von 5 bis 6 Prozent auszuweisen.

Hohe Erwartungen an neues Medikament gegen MS

In der Basler Firmenzentrale vertraut man darauf, dass eine Reihe neuerer Medikamente den Einnahmenrückgang wegen des Verlusts von Patenten mehr als ausgleichen kann. Ein zentraler Hoffnungsträger ist der Wirkstoff Remibrutinib. In Studien der abschliessenden Phase 3 überzeugte er bei der Behandlung der verbreiteten Nervenerkrankung multiple Sklerose (MS).

Nach den Worten Narasimhans besitzt allein diese Indikation ein jährliches Umsatzpotenzial von über 4 Milliarden Dollar. Man werde den Wirkstoff zudem als Therapie unter anderem gegen Nahrungsmittelallergien erproben. «All das zusammen könnte das Medikament zum bisher grössten Produkt von Novartis machen», sagte der CEO.

Auf dem gegenwärtigen Niveau befinden sich die Aktien des Pharmakonzerns unweit ihres Allzeithochs. Allerdings gibt es viele Marktbeobachter, die Zweifel gegenüber der Erneuerungskraft des Medikamentenherstellers hegen. Zu ihnen zählen die Analysten der Zürcher Kantonalbank, die weiterhin «ein Damokles-Schwert» über Novartis schweben sehen. Sie verweisen auf den Verlust des Patentschutzes bei gleich drei umsatzstarken Medikamenten, Cosentyx, Kisqali und Kesimpta, in den Jahren 2029 beziehungsweise 2031. In den zurückliegenden drei Quartalen steuerten diese drei Produkte mit 14,4 Milliarden Dollar 42 Prozent zum Gesamtumsatz bei.

Roche geniesst bei Analysten mehr Gunst

Zurzeit raten von den Analysten, deren Empfehlungen in der Datenbank von Bloomberg erfasst sind, nur 31 Prozent zum Kauf der Novartis-Aktien. 59 Prozent sprechen sich dafür aus, die Titel zu halten.

Beim Basler Lokalrivalen Roche ist es umgekehrt. Dort lauten 63 Prozent der Empfehlungen auf «Kaufen» und 30 Prozent auf «Halten».

Die Partizipationsscheine von Roche, deren Kursentwicklung lange hinter jener von Novartis zurückblieb, haben in den vergangenen Monaten kräftig aufgeholt. Jüngst ist ihr Kurs auf fast 400 Franken gestiegen. Damit bewegen sich die Titel wieder auf dem Niveau wie zu den besten Zeiten während der Coronavirus-Pandemie. Wegen der sprudelnden Einnahmen in seinem zweiten Geschäftsbereich, der Diagnostik, wurde der Pharmakonzern damals als Gewinner der Pandemie gehandelt. Nun dürfte er vor allem davon profitieren, dass er sich in nächster Zeit, anders als Novartis, nicht mit starker Konkurrenz durch Nachahmerprodukte herumschlagen muss.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Dominik Feldges

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