Kommentar
Der gescheiterte brasilianische Präsidentschaftskandidat hat sich in die USA abgesetzt. Das wirft kein gutes Licht auf ihn. Aber auch die Justiz des Landes macht sich unnötig angreifbar.
29.10.2026, 15.04 Uhr
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Flávio Bolsonaro hat sich der brasilianischen Justiz durch seine Flucht in die USA entzogen.
Ton Molina / Getty
Ist Flávio Bolsonaro ein Verbrecher und ein Feigling, der sich mit seiner Flucht in die USA seiner gerechten Strafe entzieht? Oder ist der gescheiterte Präsidentschaftskandidat der brasilianischen Rechten ein Opfer seiner linken Gegner und der Justiz, die mit diesen verbandelt ist? Ein Opfer, dem gar nichts anderes übrig blieb, als sich vor einer ungerechten Strafverfolgung mit absehbarem Ausgang in Sicherheit zu bringen?
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Beide Deutungen haben in Brasilien überzeugte Verfechter – je nachdem, auf welcher Seite des polarisierten politischen Spektrums sie stehen. Eine abschliessende Bewertung der Vorgänge ist derzeit nicht möglich, zu nebulös ist die Affäre. Klar ist, dass sich mögliche Verfehlungen Bolsonaros und ein fragwürdiges Handeln der Justiz nicht ausschliessen.
Eine Personalie steht dabei im Vordergrund: Alexandre de Moraes. Bei den Rechten ist der Richter am Obersten Gericht Brasiliens schon lange verhasst. Sie machen ihn verantwortlich für die Niederlage von Flávios Vater Jair gegen Luiz Inácio Lula da Silva bei den Wahlen 2022. De Moraes leitete dann ebenfalls das Verfahren gegen Bolsonaro senior, das 2025 mit einem Schuldspruch endete und dem Ex-Präsidenten 27 Jahre Haft einbrachte. Ausgerechnet de Moraes ist es nun wieder, der gegen Flávio Bolsonaro vorgeht.
Es ging verdächtig schnell
Präsident Lula hatte seinem Herausforderer im Wahlkampf angedroht, dass dieser Probleme mit der Justiz bekommen werde. Und tatsächlich: Wenige Minuten nachdem Lulas Sieg bekanntgegeben worden war, beantragte die Bundespolizei Zwangsmassnahmen gegen Bolsonaro, de Moraes bewilligte sie noch am selben Abend. Er verhängte damit ein Ausreiseverbot über den Verlierer der Wahl, dieser hätte alle seine Pässe abgeben sollen.
Es ist zwar ein Zufall, dass nun wieder de Moraes die Affäre Bolsonaro betreut und nicht einer seiner Kollegen am Obersten Gericht: Die Fälle werden zugelost. Doch die Zuteilung ist aus rechtsstaatlicher sowie politischer Sicht hochproblematisch und sorgt dafür, dass die Rechtsprechung unnötig angreifbar geworden ist. Denn de Moraes ist offensichtlich voreingenommen.
Der Richter hat gute Gründe, die Bolsonaros als persönliche Feinde zu betrachten. Im Verfahren gegen den Vater Jair tauchten Dokumente zu Mordplänen auf, die sich wohl gegen de Moraes richteten. Erst vor wenigen Wochen verlangte Flávio Bolsonaro zudem im Senat ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Richter.
Genügend Verdachtsmomente
Das Narrativ, dass hinter den juristischen Massnahmen gegen Flávio eine Vendetta von de Moraes und ein politisches Manöver von Lula steckten, stösst unter Bolsonaro-Anhängern und ihren internationalen Verbündeten von Trump bis Milei entsprechend auf grosse Resonanz. Doch dadurch lässt sich indes elegant verdrängen, dass es genügend Verdachtsmomente gegen Bolsonaro junior gibt.
Es geht im derzeitigen Verfahren um den Verdacht, dass er in die Geldwäschereiaktivitäten des mit ihm befreundeten Anwalts Willer Tomaz verwickelt ist. Die soliden Hinweise dafür bedürfen einer juristischen Überprüfung, ebenso die verdächtige Finanzierung eines Films über seinen Vater durch den Skandalbanker Daniel Vorcaro.
Für Flávio Bolsonaro gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung. Indem er sich in die USA abgesetzt hat, erschwert der Politiker jedoch die Aufklärung der Fälle – und nährt auch den Verdacht, dass er selbst aufgrund der Beweislage mit einer Verurteilung und einer Gefängnisstrafe rechnet.
Bolsonaros Verhalten steht in scharfem Kontrast zu jenem seines Kontrahenten Lula. Als sich dieser einem Verfahren wegen Korruption ausgesetzt sah, blieb er im Land und musste für rund zwanzig Monate ins Gefängnis. Dies, obwohl er das Verfahren als abgekartetes Spiel zurückwies — eine Kritik, die später zu wesentlichen Teilen gerichtlich bestätigt wurde. Lula kam frei und konnte 2022 erfolgreich für die Präsidentschaft kandidieren.
Der falsche Oppositionsführer
Flávio Bolsonaro taugt nicht zum Märtyrer. Und er taugt mit seinen undurchsichtigen finanziellen Verstrickungen auch nicht zum Anführer der brasilianischen Opposition — diesen Anspruch hat er aus dem amerikanischen Exil heraus erhoben.
Der Bolsonaro-Clan trägt erhebliche Mitverantwortung dafür, dass die Linke nochmals vier Jahre regieren darf: Er hat Flávio als Kandidat durchgedrückt, obwohl dieser nicht über das Charisma und den politischen Spürsinn seines Vaters verfügt. Andere rechte Kandidaten hätten womöglich bessere Chancen gehabt, Stimmen in der Mitte zu holen und damit Lula zu schlagen, etwa Tarcísio de Freitas, der populäre Gouverneur von São Paulo.
Die Chance, die sich durch Flávios Flucht bietet, sollte das bürgerliche Lager nun nutzen – und sich endlich von den Bolsonaros emanzipieren.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Simon Hehli
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