Fertig lustig: Wenn Pierre Alain Schnegg loslegt, überrumpelt er viele. Ist er der richtige Bundesrat?

Pierre Alain Schnegg hat gute Chancen, SVP-Bundesrat zu werden. Der Berner Gesundheitsdirektor hat grosse Projekte angestossen, aber er sorgt mit seinem Stil auch für viel Ärger. Am Inselspital hat er seinen bisher grössten Missgriff gemacht.

01.11.2026, 05.30 Uhr

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Ein Mann mit calvinistischem Arbeitsethos: Pierre Alain Schnegg ist bis heute eher Unternehmer als Politiker.

Ein Mann mit calvinistischem Arbeitsethos: Pierre Alain Schnegg ist bis heute eher Unternehmer als Politiker.

Armin Berger / Imago

In seinem Haus brennt das Licht immer zuerst. Pierre Alain Schnegg ist Frühaufsteher. Um 4 Uhr morgens klingelt bei ihm der Wecker. Nur manchmal schläft Schnegg an einem Wochentag eine halbe Stunde länger. Aber lediglich aus Rücksicht auf die Chauffeure des Kantons. Wenn er sich in seinem Dorf im Berner Jura abholen lässt, bestellt er den Fahrdienst erst für 5 Uhr 30.

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Seit 2016 sitzt Schnegg in der Berner Kantonsregierung, jetzt will er Bundesrat werden. Er ist einer von acht Bewerbern für die Nachfolge des SVP-Bundesrats Guy Parmelin. Als Bernjurassier gilt er als grösster Konkurrent der Genferin Céline Amaudruz – der umstrittene Mandate vorgeworfen werden. Schnegg wiederum könnte sein unzimperlicher Stil zum Verhängnis werden. Sein Arbeitseifer ist berüchtigt. Für ihn sei Arbeit auch «Spass und Vergnügen», sagt er. Wenn Schnegg jedoch loslegt, ist für andere häufig fertig lustig.

Durchboxen als Methode

Schnegg ist als Quereinsteiger in die Politik gekommen. Zuerst hat er eine Softwarefirma aufgebaut, die er teuer verkaufen konnte. Statt sich auf dem Geld auszuruhen, hat er als Spätberufener eine politische Karriere gestartet. Er habe sich in Rekordzeit in komplexe Dossiers eingearbeitet und sich Respekt verschafft, sagt ein Insider aus dem Umfeld des Berner Regierungsrats.

Im Geist ist Schnegg aber ein Unternehmer geblieben. Die langwierigen Prozesse der Politik sind ihm fremd. Sein Tempo und sein Gestaltungsdrang haben denn auch eine Schattenseite: Schnegg hat in der Berner Politik schon viel Geschirr zerschlagen und ist mit seinen ehrgeizigen Projekten auch immer wieder gescheitert.

Das zeigte sich zum Beispiel, als er die Sozialhilfe kürzen wollte – und den Zorn der Linken auf sich zog. «Schnegg muss weg! Schnegg muss weg! Schnegg muss weg!», hallte es damals an Demonstrationen durch die Berner Innenstadt. Prompt wurde seine Vorlage vom Volk abgelehnt. Später versuchte er, die Kürzungen per Verordnung im Asylbereich durchzusetzen. Im Fall einer fünfköpfigen Familie ging er als Regierungsrat gar vor Gericht, um die Kürzungen zu erwirken. Doch er scheiterte erneut.

Besonders in den ersten Jahren als Regierungsrat schien es, als wolle Schnegg seine Politik in Eile und ohne Rücksicht auf Betroffene durchboxen. Das lag laut Beobachtern auch an seinem damaligen Generalsekretär Yves Bichsel, der für seinen Eifer und seine Unerbittlichkeit berüchtigt ist. In den Medien wurde kritisch beleuchtet, dass beide einen evangelikalen Hintergrund haben und Mitglied derselben Freikirche sind.

Inzwischen hat sich Schnegg aber auch den Ruf eines lösungsorientierten Vermittlers erarbeitet. Beim veralteten Ärztetarif Tarmed ist ihm zusammen mit Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider nach jahrelanger Blockade ein Durchbruch gelungen. Nur mögen die Erfolge auf nationaler Ebene kaum darüber hinwegtäuschen, dass Schneggs Politik namentlich auch beim Spitalwesen immer wieder für Ärger gesorgt hat.

2024 wollte Schnegg das serbelnde Spital Zweisimmen im Berner Oberland der privaten Praxisgruppe Medaxo übergeben. Als der Plan publik wurde, geriet Schnegg massiv in Kritik. Die Finanzkontrolle zweifelte daran, dass das Geschäftsmodell der Medaxo genügend ausgereift war, um den Standort in Zweisimmen zu betreiben. Zudem warf sie Schnegg vor, bei der geplanten Transaktion das Parlament übergangen zu haben. Die Bedenken der Finanzkontrolle waren so gross, dass sich diese erstmals dazu entschied, ihre Kritik ohne das Einverständnis des Regierungsrats öffentlich zu machen. Danach war Schneggs Plan tot.

War Schnegg überstürzt ans Werk gegangen? Hatte er das Geschäftsmodell der Medaxo zu wenig genau geprüft? Schnegg lässt keinerlei Kritik gelten. «Dass der Deal geplatzt ist, war eine verpasste Chance», sagt er heute dazu. Er ist überzeugt, dass die Übernahme praktikabel und rechtens gewesen wäre. Und er hält fest, dass inzwischen eine Lösung für die medizinische Versorgung des Simmentals gefunden worden sei.

Tricks in der Buchhaltung des Inselspitals?

Der vielleicht grösste Makel in Schneggs Bilanz ist das Inselspital. 2017 wechselte Schnegg den Verwaltungsratspräsidenten aus – und holte mit Uwe Jocham eine schillernde Figur. Ein Bayer mit grossem Auftritt, einem Flair für Luxusuhren, aber ohne Führungserfahrung an einem Universitätsspital. Bald begehrten Chefärzte und die Belegschaft gegen ihn auf. Von Mobbing, zerstörtem Vertrauen und verängstigten Mitarbeitern war die Rede. Mehrere Grössen wie der Herzchirurg Thierry Carrel verliessen die Insel. Auch der Rheumatologe und Professor Peter Villiger ging. «In dieser Zeit ist sehr viel kaputtgegangen», sagt Villiger rückblickend.

Das für Bern so wichtige Spital rutschte in die roten Zahlen und schrieb über 100 Millionen Franken Verlust. Doch der umstrittene Spitalmanager musste erst 2024 den Hut nehmen. Die Personalie sorgt selbst aus der eigenen Partei für Kritik. «Uwe Jocham war ein personeller Fehlentscheid», sagt der Berner SVP-Nationalrat Thomas Knutti.

Pierre Alain Schnegg gilt in Bern als hartnäckig, bisweilen stur. Bis heute hält er an seinen Entscheiden fest und verteidigt den von ihm geholten Manager vehement. «Das Inselspital hat unter Uwe Jocham sehr grosse und wichtige Projekte umgesetzt», sagt Schnegg. Es sei normal, dass es bei derart umfassenden Reformen Widerstand gebe. «Wir haben gewusst, dass die Zeit des Umbaus teuer und schwierig wird.» Aber mittlerweile zeige sich, dass das Spital wieder auf Kurs sei.

Tatsächlich konnte sich das Inselspital in Rekordzeit aus der Verlustzone manövrieren. Heute schreibt es bessere Zahlen als andere Unispitäler und hat im vergangenen Jahr 135 Millionen Franken Gewinn erzielt. Doch es gibt auch Zweifel an diesem Erfolg.

Der bernische Mitte-Fraktionschef Peter Gerber sieht die Situation des Inselspitals kritischer. Gerber hat selber jahrelang für die Inselgruppe gearbeitet. Er sagt, die finanzielle Situation sei weniger gut als ausgewiesen. Konkret geht es um Immobilienrückstellungen von über 600 Millionen Franken. Diese löst die Insel scheibchenweise auf und erzielt so jedes Jahr 35 Millionen Franken zusätzlichen Gewinn. Diesen verbucht das Spital als «übrigen Ertrag», was Gerber kritisiert. «Das ist nicht verboten, aber auch nicht besonders transparent.» So sei «nur für Fachspezialisten» erkennbar, dass das Spital dieses Geld gar nicht erwirtschafte – sondern nur auf dem Papier erziele.

Das Inselspital wehrt sich gegen diese Vorwürfe. Die Gruppe halte sich an anerkannte Rechnungslegungsstandards und sei verpflichtet, diese Immobilienrückstellungen aufzulösen. Als die Gruppe 2024 damit angefangen habe, sei im Finanzkommentar an erster Stelle darauf hingewiesen worden. Auch für Pierre Alain Schnegg ist der Turnaround geschafft: «Das Inselspital erwirtschaftet heute mit weniger Personal mehr Umsatz.»

Schnegg ist mittlerweile 63 Jahre alt und musste selbst schon als Patient ins Spital. Er liess sich am Herzen zwei Implantate, sogenannte Stents, einsetzen. Das ist für ihn aber kein Grund, ein wenig kürzerzutreten. «Meinem Körper geht es gut», sagt Schnegg. Er habe nach dem Eingriff viel auf dem Hometrainer trainiert und fühle sich in bester Verfassung. «Ich möchte nicht den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen, sondern mich weiter engagieren.»

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Georg Humbel, Gina Bachmann

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