Fed-Chef Kevin Warsh hält sich aus dem Wahlkampf heraus und lässt den Leitzins, wo er ist
Die Inflation in den USA ist viel zu hoch. Dennoch findet die Spitze der amerikanischen Notenbank, dass das Zinsniveau vorerst angemessen ist.
28.10.2026, 19.11 Uhr
4 Leseminuten
Fed-Chef Kevin Warsh lässt auf die Zinserhöhung im September vorerst keine weitere folgen.
Gent Shkullaku / Imago
Für einmal hat es die amerikanische Notenbank nicht eilig. Trotz der anhaltend hoher Teuerung in den USA belässt sie den Leitzins bei 3,75 bis 4 Prozent. Das Sammeln von weiteren Daten werde helfen, die richtige Zinspolitik festzulegen, begründet der Offenmarktausschuss des Fed sein Zuwarten am Mittwoch.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Allerdings teilten nicht alle der zwölf stimmberechtigten Mitglieder des Ausschusses diese Position: Lisa Cook und Beth Hammack sprachen sich für eine weitere Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte aus. Bei der letzten Sitzung im September hatte der Offenmarktausschuss noch mit 12-0 für eine Zinserhöhung votiert. Diese Einigkeit ist jetzt, da die wirtschaftliche Lage in den USA so schwierig zu interpretieren ist wie noch selten, aber bereits wieder vorbei.
Ein Wink mit dem Zaunpfahl
Es gibt zwei Gründe für die Zurückhaltung des Fed. Erstens haben die beiden wichtigsten Figuren in der Notenbank nebst Warsh – Vizepräsident Philip Jefferson und John Williams, der Präsident der New Yorker Fed – Hinweise gegeben, dass sich aus ihrer Sicht noch keine weitere Veränderung aufdrängt. Jefferson deutete an, dass der Offenmarktausschuss mehr Zeit benötigt, um die relevanten Trends in den Daten aufzuspüren.
Frühere Fed-Chefs sprachen solche programmatischen Aussagen mit ihren wichtigsten Stellvertreter stets ab, um die Erwartungen der Finanzmärkte in die richtige Bahn zu lenken. Kevin Warsh verzichtet selbst darauf, Hinweise zu geben, welche Zinspolitik sie vom Fed erwarten können. Aber er hat die Auftritte von Jefferson und Williams auch nicht unterbunden.
Zweitens stehen nächste Woche in den USA die Zwischenwahlen an. Das allein ist noch kein Grund für einen Nullentscheid des Fed: Eine Erhöhung des Leitzinses wirkt immer erst mit Verzögerung und hätte auf die wirtschaftliche Situation der Amerikaner in den kommenden Tagen kaum einen unmittelbaren Einfluss gehabt.
Die amerikanische Zentralbank blendet die politischen Folgen ihrer Entscheide zudem grundsätzlich aus und fokussiert sich auf ihr Mandat, die Teuerung und den Arbeitsmarkt im Griff zu behalten. An der vergangenen Sitzung im September erhöhte sie den Leitzinssatz, obwohl Präsident Donald Trump sie vor diesem Schritt gewarnt hatte. Trump bezichtigte die Mitglieder des Offenmarktausschusses mit Ausnahme von Kevin Warsh, ihm aus politischen Motiven schaden zu wollen. Der Leitzins müsse eigentlich bei 1 Prozent oder noch tiefer liegen, forderte er vergeblich.
Unmittelbar vor einer wichtigen Wahl versucht das Fed aber dennoch, sich im Hintergrund zu halten, wenn die Wirtschaftslage das zulässt. Die Finanzmärkte hatten den Wink mit dem Zaunpfahl wahrgenommen: Am Mittwochmorgen erwarteten 91 Prozent der Marktteilnehmer, dass das Fed an dieser Sitzung stillhalten wird. Vor einem Monat, also vor den Reden von Jefferson und Williams, hatten noch fast 70 Prozent auf eine weitere Zinserhöhung schon im Oktober gesetzt.
Die Teuerung schmerzt die Amerikaner
Derzeit gehen 86 Prozent der Marktteilnehmer davon aus, dass dieser Schritt an der nächsten Sitzung im Dezember nachgeholt wird. An den Daten hat sich zuletzt nämlich nichts Wesentliches verändert: Die Inflation in den USA ist und bleibt zu hoch. Im September betrug sie 3,7 Prozent, angetrieben durch die neuen Spannungen im Nahen Osten und die erneut stark ansteigenden Energiekosten. Das Fed strebt eigentlich eine Teuerungsrate von 2 Prozent an.
Kevin Warsh hatte in einer programmatischen Rede im August gesagt, dass er und seine Kollegen «zuversichtlich» sein müssten, dass sich der Inflationstrend in die richtige Richtung bewegt. «Falls dem nicht so ist, haben wir Arbeit vor uns.»
Die geopolitische Lage bietet jedoch keinen Anlass zu Zuversicht, dass die Inflation bald auf zwei Prozent fällt. Der Krieg gegen Iran dauert insgesamt schon über acht Monate an. Zudem gibt es glaubwürdige Medienberichte, wonach die USA und Israel nach den Zwischenwahlen eine neue Offensive planen könnten, um Teheran an den Verhandlungstisch zu zwingen.
Darüber hinaus zeigt sich der amerikanische Arbeitsmarkt weiterhin erstaunlich widerstandsfähig. Restaurants, Spitäler und Baufirmen stellen weiterhin Personal ein, während das Arbeitsangebot wegen der stark abnehmenden Netto-Zuwanderung eingeschränkt bleibt. Der Fed-Offenmarktausschuss hat diese Widerstandskraft durchaus registriert. In seinem Communiqué am Mittwoch schrieb er, dass die Wirtschaft derzeit in «kräftigem» Tempo wachse. Im September sprach er noch von einem «soliden» Wachstumstempo.
Punkto Wirtschaftswachstum übertrifft die USA weiterhin alle anderen grossen Industrienationen. Der Echtzeit-BIP-Tracker des Atlanta Fed beispielsweise weist seit Monaten ein Wachstum von deutlich über 3 Prozent auf. Dieses wird durch den starken Konsum der Amerikaner und steigende Unternehmensinvestitionen angetrieben – insbesondere in den Bau von Rechenzentren.
Manche Ökonomen hätten in dieser Ausgangslage lieber eine raschere Reaktion gesehen: Warum die sichere Erhöhung bis Dezember herausschieben, wenn man schon jetzt handeln kann? Zahlreiche Stimmen wandten aber ein, dass die Teuerung nun schon länger zwischen 3 und 4 Prozent liegt und daher keine Feuerwehrübung nötig ist.
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · André Müller
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira