Faule Romands? Von wegen: Die Genferseeregion überholt Zürich – und ist der wichtigste Wirtschaftsraum der Schweiz

Die Waadt und Genf haben zusammen weniger Einwohner als der Kanton Zürich, aber ein grösseres Bruttoinlandprodukt. Das zeigen neue Zahlen des Bundes. Welsche Wirtschaftsvertreter fordern nun mehr Gehör in Bern.

02.11.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Die Genfer Wirtschaftsleistung ist durch die Neuberechnung um fast 50 Prozent gestiegen. Sie übertrumpft nun sogar das Bruttoinlandprodukt des viel grösseren Kantons Waadt.

Die Genfer Wirtschaftsleistung ist durch die Neuberechnung um fast 50 Prozent gestiegen. Sie übertrumpft nun sogar das Bruttoinlandprodukt des viel grösseren Kantons Waadt.

Stefan Wermuth / Bloomberg / Getty

«Die Griechen der Schweiz», titelte die «Weltwoche» einst über die Romands. Die Welschen arbeiteten weniger als die Deutschschweizer und frönten «mediterranem Schlendrian», schrieb das Magazin. Die Schlagzeile von 2012 wird in der Romandie zuweilen noch heute zitiert als Beleg für den angeblich verzerrten Blick der Deutschschweizer.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Tatsächlich zeichnen neue Zahlen des Bundesamts für Statistik ein ganz anderes Bild: Der wichtigste Wirtschaftsraum der Schweiz ist nicht mehr Zürich, sondern das Herzstück der Romandie, die Genferseeregion. Sie hat nunmehr ein grösseres Bruttoinlandprodukt (BIP) als die statistische «Grossregion» Zürich.

Zürich liegt 12 Prozent hinter der Genferseeregion

Der Abstand ist deutlich. Die Genferseeregion mit den Kantonen Genf, Waadt und Wallis erzielte im Jahr 2024 eine Wirtschaftsleistung von 190 Milliarden Franken. Die «Grossregion» Zürich besteht zwar nur aus dem gleichnamigen Kanton, hat aber fast gleich viele Einwohner. Trotzdem erwirtschaftete Zürich rund 12 Prozent weniger, nämlich 167 Milliarden Franken.

Selbst wenn man das Wallis herausrechnet, übertreffen Genf und die Waadt mit ihrem kumulierten BIP Zürich. Der Arc lémanique kommt zusammen auf gut 168 Milliarden Franken. Zürich folgt knapp dahinter mit 167 Milliarden.

Das ist umso bemerkenswerter, als Genf und die Waadt zusammen rund 1,4 Millionen Einwohner haben – Zürich jedoch gut 1,6 Millionen. Allerdings profitieren die beiden welschen Kantone auch von rund 170 000 Grenzgängern aus Frankreich.

Die neue Rangordnung beim BIP geht darauf zurück, dass das Bundesamt für Statistik seine Berechnungsmethode verfeinert hat. Bisher schätzte das Amt die kantonalen BIP, indem es die Wirtschaftsleistung der Schweiz auf die Kantone herunterbrach, je nach deren Anzahl von Arbeitsplätzen in bestimmten Branchen.

Nun geht die Behörde umgekehrt vor: Sie schaut auf die Standorte von Unternehmen und berechnet aus deren Kennzahlen die kantonalen BIP. Diese Methode bildet laut den Statistikern die Wertschöpfung einzelner Regionen genauer ab. Davon profitieren besonders Kantone mit viel Export- und Handelsgeschäft.

Einer der grossen Gewinner der Revision ist Genf. Dessen BIP stieg im Referenzjahr 2022 dank der neuen Berechnungsmethode um fast die Hälfte, nämlich von 61 auf 90 Milliarden Franken.

Dieser Sprung dürfte besonders an den Rekordgewinnen der Rohstoffhändler liegen. Sie profitieren etwa von den hohen Energiepreisen infolge der Kriege in der Ukraine und in Iran. Auch deshalb ist Genf der grösste Geberkanton im interkantonalen Finanzausgleich geworden.

Das BIP der Waadt ist dank der Revision ebenfalls gestiegen. Im Referenzjahr 2022 gab es ein Plus von immerhin 12 Prozent, von fast 65 auf 73 Milliarden Franken. Zürich hingegen verlor durch die Neuberechnung leicht. Das BIP sank 2022 um 1 Prozent.

Welsche Ministerinnen stellen Forderungen

Dass die Genferseeregion nun vor Zürich der stärkste Wirtschaftsraum der Schweiz ist, könnte politische Debatten in Bern verschärfen, besonders bei Verteilungsfragen zwischen den Grossregionen und den Kantonen. Westschweizer Politikerinnen und Wirtschaftsvertreter jedenfalls äussern sich auf Anfrage selbstbewusst.

So weist die Waadtländer Wirtschaftsvorsteherin Isabelle Moret darauf hin, dass ihr Kanton und Genf zusammen fast 20 Prozent des Schweizer BIP erwirtschaften. Beide Kantone hätten in der Wirtschaft ein ebenso grosses Gewicht wie Zürich. «Es ist höchste Zeit, dass das auch in der Politik der Fall wird.»

Die FDP-Politikerin fordert verstärkte Investitionen in die Infrastruktur des Arc lémanique, besonders im Rahmen des Pakets «Verkehr ’45» von Bundesrat Albert Rösti. «Wir fordern, dass unsere Projekte für Eisenbahn und Strassen priorisiert werden.» Die wirtschaftliche Dynamik der Region mache das nötig.

Ähnlich äussert sich die Genfer Wirtschaftsvorsteherin Delphine Bachmann. «Die neuen BIP-Zahlen geben Genf und der Region zusätzliches Gewicht in der landesweiten Debatte über die Infrastruktur», sagt die Mitte-Politikerin. Die Mühlen der Politik mahlten langsamer als jene der Wirtschaft, was mit ein Grund für den Infrastrukturstau der Romandie sei.

Bachmann will, dass die Region verstärkt mit einer Stimme spricht. «Wir müssen gemeinsam mit einem klaren Plan auftreten, mit prioritären Projekten, die Sinn ergeben.» Die Genferin sagt das aus einer Position der Stärke: Ihr Kanton hat beim neu berechneten BIP die viel grössere Waadt überflügelt.

Die Romandie blickt neidisch auf den Zürcher HB

Klagen über geringe Bundesgelder für die Infrastruktur sind in der Romandie fast schon zum Evergreen geworden. Wirtschaftsvertreter und Politiker aller Couleur kritisieren, dass die SBB in der Romandie jahrzehntelang vernachlässigt worden seien. Sie verweisen darauf, dass Zürich schon lange einen vergrösserten Hochglanzbahnhof habe, aber Lausanne und Genf frühestens Ende der 2030er Jahre ihre umgebauten Bahnhöfe einweihen könnten.

Auf grosses Unverständnis stossen Entscheide im Rahmen von «Verkehr ’45». Kritisiert wird namentlich, dass der Bund am Grimseltunnel zwischen dem Wallis und dem Kanton Bern festhalten, aber bei Projekten für viel mehr Fahrgäste in der Romandie bremsen will. Der Grimseltunnel solle nur 400 000 Fahrgästen im Jahr zugutekommen, die geplante Metro in Genf hingegen bis zu 400 000 Fahrgästen am Tag, sagte der Genfer Verkehrsminister Pierre Maudet vergangene Woche an einer Podiumsdiskussion.

Der mächtige Waadtländer Unternehmerverband Centre Patronal schlägt in die gleiche Kerbe. Es sei «unerträglich und inakzeptabel», dass der Bund am Grimseltunnel festhalte, aber einen Ausbau der Strecke Lausanne–Genf «auf den Sankt-Nimmerleins-Tag» verschiebe, sagt der Präsident Christophe Reymond. Für die viel befahrene Pendlerstrecke wird seit Jahren rund um die Stadt Morges ein drittes Gleis zur Entlastung geplant.

Just am Freitag, wenige Tage nach der Neuberechnung der kantonalen BIP durch das Bundesamt für Statistik, organisierten das Centre Patronal und weitere Wirtschaftsverbände in Genf das erste «Forum économique lémanique». Das Hauptthema: die Verkehrsinfrastruktur. Mehr als hundert Vertreter aus Politik und Wirtschaft hätten teilgenommen, schrieben die Veranstalter in einem Communiqué.

Der Bund strich in der Waadt elf Strassenprojekte

Sie appellierten an Bern, dass die Investitionen der Eidgenossenschaft dem «substanziellen Beitrag des Arc lémanique zum Schweizer Wohlstand» gerecht werden müssten. Und rechneten vor, dass das auch beim Autoverkehr gerade nicht der Fall sei: Von den 31 Strassenbauprojekten, die der Bund kürzlich schweizweit gestrichen habe, entfielen allein 11 auf den Kanton Waadt. Davon beträfen 5 direkt die Uferregion des Genfersees.

Einer der Ersten, die in den Zahlen des Bundes die neue Rangordnung unter den Schweizer Wirtschaftsregionen entdeckten, ist Pierre Dessemontet. Der langjährige SP-Stadtpräsident von Yverdon-les-Bains beendete im Sommer seine Politkarriere, kehrte in seinen ursprünglichen Beruf als Wirtschaftsgeograf zurück – und verkündete die frohe Botschaft vergangene Woche am Westschweizer «Forum des 100» auf dem EPFL-Campus.

Die Romandie sei von der Wirtschaftskrise in den 1990er Jahren heftiger getroffen worden als die Deutschschweiz, sagt Dessemontet im Gespräch. Aber seitdem wachse sie strukturell stärker. Zum Beispiel sei die Zahl der Arbeitsplätze am Arc lémanique zwischen 1995 und 2023 jährlich um 1,62 Prozent gewachsen, im Kanton Zürich hingegen nur um 1,15 Prozent.

Solche Erfolgsnachrichten habe die Romandie wahrscheinlich zu wenig gut verkauft, sagt Christophe Reymond vom Centre Patronal. Wenn er mit Deutschschweizern spreche, habe er nicht den Eindruck, dass sie wie einst die «Weltwoche» auf die Romandie hinabblickten. Sondern dass ihnen einfach die wirtschaftlichen Realitäten nicht bewusst seien.

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Matthias Sander

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira