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Extremismus-Expertin: «In einzelnen Moscheevereinen gilt die Hamas als Vorbild»

Die österreichische Regierung will den politischen Islam verbieten. Lisa Fellhofer beobachtet die Szene seit Jahren. Die Direktorin der Dokumentationsstelle Politischer Islam erklärt, warum Islamisten auf Tradwives und Lauftrainings setzen.

29.10.2026, 05.30 Uhr

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Vier Frauen mit Kopftuch stecken am 4. November 2025 im Schlosspark Schönbrunn in Wien die Köpfe zusammen.

Vier Frauen mit Kopftuch stecken am 4. November 2025 im Schlosspark Schönbrunn in Wien die Köpfe zusammen.

Helmut Fohringer / APA

Frage: Frau Fellhofer, nach dem 7. Oktober 2023 plante die Hamas in Wien Anschläge. Wird auch in Österreich mit der Hamas sympathisiert?

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Antwort: In einzelnen Moscheevereinen, aber auch online können wir beobachten, dass die Hamas als Vorbild gilt. Wir haben über den Fall eines Wiener Imams berichtet, der in seinen Freitagspredigten über Jahre die Hamas als positives Beispiel präsentierte. Gleichzeitig sagte er, Österreich sei das Gastland, in dem man als Muslim frei leben könne. Das zeigt, wie schwierig dieser Bereich ist: Die Hamas ist Vorbild, aber die Prediger sind sich sehr bewusst, dass sie besser nicht direkt zur Gewalt in Österreich aufrufen.

Frage: Seit dem 7. Oktober ist auch die Nähe zwischen Islamisten und Linksextremen ein Thema. Sehen Sie das auch?

Antwort: Ja, Hamas-Narrative haben seither breit Fuss gefasst, auch in Gruppierungen, die nicht religiös sind, sondern aus dem linksextremen Spektrum kommen und sich dem postkolonialen Kampf verschrieben haben. Dort wird die Hamas als Widerstandsbewegung gefeiert, alles andere wird ausgeblendet. Ein Beispiel ist die Organisation Dar al-Janub. Einzelne Personen haben sich mit Hamas-Führern getroffen, davon gibt es Fotos.

Die Extremismus-Expertin

PD

Lisa Fellhofer leitet seit 2020 die österreichische Dokumentationsstelle Politischer Islam. Zuvor arbeitete sie beim Österreichischen Integrationsfonds und im Aussenministerium. Sie studierte an der Universität Wien und an der Diplomatischen Akademie Wien.

Frage: Gibt es diese Sympathie auch im rechtsextremen Spektrum?

Antwort: Zwischen Rechtsextremismus und Islamismus gibt es oft inhaltliche Überschneidungen. Sie lehnen sich zwar gegenseitig ab, aber sie zerreiben die Mitte. Nach einer Koranverbrennung in Skandinavien hiess es bei den Hizb-ut-Tahrir-nahen Gruppen: Seht ihr, wir werden diskriminiert. Am Ende hat man noch das Kalifat gefordert. Die Extreme füttern sich gegenseitig, und eine vernünftige Mitte, die sachlich debattieren kann, bleibt nicht übrig.

Frage: Seit dem 1. September gilt in Österreich das Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren. Wie wird in der islamistischen Szene damit umgegangen?

Antwort: Die Massnahmen werden von islamistischen Influencern in den sozialen Netzwerken aufgegriffen und mit einem Dreh versehen, der die eigene Ideologie stärkt: Ihr seht doch, Islam und Westen lassen sich nicht vereinbaren. Folgt lieber unserer Auslegung, wir sind im Besitz der Wahrheit. Dieses Wir-gegen-sie-Denken ist sehr wichtig und wird zum Teil bewusst gesetzt.

Frage: Gerade Influencerinnen sind in der islamistischen Propaganda wichtiger geworden. Welche Botschaft verbreiten sie?

Antwort: Die islamistischen Influencerinnen agieren ähnlich wie die Tradwives. Sie propagieren ein sehr rückwärtsgewandtes Frauenbild mit islamistischem Unterton und versuchen bewusst, junge Mädchen und Frauen vom hiesigen Gesellschaftsmodell abzubringen. Die Botschaft: Die westliche Gesellschaft setzt euch nur unter Druck. Wir haben ein Gegenangebot, mit dem ihr glücklich werden könnt. Einige dieser Accounts sind sehr erfolgreich.

Antwort: Auch die männlichen islamistischen Influencer springen auf bestehende Trends auf, wie etwa die Manosphere oder den Fitnesstrend. Sie organisieren auch Lauftreffs oder Retreats mit Paintball.

Frage: Gibt es strategische Gründe dafür, dass verstärkt Influencer und nicht Organisationen Propaganda verbreiten, etwa, weil man sie nicht verbieten kann?

Antwort: Das haben wir tatsächlich beobachtet, etwa bei den Hizb-ut-Tahrir-nahen Gruppierungen in Deutschland: Realität Islam, Generation Islam und Muslim Interaktiv. Letztes Jahr wurde der Auftritt der Organisationen plötzlich durch Auftritte von Einzelpersonen abgelöst. Später wurde klar, warum: weil Deutschland diese Gruppierungen verboten hat oder gegen sie ermittelt. Es ist viel schwieriger, gegen persönliche Accounts vorzugehen.

Frage: Was hat man da für eine Handhabe? Diese Influencer haben Zehntausende Anhänger, verletzen aber meist keine Gesetze.

Antwort: Es braucht einen europäischen Ansatz und das Gespräch mit den Plattformbetreibern, um ihnen bewusst zu machen: Hier sind Grenzen erreicht. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, aber nicht mit endloser Toleranz. Die islamistischen Influencer sind sehr gut darin, Grenzen auszuloten. Das kennt man aus dem Rechtsextremismus: Man geht so weit, wie man gehen kann, ohne strafrechtlich belangt zu werden, und spielt mit Codes, Symbolen und Nuancen. Man muss zuerst hinsehen, das entziffern und dann dagegenhalten.

Frage: In Italien gab es kürzlich mehrere Fälle eines neuen Typs junger Islamisten: online sehr aktiv, gewaltbereit und teilweise vom Rechtsextremismus inspiriert. Beobachten Sie diesen Typ auch in Österreich?

Antwort: Das Phänomen wird in der Extremismusforschung immer mehr festgestellt. Manche Wissenschafter sprechen von Salatbar-Extremismus: Man sucht sich Versatzstücke heraus und bastelt sein eigenes extremistisches Weltbild. Das gibt es bei Einzelpersonen, die sich radikalisieren. Man darf aber nicht vergessen, dass der Online-Islamismus nicht unabhängig von gewachsenen Strukturen ist. Organisationen wie Milli Görüs und die Muslimbruderschaft sind weiterhin wichtig. Sie agieren offline sehr effektiv und wirken ins Online-Milieu hinein.

Frage: Wie Sie in Ihrem Jahresbericht schreiben, wird der politische Islam auch von bestimmten Staaten wie der Türkei gefördert. Wie reagiert Österreich darauf?

Antwort: Über Diyanet, die staatliche türkische Religionsbehörde, versucht die Türkei, auf die türkischstämmigen Gemeinschaften in Österreich, der Schweiz und Deutschland Einfluss zu nehmen und die Ideologie der AKP zu verbreiten. In den vergangenen etwa zehn Jahren hat das offizielle Österreich signalisiert, dass Wahlveranstaltungen, etwa mit Erdogan in einer angemieteten Halle, nicht erwünscht sind. Darum haben sich die Strukturen angepasst. Die Union Internationaler Demokraten (UID), eine Lobbyorganisation der AKP, wird vermehrt als Plattform genutzt, und an kulturellen oder religiösen Veranstaltungen gibt es nichtöffentliche Gespräche mit Vertretern aus der türkischen Politik. Man ist generell geschickter geworden: Zum Beispiel rief Erdogan vor den letzten Wahlen zufällig zum UID-Fastenbrechen in Wien an und hielt dann über das Telefon eine Rede.

Frage: Der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker will den politischen Islam per Verfassungsgesetz verbieten. Wäre auch diese Unterstützung betroffen?

Antwort: Seit der Anpassung des Islamgesetzes 2015 ist die direkte Auslandsfinanzierung religiöser Einrichtungen unter dem Dach der anerkannten muslimischen Strukturen bereits verboten. Früher hat Diyanet direkt Imame nach Österreich entsandt und bezahlt. Das geht jetzt nicht mehr. Die Kontrolle ist aber weiterhin da, die Zusammenarbeit auch. Es gibt immer eine Abwägung, auch bei der derzeitigen Diskussion über ein Verbotsgesetz: Was wiegt schwerer, die Religionsfreiheit, die Meinungsfreiheit, andere Grundrechte? Damit müssen sich Politik und Rechtswissenschaft jetzt auseinandersetzen.

Frage: Von den Islamverbänden wird Ihnen vorgeworfen, nur über sie, aber nicht mit ihnen zu forschen. Stimmt das?

Antwort: Im Gegenteil, wir haben grosses Interesse daran, direkt mit den Islamverbänden zu arbeiten. Vor einigen Jahren waren wir im Gespräch mit der Islamischen Föderation in Österreich, die Verbindungen zur Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) in Köln hat. Wir haben gemeinsam ein Forschungsdesign ausgearbeitet. Im Rahmen dieser Annäherung fand in Wien eine Podiumsdiskussion statt, auch mit dem damaligen Generalsekretär der IGMG. Er wurde nach seiner Haltung zur Hamas gefragt und liess sich dazu hinreissen, sie als Terrororganisation zu bezeichnen. Wenige Monate später hatte er seine Führungsrolle nicht mehr. Wenn man das als Führungspersönlichkeit der IGMG sagt, kann es sein, dass man nicht lange auf seinem Sessel sitzen bleibt.

Frage: Die Dokumentationsstelle Politischer Islam gibt es seit sechs Jahren. Ist es Ihnen gelungen, das Thema zu enttabuisieren?

Antwort: Es wird mittlerweile vermehrt sachlich darüber gesprochen, auch von Kritikern. Es bleibt aber ein sehr emotionales Thema, das polarisieren kann. Die Problematik hinter Strukturen wie der Muslimbruderschaft oder Milli Görüs wird heute aber auch in Kreisen gesehen, in denen das vor einiger Zeit noch nicht so war.

Antwort: Trotzdem erleben wir immer wieder Diffamierungen. Der Wikipedia-Eintrag von Professor Mouhanad Khorchide, der der Vorsitzende unseres wissenschaftlichen Beirats ist, wurde und wird immer wieder umgeschrieben. Man operiert mit Begriffen wie «umstritten», und dieses Label bleibt oft hängen. Das betrifft aber nicht nur Forscher, sondern auch Sachartikel. Der Eintrag zur Muslimbruderschaft wird nur mit sehr ausgewählten Quellen belegt, das Label «islamistisch» wird durch «islamisch» ersetzt.

Antwort: Forscher, die sich mit politischem Islam beschäftigen, müssen sich leider immer noch oft rechtfertigen. Ein Paradebeispiel ist Susanne Schröter, die immer wieder angegriffen wurde.

Frage: In Wien sind bereits rund 40 Prozent der Schüler an Pflichtschulen Muslime. Befeuert diese demografische Entwicklung nicht den Islamismus?

Antwort: Je grösser die Gruppe der Muslime, desto wichtiger ist eine positive Grundeinstellung zu Demokratie und Rechtsstaat, und dazu gehört auch die Gleichberechtigung. Diese Werte gilt es unter jungen Menschen besser zu verkaufen. Und umso wichtiger ist es, islamistischen Strukturen den Nährboden zu entziehen. Es gibt einige sehr gute Projekte. Die islamische Theologie an der Universität Wien hat etwa das Projekt «Hey Imam» gestartet, das Alltagsfragen junger Muslime aufgreift – so wie es auch Islamisten tun, aber differenziert und aus islamisch-theologischer Sicht. In einer Sprache, die junge Menschen erreicht und die nicht staubtrocken ist.

Frage: Ist die klare Trennung von Islam und politischem Islam, wie sie die Extremismusforschung betont, überhaupt haltbar? Der Islam war ja immer auch eine Gesellschaftsordnung.

Antwort: Die Trennung ist möglich, weil es um eine klare Linie geht: den Verstoss gegen Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte. Der politische Islam ist ein Teilbereich des religiösen Extremismus, den es auch bei anderen Religionen gibt. Man kann alles extremistisch aufladen. Ich würde davor warnen, Islam und Islamismus zu vermengen. Damit fördert man genau das Narrativ der Islamisten, die auch keine Unterscheidung vornehmen. Und man nimmt den moderaten, liberalen und säkularen Muslimen ihre Stimme weg. Und die Ersten, die durch Islamisten unter Zwang und Druck geraten, sind Muslime selbst.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher

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