Exportschlager Vitaparcours Der Welterfolg begann bei einem Zürcher Turnverein
Der Vitaparcours ist einer der unscheinbarsten und zugleich erfolgreichsten Schweizer Exporte: Rund 500 Anlagen gibt es heute in der Schweiz. Und weltweit finden sich Tausende ähnliche Anlagen.
08.11.2026, 15:25
Die Geschichte beginnt in den 1960er-Jahren, als die Männer des Turnvereins Zürich-Wollishofen ihre wöchentliche Turnstunde in den nahegelegenen Wald verlegten. Der damalige Oberturner nutzte herumliegende Baumstämme, Äste und andere natürliche Hindernisse für zusätzliche Übungen.
Aus dem improvisierten Training entstand deshalb der Wunsch nach einer dauerhaften Anlage. Unterstützung fanden die Männer bei der Vita-Lebensversicherung, einer Tochtergesellschaft der heutigen Zurich Versicherungen. Am 18. Mai 1968 wurde in Zürich-Fluntern in der Nähe des Zoos der erste Vitaparcours eröffnet.
Zu Beginn nutzten eher trainierte Turner und Sportlerinnen den Parcours. Doch ab 1972 richtete er sich ausdrücklich auch an Familien und weniger sportliche Menschen. Fünf Jahre nach der Eröffnung gab es bereits hundert Anlagen in der Schweiz.
Ein Vitaparcours ist kein gewöhnlicher Fitnesspfad. Typischerweise führt er über eine etwa zwei bis drei Kilometer lange Strecke durch den Wald oder im Gelände.
Unterwegs sind 15 Posten mit ganz unterschiedlichen Übungen eingerichtet, die mit Farben gekennzeichnet sind: Blau steht für Ausdauer, rot für Kraft und gelb für Beweglichkeit und Geschicklichkeit. Bei vielen Posten gibt es mehrere mögliche Übungsmöglichkeiten.
Dadurch kann dieselbe Anlage von Spazierenden, einer Familie oder gut trainierten Athletinnen und Athleten unterschiedlich genutzt werden.
Andere Länder kannten bereits früher Laufstrecken mit einfachen Turngeräten. Der entscheidende Schweizer Beitrag: ein übertragbares System. Das erklärt, warum Zürich als Ursprung des modernen Outdoor-Fitness-Trails gilt.
Die Schweiz standardisierte also weniger jeden einzelnen Balken oder jedes Gerät als vielmehr die Idee des Parcours: Laufen, anhalten, trainieren, weiterlaufen – und dabei den ganzen Körper beanspruchen.
Vom Schweizer Wald in die Welt
In Deutschland wurde die Schweizer Idee Anfang der 1970er-Jahre besonders oft kopiert. Das Land wurde damals von einer grossen Breitensportkampagne erfasst. 1970 startete der Deutsche Sportbund die Aktion «Trimm Dich durch Sport», unter anderem mit dem Maskottchen «Trimmy».
Die Schweizer Vita-Versicherung exportierte ihr Modell nach Deutschland, wo sich der Begriff «Trimm-dich-Pfad» durchsetzte. Auf dem Höhepunkt gab es in Deutschland etwa 1500 solcher Anlagen.
Auch in Frankreich entstanden «parcours de santé» oder «parcours Vita», in Österreich werden sie «Waldmeilen» oder «Forstmeilen» genannt, im englischsprachigen Raum «fitness trail», «exercise trail» und «parcourse». Die Formen unterschieden sich, das Grundprinzip blieb aber ähnlich.
Eine wichtige Überarbeitung der Vitaparcours erfolgte Ende der 1990er-Jahre in Zusammenarbeit mit Fachleuten der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen. Die Übungen wurden stärker nach Ausdauer, Kraft sowie Beweglichkeit und Geschicklichkeit geordnet.
Damit wurde der Parcours vor allem differenzierter. Eine sportliche Person kann die Strecke in hohem Tempo bewältigen und anspruchsvolle Varianten wählen. Jemand Älteres kann gehen, Pausen machen und leichtere Übungen absolvieren.
Seit 1993 sorgt nicht mehr die Lebensversicherung, sondern eine Stiftung für die langfristige Unterstützung und Weiterentwicklung des Angebots. Das öffentlich zugängliche Gelände gehört in der Regel nicht der Stiftung, sondern einer Gemeinde, einem Verein oder einer anderen lokalen Trägerschaft. Die Stiftung unterstützt diese mit Konzept und Material.
Die Kosten für Bau und Unterhalt trägt die lokale Trägerschaft. Für den jährlichen Unterhalt rechnen Gemeinden typischerweise mit einigen tausend Franken pro Anlage. In grösseren Gemeinden kann das Budget auch deutlich höher liegen.
Source: SRF · Christian Raaflaub / SWI swissinfo
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