Es hiess immer, Kryptowährungen seien nicht angreifbar. Der Binance-Hack zeigt das Gegenteil. Wie sicher ist die Blockchain wirklich?

Antworten auf die wichtigsten Fragen zum grössten Banküberfall der Geschichte.

02.11.2026, 15.31 Uhr

5 Leseminuten


NZZ

Es ist der grösste Diebstahl aller Zeiten: Vergangene Woche griffen nordkoreanische Hacker die internationale Handelsplattform Binance an und erbeuteten Kryptowährungen im Wert von schätzungsweise 6,3 Milliarden Dollar.

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In den sozialen Netzwerken mischen sich nun Unverständnis und Spott. «Ich dachte, Krypto hätte solche Sachen lösen sollen», schreibt ein Nutzer auf Reddit. Ein anderer höhnt trocken: «Die Zukunft des Geldes.»

Tatsächlich wirft der gigantische Raub Fragen auf. Wie sicher sind Bitcoin und Co. denn nun wirklich?

Inhaltsverzeichnis

Warum gelten Kryptowährungen als sicher?

Der Name Kryptowährungen kommt von Kryptografie – der Wissenschaft der Verschlüsselung. Man denkt an Schliessfächer und Geheimcodes. Und tatsächlich ist das Grundprinzip von Kryptowährungen, die Blockchain, ein qua Design kaum hackbares Konstrukt.

Die Blockchain kann man sich wie eine endlos lange Excel-Tabelle mit einer Liste an Transaktionen vorstellen: Die Ausgaben und Einnahmen aller Konten einer Kryptowährung sind dort vermerkt. Man kann die Liste nicht einfach abändern, weil sie nicht nur auf einem Server gespeichert ist, sondern bei ganz vielen verschiedenen Teilnehmern: dezentral.

Damit diese Liste nicht jeder nach Belieben ändern und sich dadurch beispielsweise im Nachhinein selbst bereichern kann, gibt es bestimmte Regeln und Rechenverfahren. Sie stellen sicher, dass sich immer nur eine offizielle Transaktionsliste durchsetzt, an die sich alle halten – und das, obwohl es keinen zentralen Entscheider gibt. Das ist das Grundprinzip der Blockchain, das ihre Sicherheit garantieren soll. Es ist auch der Grund für den hohen Energieverbrauch von Bitcoin. Dieser Artikel erklärt es im Detail.

Das Gegenstück zur Transaktionsliste sind die persönlichen Wallets: eine Art digitaler Safe, der den Nutzern Zugriff auf ihr Kryptogeld ermöglicht. Das Wallet enthält die kryptografische Schlüsselkombination, die es braucht, um eine Transaktion zu autorisieren. Wenn man auf diese Schlüssel aufpasst, ist das Kryptogeld grundsätzlich vor Diebstahl sicher.

Warum ist der Hack auf Binance dennoch gelungen?

Obwohl die Blockchain sicher ist, können im Krypto-System Hacks passieren. Marktplätze wie Binance sind besonders attraktive Ziele. Wenn ein Wallet einem sicheren Safe entspricht, in dem Banknoten liegen, dann entsprechen Marktplätze wie Binance einem Kasino, bei dem man am Eingang sein Geld in Chips umtauscht.

So wie Chips im Kasino das Spielen um Geld praktisch und übersichtlich machen, erleichtern Plattformen wie Binance es, mit Kryptowährungen zu handeln. Allerdings geht man dabei auch ein ähnliches Risiko ein. Während man im Kasino spielt, wird das eigene Geld nicht in einem Tresor aufbewahrt. Man vertraut nur darauf, dass man seine Chips beim Verlassen des Kasinos wieder in Bargeld umtauschen kann. Ähnlich ist es bei Binance: Man muss sich darauf verlassen, dass man sein Geld wiederbekommt. Es gibt, anders als bei traditionellen Banken, keine gesetzlich vorgeschriebene Einlagensicherung.

Noch fehlen die vollständigen technischen Details zum Hergang des Hacks. Nach ersten Angaben soll in den Laptop eines Binance-Ingenieurs eingebrochen worden sein, doch das war nur Teil eines grösseren Angriffs.

Klar ist, dass die Angreifer in die Cloudserver von Binance vordrangen und es dort schafften, Auszahlungen automatisch autorisieren zu lassen: Die geheimen Schlüssel zu den Vermögensreserven von Binance wurden laut der Firma nicht gestohlen. Dafür fanden die Angreifer Methoden, um Zahlungen im Namen von Binance zu autorisieren.

In der Kasinometapher hätten die Angreifer zwar keinen Tresor geknackt, aber es mit einem Trick geschafft, sich die Bargeldvorräte aus der Kasse des Kasinos auszahlen zu lassen. In nur etwa zwanzig Minuten wurden so Vermögenswerte von mehr als 6,3 Milliarden Dollar gestohlen.

Rund die Hälfte des erbeuteten Geldes sei «eingefroren». Was bedeutet das?

Da alle Transaktionen auf der Blockchain öffentlich einsehbar sind, konnten die Analysten bei Binance den Abfluss der Beute in Echtzeit mitverfolgen. Manche der Geldströme konnten sie stoppen, mit Kontoblockaden.

Konkret stahlen die Hacker rund 1,8 Milliarden Dollar einer Kryptowährung namens Tether. Tether funktioniert nicht wie eine klassische Kryptowährung, sondern eher wie eine Bank: Eine zentrale Organisation hat eine Kontrollfunktion über die Guthaben.

Binance schickte Tether eine schwarze Liste mit den Wallets der Hacker – also gewissermassen ihren Konten. Daraufhin fror Tether die betroffenen Guthaben ein. Seither können die Hacker das Geld nicht mehr verschieben.

Auch bei anderen Geldabflüssen klappte das: Beim Unternehmen Circle wurden Guthaben im Wert von 800 Millionen Dollar gesperrt. Andere Betreiber froren kleinere Beträge ein. Insgesamt konnten so rund drei Milliarden Dollar gerettet werden, also etwa die Hälfte der Beute.

Kann Nordkorea seine Bitcoins jetzt einfach ausgeben?

Nein, schliesslich werden Kryptowährungen kaum als Zahlungsmittel akzeptiert. Die Hacker müssen die erbeuteten Bitcoins und Ether also erst in Dollar oder Yuan oder in andere Währungen umwandeln. Das geht über Krypto-Handelsplätze wie Kraken, Coinbase oder Bitpanda.

Diese Plattformen unterliegen ähnlichen Gesetzen wie Banken, unter anderem der Know-Your-Customer-Regel. Sie besagt, dass Handelsplätze ihre Kunden überprüfen müssen. Da Nordkorea mit internationalen Sanktionen belegt ist, darf keine Börse Geschäfte mit dem Regime oder seinen Vertretern machen.

Ausserdem wird das Geld getrackt: Wallets, die nachweislich mit kriminellen Aktivitäten wie Hacks oder dem Drogenhandel in Verbindung stehen, werden genau beobachtet: An wen senden sie Geld? Von wem erhalten sie Geld? So entsteht eine Kette von verdächtigen Konten, denen keine Auszahlung in echtem Geld erlaubt wird.

Um diese Sicherungsmechanismen zu umgehen, nutzen nordkoreanische Hacker gerne kriminelle Dienstleister. Diese waschen die Guthaben unter anderem mit sogenannten Krypto-Mixern und Money Mules.

Ein Krypto-Mixer nimmt ein Guthaben entgegen, mischt es mit dem Guthaben von anderen Kunden und bezahlt den Betrag später an neu eröffnete Krypto-Wallets aus. Für die Behörden ist so nicht mehr klar, wem das Geld gehört, das aus den Mixern stammt.

Danach werden die Gelder auf den neuen Wallets noch ein paar Mal an andere Konten transferiert, um ihnen einen legitimen Anstrich zu verleihen. Am Ende kommen die Money Mules ins Spiel: Sie tauschen die Kryptowährungen der Hacker mit ihrem eigenen Konto in echtes Geld und schicken es an einen anderen Mittelsmann der Hacker. Dafür kassieren sie normalerweise eine Provision.

Our investigators are observing never-seen-before laundering patterns with the stolen funds from the Binance exploit. Thousands of transactions in a short period suggest that the attackers are using automation to obscure the trail of funds. Rather than simply moving funds onward,… pic.twitter.com/Uhu3dbxDqh

— Chainalysis (@chainalysis) October 30, 2026

Binance zahlt das gehackte Geld zurück. Ist also alles in Ordnung?

Binance hat schon bei Bekanntgabe des Hacks betont, dass alle Kunden vollständig entschädigt würden. Inwiefern das Geld dafür vorhanden ist, ist offen. Bloomberg berichtet, Binance habe Wertschriften im Wert von zirka einer Milliarde Dollar für solche Fälle auf die Seite gelegt. Nun wird die Firma aber mindestens drei Milliarden Dollar brauchen, um die betroffenen Kunden zu entschädigen.

Gut möglich also, dass Binance blufft, um eine Situation zu vermeiden, die man bei einer Bank als Bank-Run bezeichnen würde: Versuchen unzählige Kunden gleichzeitig, ihr Geld abzuziehen, wird die Bank zahlungsunfähig. Das könnte auch einer Krypto-Plattform wie Binance passieren.

Doch dieses Szenario scheint zumindest vorerst abgewendet. Damit haben nicht nur die Kunden von Binance, sondern auch die Krypto-Szene im Allgemeinen den grössten Banküberfall der Geschichte relativ gelassen hingenommen. Der Kurs von Bitcoin sank zwar um einige Prozentpunkte, aber von einem massiven Vertrauenseinbruch kann keine Rede sein.

Dabei zeigt der Hack, wie gross die Risiken in der Krypto-Szene sind – gerade für Privatinvestoren vielleicht erstmals ein Anlass, sich mit diesen genauer auseinanderzusetzen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Gioia da Silva, Ruth Fulterer

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