Erstmals seit 2022 könnte der Schweiz im Winter der Strom ausgehen. Doch im teuren Notfallplan klafft eine Lücke
Streng nach Vorschrift hat die Schweiz ihr altes Reservekraftwerk abgerissen und direkt daneben ein neues eingerichtet. Es ist erst ab Februar parat – und kann weniger als das alte.
01.11.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Rettung für dunkle Zeiten? Der Turbinenprüfstand von Ansaldo Energia in Birr dient als neues Reservekraftwerk (Nachtaufnahme mit Blitz).
Hans-Jörg Walter / NZZaS
Wo die Stromversorgung der Schweiz gegen jede Krise geschützt werden sollte, entsteht jetzt ein Parkplatz. Lastwagen laden Erde ab, zwei Bagger drehen sich, eine Planierwalze walzt. Die Zufahrt ist schon asphaltiert, die ersten Sträucher gepflanzt. Nichts deutet darauf hin, dass hier in Birr, mitten im Aargau, bis vor kurzem das grösste Reservekraftwerk des Landes stand: acht Erdgasgeneratoren, um im Notfall Strom zu produzieren.
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Sie verschwanden kurz vor einem Winter, in dem die Gefahr einer Energiekrise so gross ist wie seit Jahren nicht. Doch Behörden und selbst das Bundesgericht stellten sich quer. Weil die Bewilligung fehlte, mussten die Generatoren in diesem Jahr demontiert werden – und mit ihnen das Reservekraftwerk, das nie benutzt wurde.
«Gute Planung ist anders»
Ausgerechnet jetzt fehlt es auf der Welt wegen des Iran-Kriegs an verflüssigtem Erdgas (LNG). Der wichtige Produzent Katar ist weitgehend ausgefallen. Europa braucht Erdgas zur Stromproduktion und konkurriert mit Asien um LNG-Lieferungen. Der europäische Gaspreis hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdreifacht. Die Erdgasspeicher auf dem Kontinent sind schlecht gefüllt.
In dieser angespannten Lage gibt es eine Lücke in der Schweizer Notfallplanung. Sie macht das Land verwundbar, wenn in Europa Strommangel herrscht. Denn im Winter muss die Schweiz europäischen Strom importieren, weil die eigene Produktion nicht ausreicht.
Das Problem: Der Ersatz für die abgebauten Generatoren in Birr ist noch nicht parat. Damit fehlt in diesem Winter für zwei Monate die Leistung eines grossen Reservekraftwerks. «Die angespannte Energielage in diesem Jahr kommt zwar überraschend. Aber gute Planung sieht anders aus», sagt Jürg Rohrer, Energieforscher an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).
Diese Planung geht zurück bis ins Jahr 2022. Damals wurde die Idee der Schweizer Notkraftwerke geboren. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 drohte ein Stromengpass in Europa. Also entschied der Bundesrat, zusätzliche Stromquellen zu erschliessen.
Die grösste Rolle spielte der Gasturbinenhersteller GE Vernova. Neben seiner Werkshalle in Birr liegt der neue Parkplatz – und dort stand das wichtigste Reservekraftwerk der Schweiz.
Die Bauvorschriften verbieten das Kraftwerk in Birr
Die mobilen Gasturbinen hätten bis zu 250 Megawatt Leistung geliefert. Ausserdem hat der Bund zwei weitere Kraftwerke herangezogen, nämlich in Cornaux (Neuenburg) und Monthey (Wallis). Mit einer Leistung von 36 und 50 Megawatt sind sie deutlich kleiner.
Dann kam das Gesetz dazwischen. Die Verträge für die Bereitstellung aller drei Anlagen sind im Frühjahr ausgelaufen. Zwar hat der Bund es geschafft, den Betrieb in Cornaux und Monthey zu verlängern. Und er hat zusätzlich ein Fernwärmekraftwerk in Bern aufgerüstet, das 50 Megawatt beisteuern kann. Doch das Reservekraftwerk in Birr konnte er nicht erhalten.
Denn das verstiess gegen die Vorschriften. Eine kantonale Bau- und Betriebsbewilligung des Aargaus sei nicht möglich, erklärte das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) bereits im Juni 2025. Und die Sonderverfügung des Bundesrates, durch die das Kraftwerk ermöglicht worden war, lasse sich nur verlängern, wenn eine Strommangellage unmittelbar bevorstehe.
Doch das hat der Bundesrat nicht versucht. Denn bereits 2024 urteilte das Bundesverwaltungsgericht, dass er die Gefahr einer Mangellage nicht ausreichend nachgewiesen habe, als er das Reservekraftwerk per Notrecht erlaubt habe. Das Gericht gab der Beschwerde einer Anwohnerin recht, die unter anderem Lärm befürchtet hatte.
Also wurde das alte Kraftwerk abgebaut – und daneben ein neues eingerichtet. Den Standort hat der Bund bereits Mitte 2025 ausgewählt, und mit 250 Megawatt bietet es dieselbe Leistung: Es ist eine Anlage des italienischen Unternehmens Ansaldo Energia, mit der Gasturbinen getestet werden. Sie liegt nur 500 Meter entfernt, auf der anderen Seite der grossen Werkshalle in Birr.
Ursprünglich gehörte das ganze Areal dem französischen Konzern Alstom. Als Alstom vor rund zehn Jahren seine Energiesparte verkaufte, ging ein Teil in Birr an GE und der andere mit dem Prüfstand an Ansaldo Energia. Dort ragen zwei massive, breite Kamine in die Luft. Sie sollen die sehr heissen Abgase abführen und den Lärm dämpfen, der beim Betrieb der Turbine entsteht.
Doch das neue Reservekraftwerk wird erst ab dem 31. Januar 2027 parat sein. Dann ist der Winter schon zur Hälfte vorbei. «Da umfangreiche Arbeiten für die Wiederinstandstellung am Turbinenprüfstand notwendig sind, konnte mit Ansaldo kein früherer Termin für die Betriebsbereitschaft ausgehandelt werden», teilt das Uvek auf Anfrage mit.
«Das Timing ist unglücklich», sagt auch der Stromexperte Christoph Eisenring von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse. Zwar sei es richtig, dass das GE-Kraftwerk abgebaut worden sei, denn Notrecht dürfe keine Dauerlösung sein. «Der Übergang ist aber schlecht gelöst», sagt er.
Die Lücke wurde bewusst in Kauf genommen: Dass die Bereitstellung anderthalb Jahre dauern würde, stand von Beginn an fest. Die Anlage habe systematisch überprüft werden müssen, um einen sicheren und zuverlässigen Betrieb zu gewährleisten, lässt die Betreibergesellschaft Ansaldo Energia auf Anfrage wissen. Die Arbeit sei sehr umfangreich gewesen und die Ausgangssituation anders als bei GE Vernova.
Für die drei nachfolgenden Winter wird das Notfallkraftwerk laut Uvek jeweils ab dem 1. Dezember verfügbar sein. Doch ausgerechnet in diesem potenziell heiklen Winter soll der späte Start laut den Behörden kein Problem sein. Das Uvek betont, dass die kritischste Phase für die Versorgungssicherheit von Februar bis April eintrete. Genau für diesen Zeitraum stehe die Anlage zur Verfügung.
Ein Gaskraftwerk gegen Gasmangel
Der Energieexperte Jürg Rohrer von der ZHAW teilt die Einschätzung, dass ab Februar die Risiken für die Stromversorgung am grössten sind. Dann sind die Füllstände der Speicherseen für die Wasserkraft am tiefsten – aber auch die Stände in den europäischen Erdgasspeichern.
Genau das ist ein weiteres Problem des neuen Notfallkraftwerks. Die Gasbestände in Europa sind schon zu Beginn dieses Winters aussergewöhnlich niedrig. «Gaskraftwerke nutzen wenig, wenn das Erdgas fehlt, um sie zu betreiben», sagt der Energieexperte Rohrer.
Die Schweiz hat keinen Erdgasspeicher. Anders ist es beim Erdöl. Deswegen sollen die Reservekraftwerke alternativ mit Öl betrieben werden können. Doch die neue Anlage in Birr, das wichtigste Reservekraftwerk der Schweiz, funktioniert nur mit Erdgas. «Eine kontinuierliche Versorgung mit Erdöl war aus technischen und logistischen Gründen nicht möglich», teilt das Uvek mit.
Das kritisiert Christoph Eisenring von Avenir Suisse, denn die abgebaute Anlage von GE Vernova hätte auch mit Heizöl funktioniert: «Man hat eine gegen Engpässe beim Erdgas abgesicherte Anlage durch eine ersetzt, die Gas verlangt. Und das Gas könnte in diesem Winter europaweit knapp werden.»
Die Versorgungskrise darf nicht zu gross sein
Den Preis für den Auf- und Abbau der Reservekraftwerke zahlen derweil die Stromkunden, denn er wird mit einem Zuschlag auf den Strompreis überwälzt. Die zurückgebaute Anlage von GE Vernova hat 470 Millionen Franken gekostet. Für die Umrüstung der Ansaldo-Anlage wurden 275 Millionen Franken fällig. Dabei ist auch sie nur als Übergang vorgesehen: Der Bundesrat will vier langfristige Reservekraftwerke einrichten. Sie sollen ab 2030 parat sein und 2,3 Milliarden Franken kosten.
Doch dagegen formiert sich Widerstand im Parlament. Sollte es zu einem gravierenden anhaltenden Strommangel in Europa kommen, ist der Nutzen der Reservekraftwerke ohnehin umstritten. Ob ihre Stromproduktion dann ausreicht, wird selbst von der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom) bezweifelt. Effektiv sei der Einsatz vor allem bei rein inländischen Versorgungsproblemen, heisst es in einem Bericht aus dem Frühjahr 2025.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Benjamin Triebe
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