Erklärt
Wer fordert Netanyahu heraus? Und wie verläuft die Regierungsbildung nach der Wahl?
Israel wählt am 27. Oktober ein neues Parlament. Die jüngsten Umfragen deuten auf eine Zitterpartie für den amtierenden Regierungschef Benjamin Netanyahu hin. Die wichtigsten Antworten zur israelischen Wahl.
27.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
An einer Autobahn in Tel Aviv hängen Wahlplakate mit dem ehemaligen Militärchef Gadi Eisenkot, dem Vorsitzenden der Partei Jaschar, und dem ehemaligen Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, dem Vorsitzenden der Partei Israel Unser Zuhause.
Amir Cohen / Reuters
Die Knesset, das israelische Parlament, hat 120 Sitze. Bei den Wahlen am Dienstag werden sie neu verteilt – und das möglicherweise mit weitreichenden Folgen. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, der so lange wie kein anderer israelischer Regierungschef an der Macht war, könnte sein Amt verlieren. Das Oppositionslager um Gadi Eisenkot liegt in jüngeren Umfragen vor Netanyahus Partei. Wer die Regierung im jüdischen Staat übernimmt, ist allerdings noch völlig offen.
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Inhaltsverzeichnis
- Warum wählt Israel am 27. Oktober ein neues Parlament?
- Wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?
- Weshalb ist diese Wahl für das Land so wichtig?
- Wer fordert Netanyahu heraus, und wer hat die besten Chancen?
- Welche politische Rolle spielt die arabische Minderheit?
Warum wählt Israel am 27. Oktober ein neues Parlament?
Grundsätzlich wird die Knesset alle vier Jahre gewählt. Die letzte Wahl fand im November 2022 statt, und nun läuft die reguläre Legislaturperiode ab. Dass das Datum auf den 27. Oktober fällt, ist ebenfalls kein Zufall: Das Verfassungsgesetz legt den Wahltag auf einen Dienstag im jüdischen Monat Cheschwan fest.
Trotzdem ist eine solche reguläre Wahl in Israel nicht selbstverständlich. Erstmals seit 1988 hat eine Regierung im Land die Legislaturperiode vollständig ausgeschöpft. In der Vergangenheit wurde das Parlament unter anderem wegen zerbrochener Regierungskoalitionen vorzeitig aufgelöst. Auch in der jüngsten Amtsperiode gab es Bestrebungen für eine vorgezogene Parlamentswahl. Allerdings konnten sich die Parteien nicht auf einen früheren Termin einigen.
Wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?
Die meisten Wahllokale öffnen in Israel um 7 Uhr morgens und schliessen um 22 Uhr Ortszeit (21 Uhr MEZ). Alle israelischen Staatsbürger ab achtzehn Jahren sind wahlberechtigt. Anders als etwa in der Schweiz können die meisten Israeli nicht brieflich abstimmen, sie müssen ihre Stimme persönlich in einem Wahllokal abgeben.
Israel bildet einen einzigen Wahlkreis. Die Wähler entscheiden sich für eine Liste. Die Parteien, die sich aufgestellt haben, müssen für den Einzug ins Parlament mindestens 3,25 Prozent der gültigen Stimmen erhalten. Nach der Schliessung der Wahllokale werden erste Nachwahlbefragungen veröffentlicht. Mit den ersten ausgezählten Ergebnissen ist in der Nacht auf Mittwoch zu rechnen. Das endgültige amtliche Wahlergebnis soll spätestens am 4. November vorliegen.
Weshalb ist diese Wahl für das Land so wichtig?
Viele Israelis bezeichnen die anstehende Parlamentswahl als die folgenreichste in der Geschichte ihres Landes. Primär geht es um Ministerpräsident Netanyahu: Er könnte nach fast zwei Jahrzehnten an der Spitze des jüdischen Staates sein Amt verlieren, sofern es der Opposition gelingt, eine neue Regierung zu bilden. Mit der Entscheidung über Netanyahus politische Zukunft gilt die Parlamentswahl auch für Israels künftigen innen- und aussenpolitischen Kurs als wegweisend.
Erstmals seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 stimmt die israelische Bevölkerung über die politische Führung ihres Landes ab. Der Angriff, bei dem rund 1200 Menschen getötet wurden, markierte eine Zäsur in der israelischen Politik. Damals endeten laufende Massenproteste gegen die Regierungspläne zur Schwächung der Justiz abrupt. Aussenpolitisch geht es nach drei Jahren Krieg vor allem um die Frage, wie Israel mit den Palästinensern und seinen islamischen Nachbarstaaten umgehen will.
Wer fordert Netanyahu heraus, und wer hat die besten Chancen?
Als grösster Herausforderer von Netanyahu, welcher der rechtskonservativen Likud-Partei angehört, gilt Gadi Eisenkot. Der frühere Generalstabschef der israelischen Armee hat im letzten Jahr seine Partei Jaschar gegründet, die sich in der politischen Mitte positioniert. In jüngeren Umfragen lag Eisenkots Partei knapp vor Netanyahus Likud.
Insgesamt haben neben der Likud-Partei und der Partei Jaschar elf weitere Parteien die Chance, den Einzug in die Knesset zu schaffen und einen Ministerpräsidenten zu stellen. Das eher überschaubare linksliberale Lager hat sich hinter dem ehemaligen General Jair Golan versammelt, der seit Mai der neuen Demokratischen Partei vorsitzt. Der rechtsnationale Flügel der Siedlerbewegung, die demografisch und ideologisch zunehmend an Einfluss gewinnt, unterstützt den extrem rechten Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir oder Finanzminister Bezalel Smotrich.
Welche politische Rolle spielt die arabische Minderheit?
In Israel lebt auch eine politisch nicht zu unterschätzende arabische Minderheit. Rund 20 Prozent der zehn Millionen Israeli identifizieren sich entweder als israelische Araber oder als Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft. Für den Wahlkampf haben arabische Parteien zwei Listen aufgestellt: die linksgerichtete Vereinigte Liste und jene der pragmatisch-konservativen Ra’am-Partei. In jüngeren Umfragen lagen diese insgesamt bei zwölf bis sechzehn Sitzen. Beide stehen dem Oppositionslager näher, haben sich allerdings noch nicht eindeutig hinter Eisenkot gestellt.
Auf welche Themen setzten die Spitzenkandidaten im Wahlkampf?
Regierungschef Netanyahu präsentierte primär seine sicherheitspolitische Bilanz. Dabei verwies er etwa auf die militärischen Erfolge Israels im Kampf gegen die Hamas, den Hizbullah und Iran. Vor allem aber präsentierte er sich als Garant für die Sicherheit der israelischen Bevölkerung. An seinem Bündnis mit den ultraorthodoxen Parteien, die sich gegen eine allgemeine Wehrpflicht für ihre Glaubensgemeinschaft stellen, hält Netanyahu fest.
65 Prozent der Israeli verorten sich im rechten politischen Spektrum. Dieser Anteil ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewachsen. Eisenkots Opposition zielte entsprechend im Wahlkampf darauf ab, jene Wähler für sich zu gewinnen, die bislang für Netanyahus Lager gestimmt hatten. Eisenkot forderte etwa eine unabhängige Untersuchung der Rolle Netanyahus am 7. Oktober 2023. Im Gegensatz zum amtierenden Regierungschef will er auch ultraorthodoxe Männer zum Militär- oder Nationaldienst verpflichten, sicherheitspolitisch vertritt er jedoch einen ähnlich harten Kurs wie Netanyahu.
Wie verläuft die Regierungsbildung nach den Wahlen?
Um einen Regierungschef in Israel stellen zu können, sind die Mehrheitsverhältnisse im Parlament entscheidend. Bei den Umfragen wenige Tage vor der Wahl kamen sowohl Netanyahus Regierungsbündnis als auch das Lager der Opposition um Eisenkot nicht auf die notwendigen 61 der 120 Sitze. Keines der beiden Lager könnte bei einem solchen Ergebnis aus eigener Kraft eine Regierung bilden.
Gerade Eisenkot stünde in diesem Fall vor Schwierigkeiten. Seine wichtigsten Bündnispartner schliessen eine Zusammenarbeit mit arabischen und ultraorthodoxen Parteien aus. Auch eine Koalition mit Netanyahu lehnt er ab. Netanyahu könnte, falls keine Mehrheit zusammenkommt, im Amt bleiben. Denkbar wäre etwa eine Minderheitsregierung. Diese würde sich bei Abstimmungen auf andere Parteien stützen.
Die Koalitionsverhandlungen dürften sich über Wochen hinziehen. Falls sie scheitern, wird abermals gewählt. In diesem Fall droht Israel erneut eine politische Dauerkrise, wie sie das Land zwischen 2019 und 2022 erlebte. Die Bevölkerung wurde damals fünfmal innerhalb von vier Jahren an die Urne gerufen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jana Kehl
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