Erklärt
Notbremssysteme übersehen Kinder mit Leuchtwesten
Moderne Autosensoren tun sich mit reflektierender Kleidung schwer. Warum Experten dennoch zu Leuchtfarben raten und wo Autohersteller nachbessern müssen.
Daniel Huber04.11.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Schulkinder sollten weiterhin auf dem Schulweg Leuchtwesten tragen. Autohersteller müssen jetzt aber ihre Notbremsassistenten rasch verbessern, damit sie reflektierende Kleidung besser erkennen.
Luzerner Zeitung
Leserfrage: Ich habe mit Erstaunen die ADAC-Studie über Notbremsassistenten gelesen, die bei reflektierender Kleidung versagen. Meine Kinder tragen auf dem Schulweg eine Leuchtweste. Sind die Reflektoren nun sogar kontraproduktiv?
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Die kurze Antwort: Nein. Reflektoren bleiben im Dunkeln eine der wirksamsten Schutzmassnahmen. Der Test des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs (ADAC) zeigt aber einen Zielkonflikt: Wer Reflektoren trägt, wird von Autofahrern zwar früher gesehen, von manchen Kameras und Algorithmen im Auto jedoch schlechter erkannt.
Was der ADAC getestet hat
Der ADAC liess sechs Autos nachts auf Fussgänger-Dummys zufahren. Wichtig ist die Unterscheidung: Einen Erwachsenen mit handelsüblicher Warnweste erkannten alle Fahrzeuge. Probleme gab es mit genormter Arbeitskleidung, wie sie etwa Strassenbauer tragen, und mit einem Kind in reflektierender Kleidung mit Schulranzen. Fast alle Systeme bremsten zu spät oder gar nicht – obwohl sie dasselbe Kind in dunkler Kleidung rechtzeitig hätten erkennen können. Nur der Mercedes CLA stoppte fehlerfrei. Der ADAC vermutet: Die Software kann Menschen nicht richtig einordnen, wenn ihre Kleidung stark reflektiert. Die genaue Ursache ist noch nicht geklärt.
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Das amerikanische Sicherheitsinstitut IIHS machte bereits Anfang 2025 ähnliche Erfahrungen bei Tests mit Tempo 40: Sobald die Testpuppe Reflexstreifen an Armen und Beinen trug, bremsten Honda CR-V und Mazda CX-5 überhaupt nicht ab. Der Subaru Forester hielt fast immer rechtzeitig an. Technisch lassen sich solche Reflektoren also problemlos erfassen, nur gelingt das gegenwärtig nicht allen Autoherstellern.
Was die Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung rät
Jasmin Zimmermann, Leiterin Forschung Strassenverkehr bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU), sieht keinen Grund, die Empfehlungen zu ändern: «Fahrzeuglenkende erkennen Fussgängerinnen und Fussgänger sowie Kinder mit reflektierenden Materialien deutlich früher als Personen in dunkler Kleidung.»
Den Widerspruch erklärt Zimmermann so: «Was die Sichtbarkeit für das menschliche Auge verbessert, muss nicht zwingend auch die technische Erkennung verbessern.» Das spreche dafür, Prüfverfahren realitätsnäher zu gestalten und die Fahrzeugtechnik zu verbessern, aber «nicht gegen das Tragen reflektierender Materialien». In der Schweiz ist der BfU bis heute kein Unfall bekannt, den ein fehlerhafter Fahrassistent verursacht hätte.
Was jetzt gilt
Für Fussgänger und Kinder ändert sich nichts. Die BfU empfiehlt weiterhin helle Kleidung, eine Leuchtweste und Reflektoren, am besten an Armen und Beinen sowie an Taschen und Schulranzen. Wer Auto fährt, sollte sich allerdings nicht darauf verlassen, dass der Notbremsassistent im Ernstfall eingreift. Solche Systeme seien «im Prinzip Co-Piloten – nicht Autopiloten», sagt Zimmermann. Notbremssysteme sind reine Assistenten, die Verantwortung bleibt beim Lenker des Autos.
Nachbessern müssen die Autohersteller dennoch: Laut dem ADAC lässt sich die Erkennung womöglich sogar bei bereits verkauften Autos per Software-Update verbessern. Die Prüforganisation Euro NCAP testete die Reaktion der Bremsassistenten auf reflektierende Kleidung bisher nicht systematisch. Sie sollte diese Lücke rasch schliessen. Letztlich gilt: Die Kinder sollen nicht auf Reflektoren verzichten, sondern die Systeme in den Autos müssen lernen, sie richtig zu erkennen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Huber
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