Er ist Zimmermann, seine Mutter eine eingesperrte Nobelpreisträgerin
Kim Aris war elf, als die Soldaten Stacheldraht um das Haus seiner Mutter zogen und die Telefonleitung kappten. Wie ist das Leben als Sohn einer der berühmtesten politischen Gefangenen der Welt, Aung San Suu Kyi?
Pierre Terraz, London31.10.2026, 12.12 Uhr
8 Leseminuten
Sein Leben lang hat Kim Aris versucht, möglichst wenig aufzufallen. Bis seine Mutter an einem geheimen Ort in Myanmar eingesperrt wurde. Seither findet der fast 50-Jährige nirgends mehr Ruhe. «Vielleicht hören uns die Geheimdienste gerade über mein Handy zu. Sie wissen immer alles, was ich tue», sagt er und blickt auf die Themse.
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Aris ist der Sohn von Aung San Suu Kyi, der früheren Regierungschefin Myanmars. Zwischen all den Menschen, die an diesem grauen Herbstmorgen auf dem Weg zur Arbeit über die Londoner Westminster Bridge eilen, ist er leicht auszumachen. Denn er sieht aus wie seine Mutter: schlank, sehnig, grossgewachsen. Seine Augen sind dunkel und tief liegend, mit einem höflichen, prüfenden Blick, der nichts preisgibt. Auch seine Haare gleichen den ihren, lange, grau melierte Strähnen, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aris will sie erst wieder schneiden, wenn Aung San Suu Kyi frei ist.
Es war noch dunkel am frühen Morgen des 1. Februar 2021, als bewaffnete Männer in die bewachte Residenz der Regierungschefin in der Hauptstadt Naypyidaw eindrangen. Gleichzeitig nahmen Soldaten in mehreren Landesteilen Minister und Funktionäre der Nationalen Liga für Demokratie fest. Aung San Suu Kyis Partei hatte das Land seit 2016 regiert. Bei Tagesanbruch verkündete das Fernsehen, die Macht sei auf den Oberbefehlshaber der Streitkräfte übergegangen, General Min Aung Hlaing.
«Zwei Tage vor dem Putsch habe ich mit meiner Mutter telefoniert. Sie sagte, etwas werde geschehen. Sie blieb vage, klang aber besorgt. Es war das letzte Mal, dass ich ihre Stimme hörte. Dann verschwand sie», erzählt Aris in einem Café im Zentrum Londons. Kurz vor dem Putsch, im November 2020, hatte die Partei seiner Mutter die Parlamentswahlen erneut deutlich gewonnen. Danach wurde Aung San Suu Kyi unter anderem wegen Wahlbetrugs zu 33 Jahren Haft verurteilt. Die Anklagen seien «konstruiert», sagt Amnesty International. Die Strafe wurde inzwischen auf 18 Jahre reduziert. Aber Aung San Suu Kyi ist 81 Jahre alt. Sie könnte im Gefängnis sterben.
Ein Leben fern der Mutter
Aris kam 1977 als Sohn der burmesischen Oppositionellen und des angesehenen britischen Tibetologen Michael Aris zur Welt. Mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder wuchs er in Oxford auf. Schon als kleiner Junge wusste er, dass seine Mutter in ihrer Heimat eine besondere Rolle spielt. Aung San Suu Kyi ist die Tochter von General Aung San. Sein Grossvater hat die Unabhängigkeit des Landes ausgehandelt, das bis 1948 zum britischen Empire gehörte. Doch noch bevor Myanmar unabhängig wurde, ermordeten ihn politische Rivalen. Bis heute verehrt ihn das Land als Nationalhelden.
Für den Jungen ist dieses Erbe eine Last. In der Familie von Intellektuellen fällt es ihm schwer, seinen Platz zu finden. Heute arbeitet er als Zimmermann. Aus seiner Kindheit sind ihm vor allem die grossen Reisen geblieben: nach Indien, nach Bhutan und nach Japan. Dort verbrachte er ein ganzes Jahr allein mit seiner Mutter, die in Archiven zur Unabhängigkeit ihres Landes forschte.
Das unbeschwerte Leben endete mit einem Telefonanruf im März 1988. Aung San Suu Kyi erfuhr, dass ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten hatte. Sie nahm das erste Flugzeug nach Myanmar und hoffte, sie noch lebend anzutreffen. Ihre Rückkehr fiel in eine schwere politische Krise. Nach 26 Jahren Militärdiktatur strömten Studenten auf die Strassen und protestierten gegen das Regime. Die Armee schoss in die Menge, um den Aufstand niederzuschlagen. Innerhalb weniger Tage töteten die Soldaten nach Schätzungen 3000 Menschen.
Am 26. August 1988 sprach Aung San Suu Kyi vor einer gewaltigen Menschenmenge an der Shwedagon-Pagode. Der goldene, hundert Meter hohe Tempel liegt mitten in Yangon, der grössten Stadt des Landes. In ihrer Rede forderte Aung San Suu Kyi, die damals noch kaum jemand kannte, Demokratie. Sie ging in die Geschichte ein. In den Tagen danach wurde ihr Haus zum Hauptquartier der Opposition. Vier Monate später starb ihre Mutter an den Folgen des Schlaganfalls. Doch Aung San Suu Kyi kehrte nicht mehr nach England zurück.
«Wir haben immer mit dem Gedanken gelebt, dass Mama uns jederzeit verlassen und nach Myanmar zurückkehren könnte. Mein Bruder, mein Vater und ich spürten, dass sie diesem inneren Ruf folgen musste», sagt Aris im Rückblick. Damals nimmt der kleine Junge ihr den Abschied nicht übel. Wie Millionen Burmesen bewundert er seine Mutter. Wie einst ihr Vater wird sie für das Land zur Symbolfigur.
Ein Jahr später, in den Sommerferien 1989, besuchte er sie in Yangon. «Ständig waren Leute im Haus. Sie diskutierten über Demokratie, organisierten die Opposition, versuchten, sich der Überwachung des Regimes zu entziehen. Es war ein Abenteuer!» Aris ahnte nicht, wie selten er seine Mutter in den kommenden zwei Jahrzehnten sehen würde. Am 20. Juli 1989 spielte er im Hof, als Soldaten anrückten und auf den Mauern Stacheldraht anbrachten. Er war elf. Er erinnert sich, wie ein Soldat mit einer Schere die Telefonleitung durchtrennte. Aung San Suu Kyi war der Junta zu einflussreich geworden. Die Generäle stellten Suu Kyi unter Hausarrest, wiesen Aris und seinen älteren Bruder Alexander aus dem Land und entzogen ihnen die burmesische Staatsbürgerschaft.
Die Generäle trennten die Familie
Aris sitzt tief in seinem Stuhl, hinten im Londoner Café. Über die beiden Jahrzehnte danach will er nicht sprechen. 1991 reiste er mit seinem Vater und seinem älteren Bruder nach Oslo, um den Friedensnobelpreis für seine Mutter entgegenzunehmen. Der Jugendliche wirkte noch zu jung für eine Krawatte.
1999 starb sein Vater an Krebs. Aris war 21 Jahre alt. Die Militärführung hatte seinem todkranken Vater die Einreise nach Myanmar verwehrt, um seine Frau ein letztes Mal zu sehen. Stattdessen bot sie Suu Kyi die Ausreise an. Aber Suu Kyi blieb in Myanmar, aus Angst, nicht mehr zurückkehren zu dürfen. Ihr politischer Kampf wäre vorbei gewesen.
Rund zehn Jahre später ging Aris nach Thailand, dort besuchte er die Dreharbeiten zu «The Lady», dem Film des französischen Regisseurs Luc Besson über das Leben seiner Mutter. Besson drehte heimlich. Er fürchtete, die Junta könnte die thailändischen Behörden unter Druck setzen und sein Team festnehmen lassen. Gerade war die Szene mit der Freilassung der Oppositionellen abgedreht, da holte die Wirklichkeit den Film ein. Von jenseits der Grenze kam die Nachricht: Aung San Suu Kyi ist tatsächlich freigekommen. Aris erhielt ein Visum. Am 23. November 2010 sah er seine Mutter am Flughafen von Yangon endlich wieder.
Es folgte ein politischer Aufstieg. 2016 übernahm Aung San Suu Kyi die Führung der ersten zivilen Regierung des Landes. Bei den Wahlen 2020 bestätigten die Wähler ihr Vertrauen. Kurz darauf putschte das Militär. Der Staatsstreich von 2021 stürzte Myanmar in einen Bürgerkrieg, in dem bewaffnete Gruppen gegen die neue Junta kämpfen.
Der Sohn wird zum Aktivisten
Diesmal will Aris mit allen Mitteln für die Freilassung seiner Mutter kämpfen. «Mir wurde klar, dass sich sonst niemand für sie einsetzen würde.» Aung San Suu Kyis Ruf hat stark gelitten, als 2016 und 2017 Angehörige der muslimischen Minderheit Rohingya massenhaft getötet und vertrieben wurden. Suu Kyi verteidigte ihre Regierung und wies die Vorwürfe des Genozids von sich.
«Die Lage ist völlig anders als bei ihrer früheren Haft», sagt Aris. Damals habe er gewusst, wo sie war und dass sie einen Arzt sehen konnte. Er durfte ihr Pakete schicken.
Heute weiss niemand genau, wo die frühere Regierungschefin festgehalten wird. Einer ihrer ehemaligen Berater, der 650 Tage mit ihr in Haft war und dann freikam, schildert ihrem Sohn die Bedingungen. Seine Mutter werde völlig isoliert in einem Raum festgehalten, «in dem es von Kakerlaken und Ratten wimmelt». Im Sommer sei die Hitze «unerträglich», im Winter herrsche «eisige Kälte».
Trotz wiederholter Nachfragen erhält Aris keine Nachricht. Dafür häufen sich Gerüchte über den Gesundheitszustand seiner Mutter. Im September 2023 heisst es, Aung San Suu Kyi leide unter Erbrechen, Schwindel und Zahnproblemen. Sie könne weder essen noch stehen. Eine Quelle mit Verbindungen zum Machtapparat bestätigt, dass sich ihr Zustand verschlechtert habe. Die Junta verweigere ihr den Besuch eines Zahnarztes. Im Januar 2024 erhält Aris einen Brief, den einzigen. Er ist zensiert. Darin erfährt er, dass seine Mutter an einer schmerzhaften Entzündung der Wirbelsäule leidet. Dann bricht jeder Kontakt ab. Zwei Jahre lang weiss er nicht, ob sie noch lebt.
Aris sieht keinen anderen Ausweg mehr: Er sucht diplomatische Unterstützung, um Druck auf die Junta auszuüben. Er bittet das britische Aussenministerium und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz um Hilfe. Regelmässig geht er zur burmesischen Botschaft in London und verlangt Auskunft über seine Mutter. Die frühere italienische Senatorin Albertina Soliani hilft ihm, sein Anliegen unter europäischen Politikern bekanntzumachen. «Neben Emmanuel Macron ist sie meine wichtigste Unterstützerin», sagt er. Soliani vermittelt 2023 ein Treffen mit Papst Franziskus. Der französische Präsident wiederum spricht mit dem thailändischen Ministerpräsidenten über das Schicksal der Friedensnobelpreisträgerin.
Die politische Überzeugungsarbeit trägt wohl Früchte. Ende April 2026 geben die Behörden bekannt, Aung San Suu Kyi in den Hausarrest verlegt zu haben. Ihren Aufenthaltsort halten sie geheim. Im August 2026 darf ein Vertreter des Roten Kreuzes mit ihr sprechen. Erstmals seit Jahren kann sich damit ein unabhängiger Besucher ein Bild von ihrem Zustand machen. Am 19. Oktober veröffentlicht die Junta schliesslich ein Foto. Es zeigt, wie Aung San Suu Kyi Bücher und einen Brief von König Charles III. entgegennimmt.
«Das ist Propaganda. Die Diktatur versucht, ihr Image bei der internationalen Gemeinschaft aufzubessern, besonders bei ihren Wirtschaftspartnern in der Asean», sagt Aris. Die Fortschritte reichen ihm bei weitem nicht.
Er will sich nicht als «politische Person» verstanden wissen. Trotzdem sucht er auch das Gespräch mit bewaffneten Gruppen, die in Myanmar gegen die Junta kämpfen. Bei Videokonferenzen ist er an der Seite von Rebellenführern der Demokratiebewegung zu sehen. Von England aus sammelt er unter Burmesen im Ausland Spenden für Menschen, die der Krieg vertrieben hat. Innerhalb Myanmars sind laut der Uno inzwischen mehr als vier Millionen Menschen auf der Flucht, dazu kommen rund 1,6 Millionen Burmesen, die ins Ausland geflüchtet sind. «Wir versuchen, die Lebensbedingungen in den Flüchtlingslagern zu verbessern», sagt er. Mit seinen verschiedenen Initiativen hat er fast 400 000 Dollar gesammelt.
Ein 20-minütiges Telefongespräch
Ende Oktober konnte er endlich mit seiner Mutter telefonieren. Fünf Jahre lang hatte er darum gekämpft, ihre Stimme wieder zu hören. Er führte das überwachte Gespräch von der burmesischen Botschaft in London aus. «Wir haben zwanzig Minuten gesprochen», erzählt Aris. «Ich habe ihr von der Familie erzählt. Über Politik zu reden, wäre zu riskant gewesen. Ich weiss nicht einmal, ob sie vom bewaffneten Aufstand gegen die Diktatur in ihrem Land weiss.»
Er wirkt erleichtert, macht sich aber keine Illusionen. «Ihre Stimme klang kräftig. Aber ich habe erfahren, dass sie Schmerzen in der rechten Hand hat. Ich wünsche mir, dass wir regelmässig miteinander telefonieren können. Bis jetzt hat man mir das verweigert. Dank der internationalen Unterstützung konnte ich meine Mutter wieder hören. Aber ich will nicht, dass die Welt das für einen Moment der Freiheit hält. Ein Gespräch reicht nicht. Bis meine Familie wieder vereint ist, ist es noch ein weiter Weg.»
Aris ist heute verheiratet und Vater zweier Kinder. Seine Frau Annie hilft ihm, durchzuhalten. Seine Tochter arbeitet als Stadtführerin in Oxford und vermittelt die Geschichte der Stadt, in der auch die Geschichte ihrer Familie wurzelt. Und Aung San Suu Kyis Sohn? Er lässt die Haare weiterwachsen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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